Seppel blinzelte kurz.
Dann legte er den Kopf wieder auf die Armlehne.
Mein Handy klingelte.
Frauke.
„Mama, endlich.“
„Guten Morgen.“
„Geht es dir gut?“
„Ja.“
Pause.
„Ich habe das Foto gesehen.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Mama, die Leute reden.“
Ich sah Seppel an.
„Die Leute reden immer.“
Frauke atmete hörbar aus.
„Bitte mach daraus jetzt keine große Sache.“
„Ich mache gar nichts.“
„Seppel sitzt auf Papas Sessel.“
„Ja.“
„Papa hat diesen Sessel geliebt.“
Ich schwieg kurz.
Dann fragte ich:
„Frauke, wann hast du zuletzt darin gesessen?“
Am anderen Ende blieb es still.
„Nie.“
„Genau.“
Wieder Stille.
„Ich komme vorbei“, sagte sie schließlich.
„Gut.“
„Ole kommt auch.“
Unser Sohn.
42 Jahre alt.
Und seinem Vater ähnlicher, als er selbst wahrhaben wollte.
Zwei Stunden später standen beide vor der Tür.
Frauke umarmte mich sofort.
Ole nickte nur.
Er trug einen Karton unter dem Arm.
Kaum war er im Wohnzimmer, sah er Seppel.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Ernsthaft, Mama?“
Seppel hob den Kopf.
Seine Ohren gingen zurück.
„Ole“, sagte Frauke leise.
„Papa ist nicht einmal eine Woche tot.“
„Er ist tot“, sagte ich.
Ole starrte mich an.
Ich selbst erschrak über meine Worte.
Doch ich machte weiter.
„Der Sessel ist noch hier. Seppel ist noch hier. Und ich bin auch noch hier.“
Ole stellte den Karton auf den Esstisch.
Darin lagen Ordner.
Eine Mappe.
Ein dicker Ringhefter.
Alles beschriftet in Dieters sauberer Blockschrift.
HAUS.
VERSICHERUNGEN.
WARTUNG.
ANWEISUNGEN.
Natürlich.
Dieter hatte sogar für die Zeit nach seinem Tod Regeln vorbereitet.
„Papa hatte alles sortiert“, sagte Ole.
„Er wusste wohl, dass du Hilfe brauchst.“
Der Satz traf mich stärker, als Ole vermutlich ahnte.
Frauke bemerkte es.
„So hat er das bestimmt nicht gemeint.“
Ich sah sie an.
„Wie hat er es denn gemeint?“
Sie antwortete nicht.
Wir setzten uns an den Tisch.
Ole blieb stehen.
Ganz wie Dieter früher.
„Wir müssen besprechen, wie es weitergeht“, sagte er. „Das Haus ist groß. Der Garten. Die ganzen Reparaturen.“
„Und die Beerdigung“, sagte Frauke.
„Und die Unterlagen.“
Sie redeten über mein Leben, als wäre ich nicht im Raum.
Irgendwann sagte Frauke:
„Papa hat immer gesagt, du wärst ohne ihn verloren.“
Ich sah sie an.
Sie bekam sofort rote Augen.
„Entschuldige.“
„Glaubst du das?“
Frauke senkte den Blick.
„Ich weiß es nicht.“
Ole wurde unruhig.
„Mama, niemand will dich angreifen.“
„Das glaube ich euch.“
„Aber die Leute machen sich Sorgen.“
„Wegen mir? Oder wegen des Hundes auf dem Sessel?“
Frauke schluckte.
Ole verdrehte leicht die Augen.
Und plötzlich sah ich Dieter vor mir.
Nicht äußerlich.
Diese eine Bewegung.
Dieses stille Urteil.
Ich sagte:
„Ich werde nicht so tun, als würde meine Trauer genauso aussehen wie die der Nachbarn.“
Ole verschränkte die Arme.
„Was soll das heißen?“
„Dass ich Dieter vermissen kann und trotzdem erleichtert sein darf.“
Frauke hob sofort die Hand an den Mund.
Ole starrte mich an.
„Das ist krank.“
Seppel zuckte im Sessel zusammen.
Ich drehte mich zu meinem Sohn.
„Nein. Das ist ehrlich.“
„Du klingst, als wärst du froh, dass Papa tot ist.“
„Ich bin nicht froh, dass er tot ist.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Ich bin froh, dass ich wieder atmen kann.“
Niemand sagte etwas.
Ole zeigte auf Seppel.
„Und das da? Soll das irgendeine Botschaft sein?“
Ich sah den alten Hund an.
Er hatte den Kopf wieder abgelegt.
„Nein.“
„Was dann?“
„Ein Hund, der bequem liegt.“
„Papa würde ausrasten.“
„Ich weiß.“
Ole schüttelte den Kopf.
„Du machst das absichtlich.“
„Vielleicht mache ich zum ersten Mal überhaupt etwas absichtlich.“
Frauke begann zu weinen.
Ole ging im Esszimmer auf und ab.
Ich dachte an Dieters letzten Morgen.
Daran, wie er an mir vorbeigegangen war.
„Weißt du, was das Letzte war, das euer Vater zu mir gesagt hat?“
Beide sahen mich an.
„Die Hortensien seien auf einer Seite höher.“
Ole runzelte die Stirn.
„Was?“
„Das waren seine letzten Worte zu mir.“
Ich zeigte auf Seppel.
„Und zu ihm sagte er: ,Geh aus dem Weg.‘“
Seppel hob bei seiner Namensnennung kurz den Kopf.
„So war es hier oft“, sagte ich. „Keiner wurde geschlagen. Keiner wurde angeschrien. Aber irgendwie wusste jeder ständig, dass er im Weg war.“
Frauke weinte nun offen.
Ole sah zum Fenster.
„Papa war nicht böse“, sagte er.
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber es klingt so.“
„Ich sage nur, dass ein Mensch von draußen ganz anders aussehen kann als von drinnen.“
Ole öffnete einen der Ordner.
Dann fand er drei Umschläge.
OLE.
FRAUKE.
WALTRAUD.
Mir wurde plötzlich kalt.
Ole reichte mir meinen.
Ich öffnete ihn.
Eine Seite.
Dieters Schrift.
Keine Anrede.
Keine persönlichen Worte.
Nur Hinweise.
Das Haus sollte ordentlich bleiben.
Der Garten müsse gepflegt werden.
Die Leute würden darauf achten, wie ich mich nach seinem Tod verhalte.
Ich solle den Familiennamen nicht „lächerlich machen“.
Dann kam der Satz:
Falls du mit dem Hund nicht mehr zurechtkommst, musst du vernünftig sein und ihn abgeben.
Ich las ihn noch einmal.
Und noch einmal.
Frauke sah mich an.
„Was steht da?“
„Euer Vater wollte, dass ich Seppel abgebe, sobald er mir zu viel wird.“
Ole räusperte sich.
„Vielleicht meinte er das nur praktisch.“
Praktisch.
Dieter liebte dieses Wort.
„Nein“, sagte ich. „Er meinte unbequem.“
Ich stand auf.
Meine Knie waren weich.
Trotzdem fühlte ich mich größer als noch vor einer Stunde.
„Seppel bleibt.“
Ole öffnete den Mund.
Ich hob die Hand.
„Und ich entscheide, was mit diesem Haus passiert.“
Frauke sah mich an.
„Mama…“
„Ich entscheide auch, wie ich trauere. Ich werde nicht jeden Morgen überlegen, ob die Nachbarn meine Gefühle angemessen finden.“
Ole wurde rot.
„Du ignorierst einfach Papas Wünsche?“
Ich sah ihn lange an.
„Hat dein Vater jemals meine Wünsche ignoriert?“
Ole antwortete nicht.
Frauke stand langsam auf.
Sie ging zum Sessel.
Seppel beobachtete sie vorsichtig.
Dann legte sie ihre Hand auf seinen Kopf.
Der Hund erstarrte.
Nur für eine Sekunde.
Dann drückte er seine Schnauze gegen ihre Finger.
Frauke begann noch stärker zu weinen.
„Ich hatte vergessen, wie weich er ist.“
Sie kniete sich hin.
„Früher habe ich ihm unter dem Tisch immer Fleisch zugesteckt.“
Ich lächelte.
„Ich weiß.“
Sie sah zu mir.
„Warum haben wir damit aufgehört?“
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