Als Dieter starb, durfte Seppel endlich auf den Sessel, und Waltraud begann wieder zu atmen

Ich musste nicht antworten.

Sie wusste es selbst.

Ole stand immer noch am Tisch.

„Das wird mir jetzt zu dramatisch.“

Frauke fuhr herum.

„Weißt du, wer das auch immer gesagt hat?“

„Fang nicht damit an.“

„Papa.“

Ole wurde still.

Frauke wischte sich die Tränen ab.

„Sobald jemand Gefühle hatte, war es dramatisch.“

Ole griff nach seiner Jacke.

„Ich brauche kurz Luft.“

Als die Tür hinter ihm zufiel, setzte sich Frauke mit mir auf den Küchenboden.

Wie früher.

Seppel kam zu uns.

Er legte den Kopf auf Fraukes Knie.

„Ich fühle mich schrecklich“, sagte sie.

„Warum?“

„Weil ich nichts gesehen habe.“

„Du warst ein Kind.“

„Ich bin seit zwanzig Jahren kein Kind mehr.“

Ich sah sie an.

Frauke zog die Knie an die Brust.

„Und trotzdem habe ich ständig Angst, etwas falsch zu machen.“

Dieser Satz traf mich.

Weil ich genau wusste, was sie meinte.

„Als ich das Foto von Seppel im Sessel gesehen habe“, sagte sie, „war mein erster Gedanke: Was sollen die Leute denken?“

Sie lachte traurig.

„Nicht: Wie geht es Mama? Nicht: Geht es Seppel gut? Nur: Was denken die anderen?“

Ich nickte.

„So lernt man das.“

„Und wie hört man damit auf?“

Darauf hatte ich keine Antwort.

Also sagte ich die Wahrheit.

„Keine Ahnung.“

Wir saßen eine Weile schweigend da.

Seppel schnarchte leise.

Dann kam Ole zurück.

„Frau Henning will vorbeikommen“, sagte er.

Frauke richtete sich sofort auf.

„Nein.“

Ole sah sie überrascht an.

„Sie macht sich Sorgen.“

„Um den Ledersessel.“

„Das ist unfair.“

„Nein“, sagte Frauke. „Sie hat ein Foto durch Mamas Fenster gemacht oder weitergegeben. Das ist keine Sorge.“

Ole sah zu mir.

„Was willst du?“

Ich dachte zuerst, er hätte Frauke gefragt.

Doch beide sahen mich an.

Was willst du?

So eine einfache Frage.

Und trotzdem wusste ich nicht, wann mich zuletzt jemand danach gefragt hatte.

Nicht: Was ist vernünftig?

Nicht: Was wird erwartet?

Nicht: Was hätte Dieter gewollt?

Was willst du?

Ich blickte ins Wohnzimmer.

Der Teppich war voller Hundehaare.

Auf dem Couchtisch stand meine Tasse vom Morgen.

Die Jalousien waren vollständig geöffnet.

Der Sessel hatte Kratzer von Seppels Krallen.

Und ich fand das Wohnzimmer wunderschön.

„Ich will“, sagte ich langsam, „nicht mehr jedes Mal um Entschuldigung bitten, nur weil ich existiere.“

Frauke schloss die Augen.

Ole sagte nichts.

Mein Handy vibrierte.

Ein neuer Kommentar im Nachbarschaftsforum.

Wenn sie schon drei Tage später seine Regeln missachtet, fragt man sich, was in diesem Haus wirklich los war.

Früher hätte ich das Handy weggelegt.

Ich hätte die Jalousien geschlossen.

Ich hätte Seppel vom Sessel geholt.

Ich hätte Kuchen gebacken und Frau Henning eingeladen, nur damit wieder alle zufrieden waren.

Stattdessen setzte ich mich in Dieters alten Sessel.

Seppel lag bereits darin.

Er hob den Kopf.

Ich schob mich einfach neben ihn.

Es war eng.

Seine Pfoten drückten gegen meine Beine.

Hundehaare klebten sofort an meiner schwarzen Hose.

Frauke begann zu lachen.

Ein echtes Lachen.

Laut.

Unordentlich.

Ole stand da und sah uns an.

Dann geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Sein Mundwinkel zuckte.

Nur kurz.

Aber ich sah es.

Seppel legte seinen schweren Kopf auf meinen Schoß.

Ich nahm das Handy.

Öffnete das Nachbarschaftsforum.

Drückte auf „Antworten“.

Meine Finger zitterten.

Nicht vor Angst.

Eher weil ich noch nicht gewohnt war, dass sie etwas schreiben durften, ohne dass Dieter vorher meine Worte im Kopf überprüfte.

Ich tippte:

Seppel sitzt auf dem Sessel, weil er zehn Jahre lang gelernt hat, dass er in diesem Haus möglichst wenig Platz einnehmen soll.

Ich hielt inne.

Dann schrieb ich weiter.

Ich glaube, ich habe dasselbe gelernt.

Frauke las über meine Schulter.

Ole stand still.

Ich fügte noch einen letzten Satz hinzu.

Ab heute lernen wir beide etwas Neues.

Ich drückte auf „Senden“.

Dann legte ich das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.

Es vibrierte fast sofort.

Ich sah nicht hin.

Seppel seufzte.

Frauke setzte sich auf die Armlehne.

Ole zog schließlich einen Esszimmerstuhl herüber und setzte sich uns gegenüber.

Zum ersten Mal seit Dieters Tod sprachen wir nicht darüber, was er gewollt hätte.

Wir sprachen darüber, was wir wollten.

Frauke wollte öfter kommen.

Ole gab nach einer langen Pause zu, dass er seinen Vater geliebt und gleichzeitig ständig Angst gehabt hatte, ihn zu enttäuschen.

Ich sagte, dass ich Dieter ebenfalls geliebt hatte.

Vielleicht war genau das das Schwierige.

Menschen müssen keine Monster sein, um einem das Leben eng zu machen.

Man kann jemanden vermissen und trotzdem froh sein, dass bestimmte Dinge vorbei sind.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Am Abend stand Seppel vom Sessel auf.

Er lief zur Küche.

Dann blieb er an der alten Grenze zwischen Teppich und Fliesen stehen.

Er drehte sich zu mir um.

Früher hätte ich gedacht, er wartet auf Erlaubnis, die Küche zu betreten.

Jetzt verstand ich etwas anderes.

Er wartete auf mich.

Ich stand auf.

„Komm“, sagte ich.

Seppel folgte mir.

Hinter uns blieb Dieters Ledersessel leer.

Zum ersten Mal sah er nicht wie ein Thron aus.

Nur wie ein alter Sessel.

Und unser Haus?

Es war nicht mehr perfekt.

Es war voller Hundehaare.

Voller benutzter Tassen.

Voller ungeklärter Gefühle.

Voller Dinge, über die die Nachbarn wahrscheinlich noch tagelang reden würden.

Aber an diesem Abend begriff ich endlich etwas.

Ruhe bedeutet nicht immer Frieden.

Manchmal bedeutet Ruhe nur, dass niemand sich traut, etwas zu sagen.

Vierzig Jahre lang hatte ich geglaubt, wir hätten ein ruhiges Zuhause gehabt.

Dabei hatten wir einfach alle gelernt, leise zu sein.

Seppel legte sich später wieder auf den Wohnzimmerteppich.

Nicht in eine Ecke.

Direkt neben meine Füße.

Ich strich über seinen grauen Kopf.

Er schloss die Augen.

Und diesmal wartete keiner von uns darauf, dass jemand sagte, wir wären im Weg.

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