Kapitel 5: Frühling im Innenhof
Sechs Monate später.
Der Winter war Geschichte. Die grauen Haufen am Straßenrand, die tagelang nicht schmelzen wollten, waren verschwunden. Die Bäume hatten junge, zarte Blätter, und die Sonne legte ein helles, freundliches Licht auf die Stadt.
Der Sankt-Mathias-Hof war kaum wiederzuerkennen. Die Fassade war gereinigt, die alten, blinden Fenster durch dichte, neue Scheiben ersetzt worden. Zwischen den Häusern, wo früher ein trostloser Parkplatz gewesen war, lag jetzt ein kleiner Gemeinschaftsgarten. Hochbeete, ein paar Obstbäume, ein Sandkasten. Bunte Wimpel flatterten im Wind.
Über dem Eingang hing ein schlichtes Schild: Lea-Falk-Haus.
Karl saß auf einer Holzbank im Innenhof. Er trug keine Krawatte. Nur eine helle Stoffhose und eine weiche, hellblaue Strickjacke. Er wirkte älter als noch vor einem Jahr – aber auch leichter. Als wären einige Falten in seinem Gesicht nicht mehr aus Verbissenheit, sondern einfach aus gelebter Zeit.
Er beobachtete die Kinder, die auf dem neuen Klettergerüst herumturnten, ihren quietschenden, unbeschwerten Stimmen folgend.
„Opa!“
Karl drehte sich um. Lina rannte über den Rasen auf ihn zu. Ihr Gesicht war rund und rosig, die Augen klar. Von der kleinen, ausgezehrten Gestalt im Schneematsch war nichts mehr zu sehen. Ihr Haar war gewaschen, zu einem Zopf geflochten, in dem ein gelbes Band steckte.
Auf ihrem Rücken wippte ein Ranzen, fast so groß wie sie.
„Nicht so schnell, sonst fliegst du noch“, lachte Karl und breitete die Arme aus.
Sie warf sich mit vollem Gewicht auf ihn, und er fing sie geübt auf.
„Erster Schultag geschafft, was?“ fragte er.
„Ja!“ Lina strahlte. „Erste Klasse!“
„Na, dann erzähl mal“, sagte Karl und setzte sie neben sich. „Was hast du gelernt?“
„Ganz viel“, sagte sie ernst. „Aber das Wichtigste ist das hier.“
Sie kramte in ihrem Ranzen, zog ein buntes Blatt heraus. Es war etwas zerknittert, mit Fingerabdrücken an den Rändern. Auf dem Papier hatte sie mit Buntstiften eine kleine, strubbelige Figur gemalt – ein Mädchen mit gelben Haaren. Daneben stand ein großer Mann in einer blauen Jacke. Zwischen ihnen eine Hand, die sie einander reichten. Etwas abseits war ein kleiner Stein mit „MAMA“ darauf. Über allem strahlte eine große Sonne.
„Die Lehrerin hat uns heute gezeigt, wie man schreibt“, erklärte Lina stolz. „Lesen Sie vor, was ich unten geschrieben habe.“
Karl setzte seine Brille auf. Seine Hände zitterten ein wenig, aber diesmal war es kein Zittern der Angst.
Unter der Zeichnung, in großen, ungelenken Druckbuchstaben, stand:
ICH LIEBE OPA.
Karl starrte auf die Worte. Er hatte mehr Geld verdient, als er jemals hatte ausgeben können. Sein Name stand an Hausfassaden und auf Verträgen. Er hatte mit Menschen an Tischen gesessen, deren Gesichter regelmäßig in Zeitungen gedruckt wurden.
Aber kein Moment, kein Abschluss, kein Handschlag hatte sich je so angefühlt wie diese vier schiefen Wörter.
Er schluckte.
„Es ist wunderschön, Lina“, sagte er leise. „Das Schönste, was ich je gelesen habe.“
„Meinen Sie, Mama sieht es?“ fragte sie und blickte hinauf in den blauen Himmel.
Karl folgte ihrem Blick. Eine Wolke zog langsam zur Seite, und ein Sonnenstrahl fiel genau auf die Bank, auf der sie saßen. Der Garten schien für einen Moment noch heller.
„Ja“, flüsterte er. „Ich glaube, sie sieht es. Und ich glaube, sie hat dir geholfen, es zu schreiben.“
Lina kuschelte sich an seine Seite, legte den Kopf an seine Schulter.
„Ich hab dich lieb, Opa“, murmelte sie.
Karl schloss die Augen. „Ich dich auch, meine Papierprinzessin.“
Er hielt sie fest im Arm, mitten im warmen Innenhof, während um sie herum Kinder lachten, irgendwo eine Gießkanne plätscherte und ein Windzug durch die bunten Wimpel strich.
Der Mann, der einst aus Eis gewesen war, fühlte, dass es in ihm endlich warm geworden war. Dauerhaft.






