Kapitel 4: Krieg der Wölfe
Am nächsten Morgen brach der Sturm los. Nicht draußen – sondern in der Welt, die Karl sich aufgebaut hatte.
Das Video von ihm, kniend im Schneematsch, mit einem frierenden Mädchen auf dem Arm, war in jeder Nachrichtensendung gelaufen. „Der Fall des Eiskönigs“, nannten sie es. „Der harte Immobilienmogul zeigt Tränen.“
Um neun Uhr betrat Karl den großen Konferenzraum der Falk-Immobilien. Frischer Anzug, Krawatte korrekt, aber etwas in seinem Gesicht hatte sich verändert. Es war immer noch markant, aber die Kälte darin war einer müden Schärfe gewichen.
Zwölf Personen saßen um den langen Tisch – Vorstände, juristische Berater, die Spitze seiner Firma. Menschen, die dachten wie der alte Karl.
„Karl“, begann der Finanzvorstand, ein Mann namens Thiele, kaum dass er saß. „Wir müssen reagieren. Der Kurs ist heute Morgen deutlich eingebrochen. Wir sollten eine Erklärung abgeben: Stress, persönlicher Schicksalsschlag, irgendetwas. Und wir müssen zeigen, dass das Projekt weitergeht. Sonst verlieren wir Investoren.“
Karl blieb stehen, stützte die Hände auf die Tischkante und ließ den Blick über die Runde wandern. Er sah Gier. Angst. Die gleichen glänzenden Augen, die er seit Jahren aus dem Spiegel kannte.
„Es wird keinen Abriss geben“, sagte er ruhig.
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann brach ein Stimmengewirr aus.
„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“
„Die Verträge!“
„Die Baufirmen!“
„Es wird keinen Abriss geben“, wiederholte Karl, lauter. „Der Sankt-Mathias-Hof bleibt stehen.“
„Karl, sei vernünftig“, sagte Thiele und richtete sich auf. „Das ist ein Filetstück. Wir können da keine Sozialromantik betreiben.“
„Wir lassen es nicht so, wie es ist“, entgegnete Karl. „Wir bauen es um.“
„Umbauen? Für wen? Die Leute dort können keine Mieten zahlen, die unsere Kosten decken“, warf jemand ein.
„Sie werden auch keine Miete zahlen“, sagte Karl. „Wir machen daraus ein Haus für Menschen mit wenig Geld. Unten eine Arztpraxis, ein Treffpunkt, vielleicht eine kleine Schule. Und das Ganze bekommt einen Namen. ‚Lea-Falk-Haus‘.“
Es war, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gesaugt. Niemand sagte etwas.
„Du bist verrückt geworden“, zischte Thiele schließlich. „Wir sind ein Unternehmen, kein Wohlfahrtsverein. Du hast eine Pflicht gegenüber den Anteilseignern. Wenn du das durchziehst, werden wir dich abwählen.“
Karl lächelte. Zum ersten Mal an diesem Morgen. Es war kein freundliches Lächeln. Eher das einer alten, erfahrenen Wölfin, die weiß, dass sie die größte im Rudel ist.
„Abwählen?“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Herr Thiele, haben Sie vergessen, wem die Mehrheitsanteile gehören?“
Thiele wurde blass.
„Ich habe dieses Unternehmen aufgebaut“, sagte Karl. „Und ich habe dabei viel zerstört. Auf den Häusern, die wir aufgekauft, saniert, teurer wieder verkauft haben, klebt mehr als Staub. Während wir hier über Renditen geredet haben, ist meine eigene Tochter in einem kalten Zimmer gestorben. In einem Haus, das meinen Namen trägt.“
Ein Murmeln ging durch den Raum. Sie hatten von einer „Familiengeschichte“ gehört – Details kannte niemand.
„Sie ist gestorben“, wiederholte Karl und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Während ich Tabellen unterschrieben habe. Und ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, wenigstens einen Teil davon wieder gutzumachen.“
Er zeigte auf Thiele. „Sie sind entlassen.“
„Das können Sie nicht einfach…“
„Ich habe es gerade getan“, unterbrach Karl ihn. „Ihre Unterlagen liegen in einer Stunde bei der Personalabteilung. Sie können jetzt gehen.“
Thiele stand langsam auf. Er blickte in die Runde, suchte Verbündete. Niemand rührte sich. Schließlich verließ er wortlos den Raum.
Karl wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
„Wer der Meinung ist, dass Profit wichtiger ist als Menschen, kann ihm folgen“, sagte er. „Jetzt.“
Niemand stand auf.
„Gut“, sagte Karl knapp. Er setzte sich. „Dann krempeln wir die Ärmel hoch. Ich möchte noch heute mit Architekten sprechen. Die Heizungen im Sankt-Mathias-Hof werden durch neue ersetzt. Und ich will einen Fonds für jedes Kind, das dort wohnt. Bildung, medizinische Versorgung, alles, was nötig ist.“
Jemand räusperte sich. „Das wird die Bilanz belasten.“
„Ja“, sagte Karl. „Und das ist in Ordnung. Wir haben Jahrzehnte genommen. Es wird Zeit, etwas zurückzugeben.“
In ihm war es, als hätte jemand ein schweres Gewicht von seinen Schultern genommen. Er spürte die Last seiner Entscheidungen noch, aber da war etwas Neues: das vage Gefühl, zum ersten Mal seit Langem nicht weiter in die falsche Richtung zu rennen.
Er war nicht mehr nur ein Bauherr von Häusern. Er begann, an etwas zu bauen, das den Namen vielleicht verdiente:
Ein Vermächtnis.
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