Sie versteckte ihre Operationsnarbe, bis ein alter Schlosser ihr sein eigenes Geheimnis zeigte

Das Mädchen ließ niemanden an ihre Operationsnarbe, bis ein alter Schlosser mit schweren Händen vor ihrem Bett stand und etwas tat, womit keiner gerechnet hatte.

„Nicht anfassen! Mama, sag denen, dass sie weggehen sollen!“

Merle drückte sich so fest gegen das Kopfkissen, dass das Bettgestell klapperte. Mit beiden Händen hielt sie den viel zu großen Kapuzenpullover ihrer Mutter am Gesicht zusammen. Nur ihre Nase und ein tränenfeuchtes Auge waren noch zu sehen.

Ihre Mutter stand neben mir und hatte seit einer halben Stunde dieselbe ungeöffnete Wasserflasche in der Hand. Immer wieder drehte sie den Verschluss ein Stück auf und wieder zu.

„Wir machen jetzt eine Pause“, sagte ich zur Ärztin.

Sie nickte, legte die Handschuhe beiseite und ging mit mir zur Tür. Hinter uns flüsterte Merle etwas, das ich auch nach dreiundzwanzig Jahren auf einer Kinderstation nicht einfach abschütteln konnte.

„Ich seh aus wie ein Monster.“

Ich heiße Judith. Ich habe erlebt, wie Kinder nach schweren Eingriffen zum ersten Mal wieder lachten, und ich habe Eltern auf Fluren sitzen sehen, weil ihre Beine sie nicht mehr trugen. Trotzdem denke ich bei der Frage, welcher Mensch mich in all diesen Jahren besonders berührt hat, zuerst an einen pensionierten Schlosser aus Wuppertal.

Er hieß Rolf Behrens, war sechsundsechzig und sah aus, als würde er kaputte Heizkörper mit bloßen Händen von der Wand nehmen.

An diesem Dienstag brauchten wir allerdings niemanden, der etwas reparieren konnte. Jedenfalls nicht auf die übliche Art.

Merle war sieben Jahre alt. Innerhalb von sechs Monaten hatte sie drei Operationen am Kopf überstehen müssen. Nach dem letzten Eingriff hatte die Ärztin ihrer Mutter endlich sagen können, dass sie im Moment keinen verbliebenen Tumor erkennen konnten.

Für uns war das eine Nachricht gewesen, auf die wir alle gehofft hatten. Für Merle war zunächst nur wichtig, was sie am Morgen im Spiegel gesehen hatte.

Auf der rechten Seite war ein Teil ihrer Haare abrasiert. Eine gebogene Wunde zog sich vom Bereich oberhalb des Ohres Richtung Schläfe. Kleine Metallklammern hielten die Haut zusammen.

Merle hatte lange in den Spiegel gestarrt. Dann hatte sie ihn ihrer Mutter in den Schoß geworfen und sich im Bad eingeschlossen.

Ihre Mutter blieb die ganze Zeit vor der Tür sitzen. Als Merle sie endlich hereinließ, hatte sie sich den Pullover übergezogen und beide Arme um den Kopf gelegt.

Seitdem war niemand mehr an sie herangekommen.

„Sie muss doch verstehen, dass wir nachsehen müssen“, sagte ihre Mutter draußen auf dem Flur. „Ich erklär es ihr die ganze Zeit.“

Daria war fünfunddreißig, arbeitete vormittags im Verkauf und reinigte abends zwei Treppenhäuser. Seit der ersten Operation bestand ihr Leben aus Schichtplänen, Klinikterminen und der Frage, wer Merle abholen konnte, wenn sie wieder länger arbeiten musste.

Der Vater lebte in einer anderen Stadt. Er rief an, wenn er daran dachte. Auf den Stühlen neben Merles Bett hatte ich ihn noch nie sitzen sehen.

„Sie versteht, dass es wichtig ist“, sagte ich. „Aber gerade hat sie vor etwas anderem mehr Angst.“

Daria sah mich an, als hätte ich ihr eine zusätzliche Aufgabe gegeben, für die sie keine Kraft mehr hatte.

„Ich hab ihr gesagt, dass die Haare wieder wachsen. Dass die Narbe blasser wird. Dass sie wunderschön ist.“

„Das war alles richtig.“

„Warum hilft es dann nicht?“

Darauf hatte ich keine schnelle Antwort. Ich dachte nur plötzlich an einen Mann, der seine Mütze selbst dann aufbehielt, wenn alle anderen schon schwitzten.

Rolf kam seit knapp einem Jahr jeden Donnerstag zu unserem ehrenamtlichen Besuchsdienst. Er reparierte Gesellschaftsspiele, baute kleine Holzkisten für unsere Bastelsachen und saß manchmal bei Kindern, deren Eltern kurz nach Hause mussten.

Beim ersten Mal hatte eine neue Kollegin ihn für einen ungehaltenen Angehörigen gehalten.

Er trug eine dunkelblaue Arbeitsjacke, obwohl er längst in Rente war. Sein Gesicht war breit, die Augenbrauen buschig, und seine Stimme klang, als hätte sie jahrzehntelang gegen Maschinenlärm anreden müssen.

„Wo soll die Kiste hin?“, hatte er gefragt.

Meine Kollegin hatte sofort angefangen, sich für irgendetwas zu entschuldigen. Dabei wollte er wirklich nur wissen, wohin mit der Kiste.

Mit Kindern sprach er anders. Weniger und leiser.

Einmal hatte ich gesehen, wie er sich beim Händewaschen die Mütze abnahm. Über seiner rechten Schläfe verlief eine breite, alte Narbe, fast an derselben Stelle wie Merles frische Wunde.

Ich rief bei unserer Koordinatorin an und fragte, ob sie ihn erreichen könne.

Eine Dreiviertelstunde später stand er am Empfang. In der Hand hielt er einen Stoffbeutel mit Schrauben, die er eigentlich zum Baumarkt hatte bringen wollen.

„Was ist los?“

Ich erzählte es ihm. Er hörte zu, ohne mich zu unterbrechen.

„Soll ich ihr was erzählen?“, fragte er schließlich.

„Vielleicht erst mal nur da sein.“

Er nickte, zog die Arbeitsjacke aus und wusch sich die Hände. Dann blieb er vor Merles Zimmer stehen, bis Daria ihm selbst die Tür öffnete.

„Das ist Rolf“, sagte ich. „Er hilft hier manchmal.“

Merle lag mit dem Gesicht zur Wand. Ihr Mittagessen stand unberührt auf dem Tisch.

„Ich will keinen Besuch.“

Rolf blieb an der Tür.

„Versteh ich. Besuch kann anstrengend sein.“

Daria wollte etwas sagen, aber ich berührte kurz ihren Arm.

Rolf zeigte auf den niedrigen Hocker neben dem Schrank.

„Darf ich mich trotzdem zwei Minuten da hinsetzen? Meine Knie sind nicht mehr die besten.“

Unter der Kapuze bewegte sich etwas.

„Dann müssen Sie doch auf einen hohen Stuhl.“

„Stimmt eigentlich.“

Er nahm den Besucherstuhl, stellte ihn mit etwas Abstand neben das Bett und setzte sich. Zum ersten Mal an diesem Morgen hatte Merle auf etwas anderes reagiert als auf ihre Angst.

Eine Weile sagte niemand etwas. Auf dem Flur klapperte ein Wagen, dann schloss jemand die Tür zum Nachbarzimmer.

Rolf legte seine Mütze auf die Knie.

„Mir hat mal jemand gesagt, ich soll meine Haare wachsen lassen. Dann würde man es nicht so sehen.“

Merle blieb zur Wand gedreht.

„War ein gut gemeinter Rat“, sagte er. „Hat mich trotzdem geärgert.“

Langsam drehte sie den Kopf ein kleines Stück zurück.

Rolf strich mit der Hand die grauen Haare über seiner rechten Schläfe zur Seite.

„Bei mir ist es hier.“

Merle sah ihn an. Erst nur aus dem Augenwinkel, dann richtig.

„Was ist das?“

„Eine Narbe. Ich bin mit dreiundzwanzig bei der Arbeit schwer gestürzt. Danach musste ich am Kopf operiert werden.“

Er erzählte es sachlich, ohne Einzelheiten, vor denen sie sich hätte fürchten müssen.

„Als ich aufgewacht bin, war ich ziemlich wütend“, sagte er. „Und als ich mich zum ersten Mal im Spiegel gesehen habe, wollte ich mit niemandem sprechen.“

Merles Finger lockerten sich am Rand der Kapuze.

„Hatten Sie auch solche Dinger?“

„Klammern? Ja.“

„Viele?“

„Genug, dass ich beim Zählen durcheinandergekommen bin.“

Sie betrachtete ihn jetzt aufmerksam.

„Bei mir sind es dreiundvierzig.“

„Dann hast du besser aufgepasst als ich.“

Es war noch kein Lächeln. Aber ihr Mund verzog sich kurz, als hätte er sich daran erinnert, wie das ging.

Rolf ließ die Hand sinken. Seine Haare fielen wieder über einen Teil der Narbe.

„Hat Ihre Mama auch geweint?“, fragte Merle.

Er antwortete nicht sofort.

„Ja. Einmal hab ich es gesehen. Die anderen Male hat sie gewartet, bis sie draußen war.“

Merle schaute zu Daria, die sich an der Bettkante festhielt.

„Meine weint auf dem Klo.“

Daria schloss die Augen.

Rolf nickte nur.

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