Drei Tage lang bewachte ein herrenloser Bernhardiner ein verletztes Lamm, doch niemand ahnte, was dahintersteckte

Drei Tage und drei Nächte bewachte ein herrenloser Bernhardiner ein verletztes Lamm. Als wir herausfanden, warum er nicht von seiner Seite wich, waren alle sprachlos.

„Michael, halt an! Sofort!“

Meine Frau Anna packte meinen Arm so fest, dass ich zusammenzuckte.

„Was ist denn los?“

„Da oben! Der Hund! Siehst du ihn nicht?“

Ich trat auf die Bremse und schaute zu dem kleinen Hügel neben der Landstraße.

Dort stand ein riesiger Bernhardiner.

Sein braunweißes Fell war schmutzig und verfilzt. Er bellte mit einer tiefen, kräftigen Stimme, die selbst durch die geschlossenen Autofenster zu hören war.

Doch etwas an seinem Verhalten kam mir merkwürdig vor.

Er rannte nicht auf uns zu. Er versuchte auch nicht, uns zu vertreiben.

Stattdessen lief er ein paar Schritte den Hang hinunter, blieb stehen und schaute zurück. Dann bellte er wieder.

„Der will uns etwas zeigen“, sagte Anna.

Ich war mir nicht sicher.

Wir wohnen seit über zwanzig Jahren in einem kleinen Dorf im Allgäu. In dieser Zeit habe ich viele Hunde erlebt. Aber einen Bernhardiner von dieser Größe, der allein auf einer abgelegenen Wiese unterwegs war, hatte ich noch nie gesehen.

Anna öffnete bereits die Autotür.

„Komm, Michael.“

„Warte wenigstens, bis ich ausgestiegen bin.“

Doch sie war schon unterwegs.

Der Bernhardiner beobachtete uns aufmerksam. Als wir näher kamen, drehte er sich um und ging langsam den Hügel hinauf.

Immer wieder blieb er stehen, als wollte er sich vergewissern, dass wir ihm folgten.

Oben angekommen, sahen wir endlich, was er bewachte.

Ein kleines Lamm lag zwischen zwei großen Steinen.

Sein weißes Fell war voller Erde. Ein Hinterbein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Das Tier versuchte, den Kopf zu heben, brachte aber nur ein schwaches Blöken hervor.

Anna ging sofort in die Knie.

„Ach, du armes kleines Ding.“

Der Bernhardiner stellte sich dicht neben sie.

Ich hielt unwillkürlich den Atem an.

Sein Kopf war beinahe so groß wie Annas Oberkörper. Ein einziger unbedachter Schritt dieses Hundes hätte genügt, um sie umzuwerfen.

Aber er tat nichts.

Er senkte nur den Kopf und berührte das Lamm ganz vorsichtig mit seiner Nase.

Dann schaute er Anna an.

„Michael“, flüsterte sie. „Sieh dir den Boden an.“

Rund um das Lamm war das Gras niedergedrückt.

An mehreren Stellen lagen große Büschel braunweißer Hundehaare. Direkt neben dem kleinen Tier hatte sich eine tiefe Mulde gebildet.

Es sah aus, als hätte dort jemand sehr lange gelegen.

Später erfuhren wir, dass das Lamm seit drei Tagen vermisst wurde.

Drei Tage und drei Nächte.

Und nach allem, was wir sahen, hatte dieser riesige Hund die ganze Zeit bei ihm ausgeharrt.

Ich holte eine Decke aus unserem Wagen.

Anna hob das Lamm behutsam hoch. Der Bernhardiner wich keinen Zentimeter von ihrer Seite.

Als wir zum Auto gingen, folgte er uns.

„Was machen wir mit ihm?“, fragte ich.

Anna sah mich an, als wäre die Antwort selbstverständlich.

„Wir nehmen ihn mit.“

Also öffnete ich die hintere Tür unseres alten Kombis.

Der Bernhardiner betrachtete den Innenraum, schnupperte kurz und kletterte dann hinein.

Er legte sich so dicht neben das eingewickelte Lamm, wie es der Platz erlaubte.

Während der gesamten Fahrt bewegte er sich kaum.

Nur wenn das Lamm leise blökte, hob er sofort den Kopf.

Ich werde diesen Anblick nie vergessen.

Ein riesiger, völlig fremder Hund, der ein verletztes kleines Tier ansah, als wäre es das Wichtigste auf der Welt.

Auf unserem Hof brachte Anna das Lamm sofort in den beheizbaren Bereich des Stalls.

Dort versorgen wir normalerweise kranke oder geschwächte Tiere.

Ich rief unseren Tierarzt an.

„Friedrich, wir haben hier ein verletztes Lamm gefunden. Das Hinterbein sieht nicht gut aus.“

„Kann es stehen?“

„Nein.“

„Dann bewegt es möglichst wenig. Ich komme sofort.“

Während wir warteten, kniete Anna neben dem Lamm und bot ihm vorsichtig etwas Wasser an.

Der Bernhardiner lag vor der offenen Stalltür.

Er war uns bis dorthin gefolgt, hatte aber die Schwelle nicht überschritten.

Sein gewaltiger Körper versperrte fast den gesamten Eingang.

„Komm rein, Großer“, sagte Anna.

Der Hund hob kurz den Kopf, blieb aber liegen.

Er schaute nur auf das Lamm.

„Vielleicht hat er Angst“, meinte ich.

„Oder er glaubt, dass er nicht hereindarf.“

Dieser Gedanke machte mich traurig.

Ein Hund, der tagelang bei einem verletzten Tier geblieben war, traute sich nicht einmal, einen Stall zu betreten.

Niemand wusste, wem er gehörte.

Er trug kein Halsband.

Sein Fell war an mehreren Stellen verfilzt. An seinen Pfoten klebte eingetrockneter Schlamm. Und obwohl er riesig war, konnte man unter seinem Fell deutlich die Rippen fühlen.

Dieser Hund hatte selbst Hilfe gebraucht.

Trotzdem hatte er das Lamm nicht verlassen.

Eine gute halbe Stunde später kam Friedrich.

Er war zweiundsechzig und betreute seit vielen Jahren die Höfe in unserer Gegend.

Nachdem er das Lamm untersucht hatte, atmete er erleichtert aus.

„Ein glatter Bruch. Schlimm genug, aber wir haben gute Chancen.“

Er versorgte das Bein und legte einen stabilisierenden Verband an.

Das Lamm war geschwächt, aber ansprechbar.

„Es braucht jetzt Ruhe, Futter und Zeit“, erklärte Friedrich.

Dann bemerkte er den Bernhardiner.

„Wem gehört denn dieser Bursche?“

„Das versuchen wir gerade herauszufinden.“

Ich erzählte ihm, wie wir die beiden gefunden hatten.

Friedrich hörte schweigend zu.

Schließlich ging er zur Tür und betrachtete den Hund genauer.

„Ich arbeite seit über dreißig Jahren mit Tieren“, sagte er. „Hunde können uns immer wieder überraschen. Aber so etwas erlebt man nicht jeden Tag.“

Er ging in die Hocke.

Der Bernhardiner ließ sich ruhig untersuchen.

„Er ist ziemlich mager. Und seine Pfoten sind wund. Wahrscheinlich war er schon länger unterwegs.“

„Glaubst du wirklich, dass er drei Tage bei dem Lamm geblieben ist?“, fragte Anna.

Friedrich blickte auf die niedergedrückten Stellen im Fell des Hundes.

„Beweisen kann ich es nicht. Aber wenn er dort so lange gelegen hat, wie ihr vermutet, dann hat er einiges ausgehalten.“

Anna wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

„Dann soll er heute wenigstens nicht mehr draußen schlafen.“

Sie holte eine große Decke und legte sie neben das Lamm.

Der Bernhardiner beobachtete jede ihrer Bewegungen.

„Komm her“, sagte sie leise.

Diesmal stand er auf.

Langsam trat er über die Schwelle.

Dann legte er sich auf die Decke, so dicht neben das Lamm, dass dessen kleiner Körper beinahe in seinem langen Fell verschwand.

Zum ersten Mal schloss der Hund die Augen.

Am nächsten Morgen begann ich, nach dem Besitzer des Lamms zu suchen.

Ich telefonierte mit den umliegenden Bauernhöfen und fragte bei mehreren Schäfern nach.

Niemand konnte mir zunächst weiterhelfen.

Erst gegen Mittag meldete sich unser Nachbar Josef.

„Michael, ich glaube, ich weiß, wem das Lamm gehört.“

„Wem denn?“

„Dem Robert Seidel. Der hat seit drei Tagen eines vermisst.“

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