Um 7.43 Uhr rannte ich ins Tierheim, weil ein blinder, fünfzehn Jahre alter Kater nur noch siebzehn Minuten hatte. Was dann geschah, veränderte unser beider Leben.
„Bitte sagen Sie mir, dass er noch da ist!“
Die junge Frau hinter dem Empfangstresen sah erschrocken auf. Ich musste mich mit einer Hand an der Theke festhalten, weil mir vom schnellen Laufen die Luft fehlte.
„Sie meinen welchen Kater?“
„Den alten. Den blinden. Willi. Ich habe gestern Abend den Beitrag gelesen.“
Sie schaute auf die Uhr.
7.43 Uhr.
Dann wurde ihr Gesicht ernst.
„Einen Moment bitte. Ich muss mit meiner Kollegin sprechen.“
Ich bin sechsundsechzig Jahre alt. Ich heiße Renate Albers, wohne in einer kleinen Doppelhaushälfte am Stadtrand von Kassel und bin seit vier Jahren Witwe.
Normalerweise renne ich nirgendwohin.
Meine Knie tun schon weh, wenn ich die Kellertreppe hinuntergehe. Ich fahre lieber etwas langsamer, habe immer ein Päckchen Taschentücher in der Handtasche und brauche morgens meine Ruhe.
Aber an diesem Morgen hatte ich mein Auto schief auf dem Parkplatz abgestellt. Der Kaffee stand noch unberührt im Getränkehalter.
Und ich war durch die Eingangstür gestürzt, als könnte ich damit die Zeit anhalten.
Wegen eines Katers, den ich noch nie gesehen hatte.
Sein Name war Willi.
Fünfzehn Jahre alt. Vollständig blind. Sein Besitzer war verstorben. Seit über drei Monaten lebte er im Tierheim.
Niemand wollte ihn aufnehmen.
Und an diesem Morgen stand eine endgültige Entscheidung über sein Leben bevor.
Um acht Uhr sollte er eingeschläfert werden, wie es in dem Beitrag hieß. Ob dieser Termin tatsächlich unumstößlich war, wusste ich nicht. Aber ich wollte nicht riskieren, es zu spät herauszufinden.
Ich hatte den Beitrag am Abend zuvor auf meinem Handy entdeckt.
Eigentlich wollte ich nur ein paar Fotos meiner Enkelin anschauen. Meine Tochter hatte mir Bilder von ihrem Schulausflug geschickt.
Dann erschien plötzlich dieses Katzenfoto.
Ein alter grauer Kater saß zusammengekauert auf einer Decke. Seine Augen waren milchig. Sein Fell wirkte ungepflegt, und er sah nicht einmal in Richtung der Kamera.
Unter dem Bild standen nur wenige Sätze.
„Willi, 15 Jahre. Blind. Nach dem Tod seines Besitzers seit drei Monaten bei uns. Bisher keine Interessenten.“
Darunter stand der Hinweis auf den Termin am nächsten Morgen.
Ich las alles zweimal.
Dann ein drittes Mal.
Was mich am meisten traf, waren nicht die Worte über das Einschläfern.
Es waren die drei Wörter: „Besitzer ist verstorben.“
Der Mann hatte Erwin Möller geheißen. Vierundachtzig Jahre war er geworden und hatte in einer kleinen Wohnung in Kassel gelebt.
Mehr wusste ich zunächst nicht.
Aber ich stellte mir vor, wie dieser alte Mann und sein Kater zusammengelebt hatten.
Vielleicht hatte Erwin morgens am Küchentisch gesessen, die Zeitung aufgeschlagen und mit Willi gesprochen.
Vielleicht hatte der Kater immer auf demselben Sessel geschlafen.
Vielleicht hatte Erwin beim Fernsehen eine Hand auf seinem Rücken liegen lassen, ohne groß darüber nachzudenken.
Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit.
Fünfzehn Jahre lang hatte Willi ein Zuhause gehabt.
Eine vertraute Stimme.
Schritte, die er erkannte.
Den Geruch eines Menschen, der zu ihm gehörte.
Und dann war dieser Mensch plötzlich verschwunden.
Ich wusste nicht, ob Willi verstanden hatte, was passiert war.
Aber ich konnte mir vorstellen, wie er auf Schritte wartete, die nicht mehr kamen.
Seit mein Mann Rolf gestorben war, kannte ich dieses Warten.
Früher hörte ich seinen Schlüssel immer schon an der Haustür. Er hatte die Angewohnheit, zweimal daran zu rütteln, bevor er aufschloss.
Vierunddreißig Jahre lang hatte ich dieses Geräusch gehört.
Man gewöhnt sich an so etwas.
Und wenn es plötzlich fehlt, merkt man erst, wie sehr das ganze Leben daran gehangen hat.
In den ersten Monaten nach seinem Tod stellte ich manchmal versehentlich zwei Tassen auf den Frühstückstisch.
Noch heute ertappe ich mich gelegentlich dabei, dass ich etwas laut sage, als säße Rolf im Nebenzimmer.
„Du glaubst nicht, was heute passiert ist.“
Dann kommt keine Antwort.
Manchmal ist genau das das Schlimmste.
Nicht die große Trauer, von der alle sprechen.
Sondern diese kleinen Augenblicke, in denen man vergisst, dass man allein ist.
Ich legte an jenem Abend mein Handy auf den Tisch und versuchte, nicht mehr an Willi zu denken.
Es gelang mir nicht.
Um halb elf nahm ich das Telefon wieder in die Hand.
Ich vergrößerte das Foto.
Dieser alte Kater hatte ein schmales Gesicht und ein paar weiße Haare am Kinn. Sein Rücken war leicht gekrümmt, als versuche er, möglichst wenig Platz einzunehmen.
Ich betrachtete ihn lange.
Dann stellte ich mir eine Frage, die mir keine Ruhe ließ.
Wie erklärt man einem blinden Tier, dass sein Mensch niemals zurückkommt?
Wie erklärt man ihm, dass die fremden Stimmen, der Käfig und die ungewohnten Gerüche jetzt sein ganzes Leben sind?
Um Mitternacht lag ich noch wach.
Um zwei Uhr ebenfalls.
Gegen fünf Uhr stand ich auf und ging in die Küche.
Dort hing noch Rolfs alte Jacke an einem Haken neben der Tür. Ich hatte sie nie weggeräumt.
Ich berührte den Ärmel.
„Rolf“, sagte ich leise, „du würdest mich jetzt bestimmt für verrückt erklären.“
Mein Mann hatte immer behauptet, wir seien zu alt, um noch einmal ein Haustier anzuschaffen.
Und wahrscheinlich hätte er mit mir darüber diskutiert.
Aber ich kannte ihn gut genug.
Am Ende hätte er das Tier auf seinem Schoß sitzen gehabt und behauptet, es sei von ganz allein zu ihm gekommen.
Um sechs Uhr morgens wusste ich, was ich tun musste.
Ich zog meine dunkelblaue Strickjacke an, kämmte mir die Haare und suchte meine Autoschlüssel.
Einmal blieb ich vor dem Spiegel stehen.
Eine ältere Frau mit müden Augen und grauem Haar blickte zurück.
„Du hast sie wohl nicht mehr alle“, murmelte ich.
Dann nahm ich meine Handtasche und fuhr los.
Ich wusste nicht, ob das Tierheim mir Willi überhaupt mitgeben würde. Ich wusste nicht, ob ich mit meinen sechsundsechzig Jahren noch einmal Verantwortung für ein altes, krankes Tier übernehmen konnte.
Ich wusste nur, dass ich es versuchen musste.
Als die Mitarbeiterin schließlich aus dem hinteren Bereich zurückkam, trug sie etwas Kleines in einer hellblauen Decke.
„Das ist Willi“, sagte sie.
Und ich erschrak.
Auf dem Foto hatte er alt ausgesehen.
In Wirklichkeit wirkte er so zerbrechlich, dass ich Angst hatte, ihn überhaupt anzufassen.
Sein graues Fell war dünn geworden. An einigen Stellen konnte ich die Knochen unter der Haut erkennen.
Er hatte ein schmales Gesicht, lange weiße Schnurrhaare und zwei trübe Augen, die ins Leere blickten.
Seine Vorderpfoten hingen über dem Arm der Mitarbeiterin.
Er wehrte sich nicht.
Er miaute nicht.
Er wirkte einfach müde.
„Er frisst noch“, erklärte die Frau. „Aber er zieht sich sehr zurück. Seit sein Besitzer gestorben ist, hat er kaum noch Interesse an seiner Umgebung.“
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