Als Dieter starb, durfte Seppel endlich auf den Sessel, und Waltraud begann wieder zu atmen

Als mein Mann starb, setzte ich unseren alten Hund auf seinen verbotenen Ledersessel. Am nächsten Morgen wusste plötzlich die halbe Nachbarschaft davon.

„Komm, Seppel.“

Der alte Hund stand an der Grenze zwischen den Küchenfliesen und dem Wohnzimmerteppich und sah mich an, als hätte ich gerade verlangt, dass er durch eine Wand läuft.

Zehn Jahre lang durfte er diesen Teppich nicht betreten.

Und schon gar nicht den dunkelbraunen Ledersessel meines Mannes.

Ich klopfte noch einmal auf die Sitzfläche.

„Hoch mit dir.“

Seppel rührte sich nicht.

Seine Schnauze war inzwischen fast vollständig grau. Seine Hinterbeine waren steif geworden. Doch in seinen braunen Augen lag noch immer dieselbe Vorsicht, die ich so gut kannte.

Die hatte Dieter ihm beigebracht.

Mir übrigens auch.

Drei Tage zuvor war mein Mann im Garten zusammengebrochen.

Herzinfarkt.

Mit 72 Jahren.

Seitdem kamen Nachbarn, entfernte Verwandte und alte Bekannte in unser Reihenhaus am Rand von Bielefeld. Sie brachten Aufläufe, Kartoffelsalat, Kuchen und diese vorsichtigen Gesichter, die Menschen aufsetzen, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen.

„Dieter war noch ein Mann mit Prinzipien“, sagte Frau Henning aus der Nachbarstraße.

„So ordentlich war hier sonst niemand.“

„Der Garten war immer perfekt.“

Ich hatte genickt.

Ich hatte Kaffee eingeschenkt.

Ich hatte mich umarmen lassen.

Und ich hatte kein einziges Mal gesagt, dass mein erster Gedanke nach Dieters Tod nicht Trauer gewesen war.

Sondern Ruhe.

Nicht Freude.

Nicht Genugtuung.

Einfach nur Ruhe.

Dieter hatte mich nie geschlagen.

Auch Seppel nicht.

Wenn ich das erwähnte, klang unsere Ehe beinahe harmlos.

Aber Dieter brauchte keine Gewalt.

Er konnte einen Raum mit einem einzigen Seufzer kalt machen.

Ein falsch abgestellter Teller.

Ein Krümel auf dem Teppich.

Eine zu laute Stimme.

Ein Besuch, der fünf Minuten zu lange blieb.

Ein Hund, der Nähe suchte.

„Das Tier gehört nicht aufs Sofa.“

„Der Hund hat nichts im Wohnzimmer verloren.“

„Waltraud, musst du ihn ständig anfassen?“

Seppel lernte schnell.

Er blieb auf den Fliesen.

Er legte sich neben die Heizung.

Wenn Dieter ins Zimmer kam, machte er sich klein.

Und ich?

Ich lernte ebenfalls.

Nach vierzig Jahren Ehe wusste ich genau, wie man eine Schranktür schließt, ohne dass sie klickt.

Ich wusste, wie laut der Fernseher sein durfte.

Ich wusste, wann ich lachen konnte.

Und wann besser nicht.

Nun waren alle gegangen.

Ich schloss die Haustür ab.

Zum ersten Mal bedeutete dieses Geräusch nicht, dass Dieter gleich in den Flur kommen konnte.

Es bedeutete, dass niemand mehr hereinkam.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer.

Der Ledersessel stand vor dem Fernseher wie ein Denkmal.

Niemand hatte dort gesessen außer Dieter.

Nicht ich.

Nicht unsere Kinder.

Nicht einmal an Weihnachten.

„Seppel.“

Der Hund sah vom Teppich zum Sessel.

„Es ist okay.“

Er setzte vorsichtig eine Pfote auf den Teppich.

Dann die zweite.

Er blieb stehen.

Nichts geschah.

Kein Ruf.

Kein scharfes „Runter da!“

Seppel ging weiter.

Am Sessel angekommen, legte er den Kopf schief.

Ich klopfte auf das Leder.

„Der gehört jetzt dir.“

Mit sichtbarer Mühe hob er die Vorderpfoten hoch.

Dann zog er die Hinterbeine nach.

Er drehte sich zweimal im Kreis und ließ sich fallen.

Sein ganzer Körper sank in das weiche Leder.

Dann kam dieser Seufzer.

Lang.

Tief.

Fast menschlich.

Als hätte er zehn Jahre Luft angehalten.

Ich setzte mich neben den Sessel auf den Teppich.

Seppel legte seine graue Schnauze auf die Armlehne und schlief innerhalb weniger Minuten ein.

Hundehaare blieben auf dem Leder hängen.

Auf dem Teppich lagen Krümel vom Besuch.

In der Küche stapelten sich schmutzige Tassen.

Dieter hätte es gehasst.

Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten sah unser Haus nicht perfekt aus.

Es sah bewohnt aus.

Am nächsten Morgen wachte ich auf dem Sofa auf.

Seppel lag neben mir auf dem Teppich.

Mein erster Gedanke war sofort:

Runter.

Das Wort war schon in meinem Kopf, bevor ich richtig wach war.

Seppel öffnete die Augen.

Sein Schwanz klopfte einmal vorsichtig auf den Boden.

Ich schluckte.

„Bleib.“

Er legte den Kopf wieder hin.

Da verstand ich, dass Dieter zwar nicht mehr im Haus war.

Aber seine Regeln waren noch überall.

In meinen Händen.

In meiner Stimme.

In meinem Rücken, der sich automatisch anspannte, wenn etwas nicht ordentlich war.

Mein Handy lag auf dem Wohnzimmertisch.

Vierzehn verpasste Anrufe.

Mehr als zwanzig Nachrichten.

Drei davon waren von unserer Tochter Frauke.

Mama, ich komme heute vorbei. Bitte ruf mich an.

Die nächste:

Und mach jetzt nichts, was du später bereust.

Frauke war 38.

Trotzdem hörte ich in ihrer Nachricht das Mädchen, das früher vor der Badezimmertür geweint hatte, nachdem Dieter sie wegen einer schlechten Schulnote eine Viertelstunde lang mit Schweigen bestraft hatte.

Dann sah ich eine Nachricht von Frau Henning.

Waltraud, bist du wach? Es wird geredet. Ruf mich bitte an.

Es wird geredet.

Früher hätte dieser Satz gereicht, um mir den Magen umzudrehen.

Ich öffnete das private Nachbarschaftsforum, das einige Leute aus unserem Viertel nutzten.

Ganz oben stand ein neues Foto.

Unser Wohnzimmerfenster.

Durch die Lamellen der Jalousie konnte man den Ledersessel erkennen.

Und darauf einen goldbraunen Fleck.

Seppel.

Jemand hatte von draußen fotografiert.

Darunter stand:

Ich will niemandem zu nahe treten, aber findet das noch jemand seltsam? Dieter hat immer so auf dieses Haus geachtet.

Die Kommentare waren bereits da.

Sehr traurig.

Er hätte das niemals erlaubt.

Vielleicht sollte jemand nach Waltraud sehen.

Der Hund auf Dieters Sessel? Nach drei Tagen?

Manche Dinge macht man einfach nicht.

Ich las jeden Satz zweimal.

Seppel kam in die Küche und stellte sich neben mich.

Er schaute hoch.

So, als wolle er fragen, ob er etwas falsch gemacht hatte.

Und plötzlich musste ich lachen.

Nur einmal.

Kurz.

Fast erschrocken über mich selbst.

Natürlich.

Vierzig Jahre lang hatten alle bewundert, wie ordentlich unser Haus war.

Kaum erlaubte ich einem alten Hund, bequem zu liegen, wurde daraus ein Gespräch im ganzen Viertel.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer.

Seppel folgte mir.

„Komm.“

Diesmal brauchte er keine zehn Sekunden.

Er kletterte wieder auf den Sessel.

Ich ging zum Fenster.

Dieter hatte die Jalousien tagsüber oft halb geschlossen gehalten.

Zu viel Licht zeigte Staub.

Fingerabdrücke.

Hundehaare.

Ich zog sie vollständig hoch.

Das Wohnzimmer wurde hell.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen