Matthias nickte.
„Meine Frau ist gegangen, als Emma acht Monate alt war.“
Katharina sah ihn überrascht an.
„Sie wollte dieses Leben nicht.“
Seine Stimme war sachlich.
Nicht bitter.
„Seitdem sind wir beide allein.“
Vorn hörte Emma das offenbar.
Sie drehte sich um.
„Wir sind nicht allein. Wir haben Oma.“
„Stimmt“, sagte Matthias.
„Und Herrn Krüger von nebenan.“
„Auch richtig.“
„Und jetzt Frau Bergmann.“
Katharina spürte einen merkwürdigen Druck hinter den Augen.
Matthias sagte nichts.
Emma drehte sich wieder um und marschierte weiter, als wäre damit alles geklärt.
Vielleicht war es das für Kinder.
Menschen waren da.
Also gehörten sie dazu.
Nach fast vierzig Minuten tauchten zwischen den Bäumen blaue Lichter auf.
„Da!“, rief Emma.
Stimmen kamen ihnen entgegen.
Rettungskräfte.
Katharina hätte beinahe vor Erleichterung geweint.
Mehrere Helfer übernahmen Matthias.
Eine Rettungssanitäterin untersuchte Emma und wickelte sie in eine warme Decke.
Jemand wollte auch Katharina überprüfen.
„Mir geht es gut.“
„Das sagen immer alle.“
Erst jetzt bemerkte Katharina ihre aufgeschürften Hände.
Ihre Schulter schmerzte.
Ihre Finger zitterten vor Kälte.
Während ihre Hände versorgt wurden, beobachtete sie Matthias und Emma.
Das Mädchen saß neben der Trage und hielt die Hand ihres Vaters.
Kurz bevor die Türen des Rettungswagens geschlossen wurden, rief Matthias:
„Katharina!“
Sie trat näher.
„Darf ich Ihre Nummer haben?“
„Wofür?“
„Damit ich mich bedanken kann.“
„Das haben Sie bereits.“
„Nicht richtig.“
Emma schob den Kopf unter der Decke hervor.
„Sie müssen uns besuchen.“
„Muss ich?“
Das Mädchen nickte.
„Ich kann Pfannkuchen.“
Matthias hob schwach die Hand.
„Sie kann Teig umrühren. Den Rest muss ich machen.“
„Papa!“
Katharina lachte.
Dann gab sie dem Sanitäter ihre Nummer.
Als der Rettungswagen verschwand, ging sie langsam zu ihrem Auto zurück.
Das Telefon zeigte 17 neue Nachrichten.
Vier geschäftliche Anrufe.
Zwei E-Mails mit dem Vermerk „DRINGEND“.
Katharina saß hinter dem Steuer.
Sie entsperrte das Telefon.
Las die erste Nachricht.
Dann legte sie es auf den Beifahrersitz.
Zum ersten Mal seit Jahren dachte sie:
Es kann warten.
Zwei Tage später bekam sie eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Hallo Katharina. Hier ist Matthias Reuter. Emma besteht darauf, dass ich Ihnen schreibe. Bein gebrochen, Würde leicht beschädigt, aber wir sind zu Hause. Ohne Sie wäre der Abend anders ausgegangen. Möchten Sie uns vielleicht besuchen? Emma plant seit gestern Pfannkuchen.“
Katharina las die Nachricht dreimal.
Ihre erste Reaktion war die alte.
Abstand halten.
Keine Verpflichtungen.
Menschen nicht zu nah heranlassen.
Sie hatte sich ein Leben eingerichtet, in dem kaum jemand sie enttäuschen konnte.
Der Preis dafür war nur gewesen, dass auch kaum jemand sie überraschen konnte.
Dann schrieb sie:
„Samstag?“
Die Antwort kam nach wenigen Sekunden.
„Emma steht neben mir und jubelt. Samstag.“
Das Haus der Reuters lag in einem älteren Wohngebiet am Rand von Wiesbaden.
Keine moderne Architektur.
Kein Designerzaun.
Ein kleiner Vorgarten mit einer schiefen Holzbank und einem Vogelhäuschen, das dringend einen neuen Anstrich brauchte.
Noch bevor Katharina geklingelt hatte, ging die Tür auf.
„Frau Bergmann!“
Emma rannte nicht, weil Matthias ihr offenbar eingeschärft hatte, auf dem gefrorenen Weg vorsichtig zu sein.
Sie lief trotzdem so schnell, wie sie durfte.
Katharina hatte ihr einen Zeichenblock mitgebracht.
Emma ignorierte ihn zunächst und umarmte stattdessen Katharinas Beine.
Matthias erschien auf Krücken in der Tür.
„Sie haben wirklich Wort gehalten.“
Katharina sah ihn an.
„Klang das so unwahrscheinlich?“
„Sie wirken wie jemand mit einem sehr vollen Kalender.“
„Ich habe etwas gestrichen.“
„Was?“
„Arbeit.“
Matthias tat gespielt erschrocken.
„Freiwillig?“
„Gewöhnen Sie sich nicht daran.“
Im Haus roch es nach Kaffee und gebratenem Apfel.
An der Garderobe hingen zu viele Jacken.
Auf dem Kühlschrank klebten Kinderzeichnungen, Einkaufszettel und ein vergilbtes Foto einer älteren Frau mit Emma auf dem Schoß.
Auf dem Tisch lag eine zerlesene Fernsehzeitschrift.
Neben dem Sofa stand ein Korb mit ungefalteter Wäsche.
Es war chaotisch.
Unperfekt.
Warm.
Katharina fühlte sich dort merkwürdig wohl.
Sie machten Pfannkuchen.
Emma bestand darauf, jedes Ei selbst aufzuschlagen.
Beim zweiten landete ein Stück Schale im Teig.
Beim dritten ein Teil des Eis auf dem Tisch.
„Das gehört so“, erklärte sie.
„Natürlich“, sagte Katharina.
Später saßen Matthias und Katharina im Wohnzimmer, während Emma auf dem Teppich malte.
„Wissen Sie“, sagte Matthias, „ich wollte Sie etwas fragen.“
„Hm?“
„Warum sind Sie wirklich in den Wald gegangen?“
Katharina sah zu Emma.
„Wegen meines Vaters.“
Matthias wartete.
„Ich konnte damals nicht mehr für ihn zurückgehen.“
Sie sah auf ihre Hände.
„Für Emma konnte ich es.“
Matthias schwieg lange.
Dann sagte er:
„Vielleicht war das Ihr zweiter Sonntag.“
Katharina blickte ihn an.
„Was?“
„Der Sonntag, den Sie damals verpasst haben.“
Dieser Satz blieb.
Nicht nur an diesem Nachmittag.
Er blieb Wochen.
Monate.
Katharina kam wieder.
Zuerst, weil Emma fragte.
Dann, weil Matthias Kaffee machte.
Irgendwann, weil sie selbst kommen wollte.
Als Matthias noch den Gips trug, erledigte sie Einkäufe.
Als er wieder laufen durfte, begleitete sie die beiden zum Spielplatz.
Im Frühjahr saßen sie bei seiner Mutter im Garten und aßen Blechkuchen unter einer gestreiften Markise, die vermutlich älter war als Katharinas Firma.
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