„Ich habe kein Auto hier“, sagte ich.
„Ich fahre Sie“, sagte Werner hinter mir.
Ich hatte völlig vergessen, dass er noch da war.
Unser Fahrrad nahm einer seiner Bekannten mit. Gisela stieg zu uns in den Pritschenwagen. Werner fuhr ruhig, hielt an jeder roten Ampel und drängelte nicht ein einziges Mal.
Ich starrte auf seine Hände am Lenkrad.
An einem Finger fehlte ein Stück Nagel.
„Sind Sie wirklich Sanitäter?“
„Gewesen. Später wieder in der Werkstatt gearbeitet.“
Er sah kurz zu mir.
„Die Arbeitshose sagt nicht alles.“
Ich senkte den Blick.
„Das vorhin …“
„Vergessen Sie’s.“
Er ließ den Scheibenwischer einmal über die staubige Scheibe laufen, obwohl es nicht regnete.
„Sie hatten Angst um Ihren Jungen.“
In der Klinik verschwand Paul hinter einer Tür.
Ich blieb davor stehen, bis eine Schwester mich bat, im Wartebereich Platz zu nehmen.
Gisela setzte sich neben mich. Werner holte Wasser aus einem Automaten und stellte die Flasche ungeöffnet vor mich hin.
„Ich habe nichts dabei“, sagte ich plötzlich.
Kein Ladekabel. Keine Zahnbürste für Paul. Kein Schlafanzug. Nicht einmal seine Krankenversicherungskarte.
„Das kriegen wir später hin“, sagte Gisela.
„Sein Vater ist auf Montage. In Süddeutschland. Der braucht Stunden.“
„Dann rufen Sie ihn an.“
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Sie schob mir mein Telefon in die Hand.
„Dass Paul im Krankenhaus ist. Den Rest dürfen Sie noch nicht wissen.“
Ich rief an.
Als mein geschiedener Mann abhob und ganz normal „Hallo Anne“ sagte, brach ich zusammen.
Gisela nahm mir das Telefon nicht weg. Sie blieb nur sitzen und wartete, bis ich wieder sprechen konnte.
Nach einer Weile kam eine Nachricht auf Werners Handy. Er las sie und verzog den Mund.
„Die anderen fragen, ob sie etwas bringen sollen.“
„Welche anderen?“
„Unsere Truppe.“
Ich sah ihn an.
„Wir haben heute den Garten am alten Gemeindesaal hergerichtet. Ein paar von uns waren früher im Bauhof, andere in der Werkstatt. Gisela war Elektrikerin.“
„Vierzig Jahre“, sagte sie. „Und offenbar sehe ich noch immer aus, als könnte ich eine Steckdose zurechtweisen.“
Zum ersten Mal an diesem Tag musste ich beinahe lachen.
Es waren siebzehn gewesen.
Siebzehn Menschen auf dem Weg nach Hause, einige schon in Rente, einige kurz davor. Leute, die gemeinsam reparierten, was im Ort liegen blieb, weil Geld oder Hände fehlten.
Keine besonderen Abzeichen. Keine großen Sprüche.
Ein Mann, der noch eine Leiter zurückbringen musste. Eine Frau, die eigentlich längst ihre Enkelin abholen wollte. Ein anderer, der seiner Frau versprochen hatte, pünktlich zum Essen zu kommen.
Sie hatten alle etwas vorgehabt.
Und trotzdem angehalten.
Nach fast zwei Stunden kam eine Ärztin zu uns.
Ich stand so hastig auf, dass die Wasserflasche umkippte.
„Paul ist stabil“, sagte sie.
Diesen Satz werde ich nie vergessen.
Die Ärztin erklärte, dass sie weitere Untersuchungen brauchten. Ein erster längerer Krampfanfall könne verschiedene Ursachen haben. Paul werde überwacht, und die Kinderneurologie werde sich um ihn kümmern.
„Hat er einen Tumor?“
Das Wort war einfach aus mir herausgefallen.
„Dafür haben wir bisher keinen Hinweis“, sagte sie. „Wir gehen Schritt für Schritt.“
Ich nickte, obwohl meine Knie weich wurden.
Gisela hob die Wasserflasche auf.
Werner setzte sich wieder hin.
Erst da bemerkte ich, dass auch seine Hände zitterten.
Nur ganz leicht.
Als wir zu Paul durften, war er wach.
Blass, müde und mit einer Stimme, die viel kleiner klang als sonst.
„Mama?“
Ich setzte mich an sein Bett und küsste seine Finger.
„Ich bin da.“
Er sah an mir vorbei zu Werner, der an der Tür stehen geblieben war.
„War der auch da?“
„Ja. Werner hat dir geholfen.“
Paul schaute ihn lange an.
„Sind die Leute noch böse?“
Ich verstand zuerst nicht.
„Welche Leute?“
„Die Autos.“
Es wurde still im Zimmer.
Später erklärte man uns, dass seine Erinnerungen bruchstückhaft sein konnten, vielleicht von den Sekunden vor dem Anfall oder aus der Zeit danach. Aber das machte seine Frage nicht weniger schlimm.
Ich öffnete den Mund.
Mir fiel keine Antwort ein, die ein Kind hören sollte.
Werner kam näher und blieb am Fußende stehen.
„Du hast nichts falsch gemacht, Paul.“
Mein Sohn zog an der Bettdecke.
„Aber alle mussten warten.“
„Ja“, sagte Werner. „Und du durftest Hilfe brauchen.“
Paul sah ihn an.
„Auch wenn die einen Termin hatten?“
„Auch dann.“
Ich beugte mich über die Bettkante, weil ich nicht wollte, dass Paul sah, wie sehr mich dieser Satz traf.
Nicht wegen der Männer auf der Straße.
Sondern weil mein zehnjähriges Kind sich dafür entschuldigen wollte, krank geworden zu sein.
Paul schlief kurz darauf wieder ein.
Auf dem Flur sagte ich zu Werner: „Sie können jetzt wirklich fahren.“
Er blickte durch das kleine Fenster in der Tür.
„Gisela bleibt noch, bis Ihr Mann da ist. Ich hole Ihre Sachen von zu Hause, wenn Ihnen das recht ist.“
Ich begann wieder zu weinen.
Diesmal war es mir unangenehm.
„Warum machen Sie das alles? Sie kennen uns doch überhaupt nicht.“
Werner steckte die Hände in die Taschen.
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