Kapitel 2: Der Brief im Kinderhandschuh
Die Tinte war blau, billiger Kugelschreiber. Das Papier war an einer Ecke mit etwas getrocknetem Dunklen verschmiert – Suppe vielleicht. Oder Blut.
Karl las weiter. Seine Augen flogen über die Zeilen, sein Verstand weigerte sich, die Worte zu akzeptieren.
Meine liebe Lina. Wenn du diesen Brief liest, dann ist Mama nicht mehr aufgewacht. Es tut mir so leid. Ich habe versucht, wach zu bleiben, mein Schatz. Ich habe so sehr gekämpft.
Seine Hände begannen zu zittern. Das Blatt flatterte wie ein Blatt im Wind.
Es tut mir leid, dass ich keine Wärme mehr besorgen konnte. Es tut mir leid wegen deines Hustens. Ich weiß, er tut weh. Aber hör mir zu. Du musst jetzt mutig sein. Mutiger als Mama.
Geh zu dem großen Glasgebäude in der Stadt. Dem Falk-Turm. Frag nach Karl Falk. Er ist ein harter Mann, sein Herz ist kalt, aber er ist dein Großvater.
Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Er taumelte einen Schritt zurück und schnappte nach Luft. Der „Eiskönig“ fühlte, wie sich in seiner Brust ein Riss bildete.
Großvater.
Sag ihm, dass ich ihm verzeihe. Sag ihm, dass ich mein Versprechen gehalten habe, ich habe nie um Geld gebeten, nicht einmal, als wir nichts mehr hatten. Nicht einmal, als Lukas gestorben ist. Ich habe es allein versucht.
Aber jetzt bitte ich. Nicht für mich, sondern für dich. Bitte, Papa. Wenn du mich jemals geliebt hast, auch nur einen Moment, bevor du so wütend wurdest – rette sie. Lass sie nicht erfrieren, so wie ich.
Ich liebe dich, Lina. Du bist mein Sonnenschein. – Lea.
Karl starrte auf die Unterschrift. Lea. Seine Lea. Die Tochter, die er zehn Jahre zuvor verstoßen hatte, weil sie einen jungen Straßenmusiker heiraten wollte und nicht den braven Juristen, den er für sie vorgesehen hatte. Er hatte ihr damals gesagt: „Wenn du durch diese Tür gehst, bist du für mich tot. Komm nicht angekrochen, wenn du nichts mehr hast.“
Und sie war nie zurückgekommen. Nie geklingelt, nie geschrieben. Sie war abgerutscht. Sie hatte gefroren. In einem seiner Häuser.
Langsam, wie eine kalte Welle, rollte die Erkenntnis über ihn hinweg. Er hatte die Heizung im Sankt-Mathias-Hof vor zwei Tagen abstellen lassen, um „Druck“ zu machen. Wer fror, zog schneller aus.
Er hatte sie getötet.
„Mister?“ Linas Stimme drang zu ihm durch, wie durch dichten Nebel. Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Lippen waren bläulich verfärbt. „Steht da was Schlimmes? Warum weinen Sie?“
Karl griff sich ans Gesicht. Seine Finger waren nass. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er weinte. Er sah das Mädchen an – seine Enkelin. Er erkannte Leas Nase. Und den Kinnzug seiner eigenen Mutter.
Der Wachmann mit dem breiten Nacken trat wieder vor. Er hatte offenbar alles falsch verstanden. Er sah seinen Chef weinen und nahm an, das Kind habe ihn beleidigt oder ihm wehgetan.
„Jetzt reicht’s!“ bellte er. „Weg mit dir, du Görenpack!“
Er packte Lina an der Kapuze und riss sie so grob zurück, dass ihre Füße den Boden verloren. Sie schrie auf, ein durchdringender, panischer Laut, und ließ einen kleinen, abgenutzten Stoffhasen in den Matsch fallen.
Etwas in Karl Falk riss endgültig.
„NEIN!“
Der Schrei, der aus seiner Kehle brach, war roh, wild und hatte nichts mehr von dem kontrollierten Ton, der sonst jedes Meeting beherrschte. Es war der Laut eines gehetzten, verletzten Tieres.
Er dachte nicht nach. Er stürzte sich nach vorn. Karl, der noch nie in seinem Leben eine Faust erhoben hatte, schubste den fast zweihundert Pfund schweren Wachmann so heftig, dass dieser auf dem vereisten Boden ausglitt und rücklings in den Schneematsch krachte.
„Lassen Sie sie los!“ schrie Karl, die Stimme überschlug sich.
Die Straße verstummte. Die Demonstranten ließen ihre Schilder sinken. Die Kameras zoomten näher. Karl Falk kniete im Dreck, sein teurer Anzug sog sich voll mit braunem Schneewasser.
Er kroch zu Lina, die zusammengekauert auf dem Boden lag und mit den Armen den Kopf schützte.
„Es tut mir leid!“, schluchzte sie. „Ich wollte Sie nicht böse machen!“
„Nein, nein, nein“, brachte Karl mühsam hervor. Seine Hände zitterten, als er sie berührte, als würde jede Berührung sie zerbrechen. Vorsichtig zog er sie an sich. Sie war so leicht. Ein kleines Bündel Knochen in einem nassen Mantel. Sie roch nach kalter Wohnung und Krankheit – und für Karl war sie in diesem Moment das Wertvollste auf der Welt.
Er drückte sie fest an sich, vergrub das Gesicht an ihrer Mütze. „Ich bin nicht böse auf dich, mein Schatz. Nicht auf dich.“
Über Linas Schulter hinweg sah er das Kündigungsschreiben, das an der Haustür klebte. „EIGENTUM DER FALK-IMMOBILIEN.“
Ein Laut entrang sich seiner Kehle, roh und tief, und wurde von jedem Mikrofon ringsum eingefangen. Es war das Geräusch, das ein Herz macht, wenn es bricht.
Mit der einen Hand griff er nach dem Stoffhasen im Matsch, wischte ihn automatisch an seinem Mantelärmel ab und drückte ihn Lina in die Hand.
Sie sah ihn an, die Augen noch voller Tränen. Mit ihrem schmutzigen Daumen wischte sie über seine Wange und verwischte eine Träne.
„Lesen Sie es mir vor?“, flüsterte sie. „Was hat Mama geschrieben?“
Karl erstarrte. Er sah auf den Brief in seiner Hand. Er konnte es ihr nicht sagen. Er konnte dieses Kind nicht damit konfrontieren, dass ihre Mutter in einem eiskalten Zimmer gestorben war in einem Haus, das ihrem eigenen Großvater gehörte. Er konnte ihr nicht erklären, dass sie Halbwaise war, weil er mehr auf Renditen als auf Menschen geachtet hatte.
Er musste lügen. Für sie. Für Lea.
Er holte tief Luft, kämpfte gegen den Kloß im Hals an und sah Lina direkt an.
„Da steht…“, begann Karl und zwang seine Stimme ruhig zu klingen, „da steht, dass deine Mama an einen besonderen Ort gegangen ist. Einen Ort, an dem es immer warm ist. Wo kein Schnee liegt.“
„So wie am Meer?“ fragte Lina leise.
„Noch schöner als am Meer“, sagte Karl, und neue Tränen brannten in seinen Augen. „Und sie schreibt, dass sie dich zu einem Prinzen schickt.“
„Zu einem Prinzen?“ Linas Stirn legte sich in Falten. Sie klang skeptisch.
„Ja. Zu einem Prinzen, der sich verlaufen hat. Der vergessen hat, wie man gut ist.“ Karl strich ihr sachte über die Haare. „Und sie schreibt, dass der Prinz dich in ein Schloss bringen wird. Ein Schloss, in dem dir nie wieder kalt ist. Und in dem du alles essen kannst, was du willst.“
Lina prüfte sein Gesicht, dann die glänzende Limousine hinter ihm.
„Sind Sie der Prinz?“ fragte sie.
Karl sah sein Spiegelbild in der Autoscheibe. Ein alter Mann, Schlamm an den Knien, die Augen rot.
„Nein“, flüsterte er. „Ich bin kein Prinz. Aber ich werde versuchen, einer zu sein.“
Er hob Lina hoch. Sie war erschreckend leicht. Mit ihr im Arm drehte er sich um zu den Reportern, zu den Demonstranten, zu seinen eigenen Leuten.
„Machen Sie das Auto auf“, sagte er zum Fahrer.
„Herr Falk?“ Der Fahrer sah verwirrt aus. „Die Begehung…“
„Abgesagt“, schnitt Karl ihm das Wort ab. Er wandte sich an den Bauleiter. „Der Abriss ist ebenfalls abgesagt. Sofort. Und die Heizung wird wieder eingeschaltet. Wenn in einer Stunde noch irgendjemand in diesem Haus friert, sind Sie Ihren Job los. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Aber der Bau… die Verträge…“, stotterte der Mann.
„Zum Teufel mit dem Bau“, fauchte Karl. „Machen Sie, dass es warm wird. Los!“
Er stieg mit Lina in die Limousine, ohne sich darum zu kümmern, dass ihr nasser Mantel Flecken auf den Sitzen hinterließ. Als die Tür ins Schloss fiel, blieb die Kälte vorerst draußen.
Karl zog eine schwere Wolldecke von der Rückbank und legte sie um Lina.
„Wohin fahren wir?“ fragte sie, und ihr Zittern ließ zum ersten Mal etwas nach.
Karl sah den Fahrer an. „Nach Hause. Wir fahren nach Hause.“
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