Katharina sah ihn an.
Trotz allem musste sie grinsen.
Emma setzte sich neben ihren Vater.
„Ich hatte Angst.“
Matthias nahm ihre Hand.
„Ich auch.“
„Du hast doch gesagt, Erwachsene haben keine Angst.“
„Das war offenbar Unsinn.“
Emma sah zufrieden zu Katharina.
„Hab ich doch gesagt.“
Katharina hob eine Augenbraue.
„Das habe eigentlich ich gesagt.“
Für einige Sekunden war da etwas Seltsames zwischen den drei Menschen.
Mitten im dunkler werdenden Wald.
Angst.
Erschöpfung.
Und trotzdem ein kleines Lachen.
Dann wurde Katharina wieder ernst.
„Die Rettungskräfte sind unterwegs. Aber wir sind ein gutes Stück vom Parkplatz entfernt.“
Matthias nickte.
„Mein Telefon ist irgendwo beim Sturz aus der Jackentasche gefallen.“
Katharina überprüfte ihr eigenes.
Kein Netz.
Natürlich.
Sie sah wieder auf den Ast.
„Vielleicht können wir Ihr Bein befreien.“
Matthias schüttelte sofort den Kopf.
„Allein schaffen Sie das nicht.“
„Das sagen Männer erstaunlich oft, kurz bevor Frauen etwas schaffen.“
Trotz seiner Schmerzen lachte er leise.
Katharina suchte nach einem Ansatzpunkt.
Der Ast lag nicht vollständig auf seinem Bein. Ein kleiner Teil seines Gewichts wurde von einer Wurzel getragen.
Wenn sie ihn nur wenige Zentimeter anhob, könnte Matthias das Bein herausziehen.
„Wir versuchen es einmal.“
„Katharina.“
„Einmal.“
Sie wandte sich an Emma.
„Du gehst bitte hinter diesen Baum.“
„Warum?“
„Weil dein Papa sich besser konzentrieren kann, wenn er weiß, dass du sicher stehst.“
Emma überlegte.
„Das ist eine Erwachsenen-Ausrede.“
Matthias verzog das Gesicht zu einem Lächeln.
„Sie ist wirklich meine Tochter.“
Emma gehorchte trotzdem.
Katharina stellte die Taschenlampe so ab, dass sie den Ast beleuchtete.
Dann ging sie in die Knie.
„Wenn ich anhebe, ziehen Sie Ihr Bein heraus.“
„Sie ruinieren Ihren Mantel.“
Katharina sah auf den cremefarbenen Stoff, der längst voller Schnee, Nadeln und Schmutz war.
„Ich glaube, der Mantel hat andere Sorgen.“
Beim ersten Versuch bewegte sich der Ast kaum.
Katharina spürte sofort einen stechenden Schmerz in ihrer Schulter.
„Noch mal“, sagte Matthias.
„Das wollte ich gerade sagen.“
Beim zweiten Versuch verschob sich das Holz ein wenig.
Nicht genug.
Katharina atmete schwer.
Ihre Hände waren kalt.
Sie dachte an Fitnessstudios, in denen sie jedes Jahr Mitgliedsbeiträge zahlte und vielleicht fünfmal auftauchte.
„Dritter Versuch.“
„Katharina, wenn Sie sich verletzen—“
„Matthias.“
Er verstummte.
„Ziehen.“
Sie stemmte Schulter und beide Hände gegen das Holz.
Der Ast hob sich.
Ein Zentimeter.
Dann zwei.
Matthias biss die Zähne zusammen und zog sein Bein zurück.
Er schrie kurz auf.
Emma kam einen Schritt hervor.
„Papa?“
„Alles gut! Bleib da!“
Noch ein Ruck.
Dann war sein Bein frei.
Katharina ließ den Ast fallen und sank neben ihm in den Schnee.
Einige Sekunden sagte niemand etwas.
Dann hörte sie Emma.
„Frau Bergmann?“
„Ja?“
„Sie sehen jetzt gar nicht mehr aus wie eine Chefin.“
Katharina blickte an sich herunter.
Haare im Gesicht.
Mantel voller Schnee.
Ein Handschuh verloren.
Hose am Knie nass.
„Wie sieht denn eine Chefin aus?“
Emma zeigte auf sie.
„Nicht so.“
Matthias begann zu lachen.
Katharina ebenfalls.
Es war eines dieser Lachen, die plötzlich kommen, obwohl überhaupt nichts lustig sein sollte.
Vielleicht gerade deshalb.
Matthias konnte nicht auftreten.
Das war sofort klar.
Also legte Katharina seinen Arm über ihre Schulter.
„Wir müssen langsam zurück.“
„Das schaffen wir niemals.“
„Ich habe heute schon mehrere Dinge getan, die angeblich nicht funktionieren.“
Emma nahm die Taschenlampe.
„Ich führe euch.“
Und so machten sie sich auf den Rückweg.
Schritt.
Pause.
Schritt.
Pause.
Matthias stützte sich schwer auf Katharina.
Der Wald war inzwischen fast vollständig dunkel.
Mehrmals mussten sie stehen bleiben.
Nach einer Weile sagte Matthias leise:
„Sie hätten das nicht machen müssen.“
„Was?“
„Alles.“
Katharina konzentrierte sich auf den Weg.
„Sie hätten Emma am Parkplatz behalten und warten können.“
„Ja.“
„Sie kennen uns überhaupt nicht.“
„Stimmt.“
„Sie haben wahrscheinlich Familie, die auf Sie wartet.“
Katharina schwieg.
Matthias bemerkte es.
„Entschuldigung.“
„Wofür?“
„War wohl eine falsche Annahme.“
Katharina atmete langsam aus.
„Nein. Keine Familie.“
„Gar niemand?“
Sie wollte die übliche Antwort geben.
Freunde.
Kollegen.
Bekannte.
Menschen, mit denen sie Weihnachten Nachrichten austauschte.
Leute, deren Geburtstage in ihrem Kalender standen, weil das Handy sie erinnerte.
Aber plötzlich klang all das lächerlich.
„Meine Mutter lebt noch“, sagte sie. „In Kassel. Wir telefonieren sonntags.“
„Und sonst?“
„Meine Firma.“
Matthias sah sie von der Seite an.
„Das zählt nicht.“
„Das habe ich lange anders gesehen.“
Sie gingen einige Meter schweigend weiter.
Emma leuchtete gewissenhaft vor ihnen auf den Boden.
Katharina sagte schließlich:
„Mein Vater starb vor zwölf Jahren.“
Matthias hörte nur zu.
„Kurz davor hat er mich gefragt, ob ich zum Sonntagsessen komme.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Ich hatte einen wichtigen Termin.“
„Sie konnten nicht wissen, was passiert.“
„Nein.“
Katharina schluckte.
„Aber wissen Sie, was mich daran bis heute stört? Nicht, dass ich nicht wusste, dass er sterben würde.“
Matthias wartete.
„Sondern dass ich selbst dann abgesagt hätte, wenn ich gewusst hätte, dass er gesund bleibt.“
Sie sah kurz zu Emma.
„Weil mir die Arbeit damals wirklich wichtiger war.“
Das auszusprechen tat weh.
Mehr als erwartet.
„Danach habe ich noch härter gearbeitet“, sagte sie. „Als könnte man Schuld mit Erfolg zuschütten.“
„Funktioniert das?“
„Zwölf Jahre Erfahrung sagen: nein.“
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