Katharina begann auch ihre eigene Mutter häufiger zu besuchen.
Nicht nur sonntags anzurufen.
Beim ersten spontanen Besuch stand ihre Mutter fast eine Minute sprachlos in der Tür.
„Ist etwas passiert?“
„Nein.“
„Bist du krank?“
„Nein.“
„Hast du Probleme?“
Katharina lachte.
„Mama, darf ich einfach zum Kaffee kommen?“
Ihre Mutter sah sie lange an.
„Darauf warte ich seit ungefähr fünfzehn Jahren.“
Es tat weh.
Aber auf eine gute Weise.
Wie ein Muskel, den man endlich wieder benutzt.
Katharina änderte nicht ihr gesamtes Leben.
Sie verkaufte ihre Firma nicht.
Sie zog nicht aufs Land und begann auch nicht plötzlich, Marmelade einzukochen.
Sie arbeitete weiterhin gern.
Doch sie lernte, freitagabends den Computer zu schließen.
Sie sagte Termine ab, wenn ihre Mutter Geburtstag hatte.
Sie ging mit Emma in den Zoo, obwohl am selben Tag eine wichtige Präsentation vorbereitet werden sollte.
Und die Welt ging nicht unter.
Einmal sagte ihr ältester Mitarbeiter:
„Frau Bergmann, Sie wirken anders.“
„Schlechter?“
„Nein.“
Er überlegte.
„Mehr anwesend.“
Dieser Satz gefiel ihr.
Im Mai saßen Matthias und Katharina abends auf seiner kleinen Terrasse.
Emma schlief bereits.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen Tee.
„Kann ich Sie etwas fragen?“, sagte Matthias.
„Sie fragen heute auffällig viel.“
„Sind Sie noch verloren?“
Katharina wusste sofort, was er meinte.
Sie dachte an den Wald.
An die Dunkelheit.
An Emmas kleine Hand.
An ihren Vater.
An ihre Mutter, die inzwischen jedes Mal Kuchen kaufte, wenn Katharina zu Besuch kam.
An dieses Haus, in dessen Küche sie mittlerweile wusste, wo die Tassen standen.
„Nein“, sagte sie.
„Ich glaube nicht.“
Matthias nickte.
„Gut.“
„Warum?“
Er sah in den Garten.
„Weil Emma mich ständig fragt, ob Sie irgendwann zu unserer Familie gehören.“
Katharina lächelte.
„Was antworten Sie?“
„Dass Erwachsene solche Dinge langsam entscheiden.“
„Vernünftig.“
„Sie findet die Antwort schrecklich.“
„Natürlich.“
Matthias schwieg kurz.
„Und ich eigentlich auch.“
Katharina sah ihn an.
Sein Gesicht war nicht das eines Mannes aus einer romantischen Vorstellung.
Eine kleine Narbe an der Stirn erinnerte an den Unfall.
Sein Pullover war an einem Ärmel ausgeleiert.
Auf dem Tisch lag eine Lesebrille, obwohl er jedes Mal behauptete, sie nur „für winzige Schrift“ zu brauchen.
Er war echt.
Vielleicht war genau das der Unterschied.
„Katharina“, sagte er, „was mit Dankbarkeit angefangen hat, ist für mich längst etwas anderes.“
Sie antwortete nicht sofort.
„Ich weiß, dass wir beide Leben haben, die nicht einfach sind. Und ich weiß, dass Sie lange allein waren.“
Er lächelte unsicher.
„Aber ich glaube, ich verliebe mich in Sie.“
Katharina hatte viele wichtige Sätze in ihrem Leben gehört.
„Der Vertrag ist unterschrieben.“
„Sie bekommen die Position.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
Keiner hatte ihr solche Angst gemacht wie dieser.
Weil sie diesmal etwas verlieren konnte.
Sie sah zum Fenster hinauf.
Hinter dem Vorhang in Emmas Zimmer glühte ein kleines Nachtlicht.
„Ich glaube“, sagte Katharina langsam, „ich habe mich zuerst in eure Unordnung verliebt.“
Matthias blinzelte.
„Unsere was?“
„Die Jacken an der Garderobe. Die Kinderbilder. Die Wäsche. Die schiefen Pfannkuchen.“
Er lachte.
„Das ist die romantischste Erklärung, die ich je bekommen habe.“
Katharina nahm seine Hand.
„Und irgendwann auch in euch.“
Im folgenden Dezember fiel der erste Schnee überraschend früh.
Emma bestand darauf, im Garten einen Schneemann zu bauen.
Katharina rollte die mittlere Kugel, Matthias suchte alte Knöpfe und Emma erklärte beiden ununterbrochen, wie man alles richtig machte.
„Die Nase muss schief sein“, sagte sie.
„Warum?“, fragte Katharina.
„Weil perfekte Schneemänner langweilig sind.“
Matthias sah Katharina an.
„Das Kind wird philosophisch.“
Katharina klopfte Schnee von ihren Handschuhen.
Vor einem Jahr hätte sie diesen Samstag vermutlich im Büro verbracht.
Ihr Wagen wäre sauber gewesen.
Ihr Mantel auch.
Ihre Wohnung still.
Ihr Kalender voll.
Jetzt hing ihr Schal an einem Apfelbaum, weil Emma ihn dem Schneemann geben wollte.
In der Küche wartete Kakao.
Ihre Mutter würde später vorbeikommen.
Und am Kühlschrank im Haus der Reuters hing seit kurzem ein neues Foto.
Darauf standen drei Menschen vor einem schiefen Schneemann.
Katharina in alten Winterstiefeln.
Matthias mit zerzausten Haaren.
Emma zwischen ihnen.
Unter dem Foto hatte Emma mit einem roten Stift geschrieben:
„Wir.“
Katharina hatte das Wort gesehen und zunächst nichts gesagt.
Später war sie allein in die Küche zurückgegangen und hatte es noch einmal betrachtet.
Jahrelang hatte sie geglaubt, ein gutes Leben müsse ordentlich aufgebaut werden.
Aus sicheren Entscheidungen.
Aus Leistung.
Aus vernünftigen Plänen.
Doch das Wichtigste war ausgerechnet an einem Tag geschehen, an dem nichts nach Plan lief.
Ein Kind hatte seinen Vater verloren.
Ein Mann war gestürzt.
Eine Frau war vom vorgesehenen Weg abgekommen.
Und irgendwo zwischen einem verschneiten Parkplatz, schmutzigen Händen und einem alten Wald hatte Katharina verstanden, was ihr Vater ihr vermutlich gern viel früher gesagt hätte:
Manche Termine kommen nie zurück.
Manche Menschen fragen nur einmal, ob man Zeit hat.
Und manchmal beginnt ein neues Leben nicht mit einem großen Entschluss.
Manchmal steht es einfach vor deinem Auto, hält einen abgewetzten Stoffhasen im Arm und fragt mit zitternder Stimme:
„Können Sie mir helfen?“






