Als ein alter Mann im Müll nach Essen suchte, stand der gefürchtete Schlosser auf

„Und ich unterschreibe nichts, was ich nicht verstehe.“

Zum ersten Mal lächelte Karl richtig. „Dann verstehen wir uns ja schon.“

Die Wohnung roch nach frischer Farbe und lange geschlossenen Fenstern. Im Flur fehlte noch eine Fußleiste. Aus dem Küchenfenster sah man auf einen Hof mit einem schiefen Fliederbusch.

Dieter, ein schmaler Mann mit Hörgerät und ölverschmiertem Hemd, schloss das Bad auf. „Die Dusche ist neu. Den Kühlschrank lasse ich drin, wenn Sie ihn brauchen.“

Ernst blieb im Wohnzimmer stehen.

„Wie viele Quadratmeter?“

„Siebenunddreißig.“

Er nickte und ging zum Fenster. Unten rangierte Jonas einen Wagen in die Werkstatt. Irgendwo klapperte ein Werkzeugwagen.

„Stört Sie das?“, fragte Dieter.

„Was?“

„Die Geräusche.“

Ernst schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht.“

Dann ging er noch einmal ins Bad. Karl wartete im Flur. Nach einer Weile hörte er Wasser laufen.

Ernst kam mit nassem Gesicht zurück.

„Der Spiegel ist ein bisschen hoch“, sagte er.

Karl sah ihn an. „Den hängen wir tiefer.“

Noch war nichts entschieden. Dieter wollte einen ordentlichen Mietvertrag, Ernst die Kosten genau kennen. Rolf vereinbarte einen Termin, und Karl besorgte für die kommenden Nächte ein bezahlbares Zimmer in einem Gasthof, dessen Besitzer er von früher kannte.

Als Ernst protestierte, sagte er: „Das ist von uns zusammen. Und darüber streiten wir heute nicht mehr.“

Am Nachmittag holten sie Ernsts Sachen von der Brücke.

Es waren zwei Taschen, das Zelt, eine Isomatte und eine blaue Plastikbox. Jonas wollte die Box zum Wagen tragen, doch Ernst nahm sie ihm beinahe hastig ab.

„Die mache ich selbst.“

Niemand widersprach. Erst im Gasthof, als Ernst auf der Bettkante saß, öffnete er den Deckel.

Oben lag ein Paar graue Hausschuhe.

„Liesels“, sagte er. „Die guten. Die hat sie nur sonntags angezogen.“

Darunter befanden sich Fotografien, ein gelbes Maßband und ein abgegriffenes Heft mit karierten Seiten. Ernst strich mit dem Daumen über den Umschlag.

„Ihre Rezepte. Ich kann die meisten gar nicht lesen. Sie hat alles so klein geschrieben.“

Er schlug eine Seite auf und zeigte sie Karl. Zwischen Angaben für einen Kartoffelauflauf stand ein kurzer Satz in blauer Tinte.

Für Ernst etwas länger im Ofen lassen. Er mag den Rand braun.

Karl las die Zeile zweimal.

Ernst hielt das Heft mit beiden Händen fest. „Manchmal habe ich das aufgeschlagen, wenn ich nicht schlafen konnte.“

Draußen auf dem Flur fiel eine Tür ins Schloss. Im Zimmer war es still.

„Ich wusste nicht, wohin sonst mit mir“, sagte Ernst.

Karl setzte sich neben ihn. Er legte ihm keine Hand auf die Schulter und suchte auch keinen klugen Satz.

Nach einer Weile sagte er nur: „Morgen holen wir den Rest aus der Lagerbox.“

In den folgenden Tagen zeigte sich, wie viel ein Mensch allein kaum noch überblicken konnte, wenn ihm eine feste Adresse und ein sicherer Schlafplatz fehlten.

Es gab Unterlagen nachzufordern, Termine zu vereinbaren und Fragen zu klären. Rolf begleitete Ernst, saß neben ihm und schrieb mit. Ernst bestand darauf, jede Entscheidung selbst zu treffen.

Nicht alles ging schnell. Doch es wurde ein Weg gefunden, wie er die kleine Wohnung dauerhaft bezahlen konnte. Dieter legte ihm den Vertrag auf den Küchentisch und ließ ihm Zeit zum Lesen.

Am Samstag darauf kam der Umzugswagen. Genauer gesagt: Rolfs alter Anhänger, zweimal gefahren.

Das Bett stammte aus Ernsts Lagerbox, ebenso der Wohnzimmerschrank. Ein kleiner Tisch kam von Karls Tochter, zwei Stühle von Dieter. Die Bäckersfrau stellte einen Topf Suppe auf die Arbeitsplatte und verschwand, bevor Ernst sich richtig bedanken konnte.

Niemand machte Fotos.

Als die anderen wieder gingen, blieb Karl in der Wohnungstür stehen. Er hielt einen Schlüsselring in der Hand, an dem ein kleines Holzstück hing.

Jonas hatte ERNST darauf eingebrannt. Die Buchstaben standen schief.

„Er ist besser mit Metall“, sagte Karl.

Ernst nahm den Schlüssel. Er drehte ihn zwischen den Fingern und steckte ihn dann ein.

„Heute Abend“, begann er, „wenn Sie alle weg sind …“

Karl wartete.

„Dann darf ich hier einfach bleiben?“

„Ja.“

„Auch morgen früh?“

Karl spürte, wie ihm der Hals eng wurde. „Auch morgen früh.“

Am ersten Donnerstag in der eigenen Wohnung war Ernst eine halbe Stunde zu früh in der Bäckerei.

Er trug ein frisch gebügeltes Hemd unter seiner alten Jacke. Vor seinem Platz lag ein zusammengefalteter Fünfeuroschein.

„Heute bezahle ich meinen Kaffee selbst“, sagte er.

Karl sah das Geld an und nickte. „Gut.“

Es war ein kleines Wort. Für Ernst schien es mehr zu bedeuten als alle Versicherungen der vergangenen Tage.

Von da an kam er jede Woche. Bald wusste er, wer schlecht hörte, wer keinen Zucker durfte und wer über Rückenschmerzen schimpfte, aber trotzdem jedes Wochenende im Garten schwere Steine bewegte.

Er lachte wieder. Zuerst nur kurz, beinahe überrascht über sich selbst. Später so, dass die Frau am Nachbartisch einmal mitlachen musste, obwohl sie den Witz gar nicht gehört hatte.

In Dieters Werkstatt fiel ihm eines Tages auf, dass Jonas seit zehn Minuten mit derselben Schraube kämpfte.

„Wenn du weiter so ziehst, hast du gleich zwei Probleme“, sagte Ernst.

Jonas richtete sich auf. „Dann zeigen Sie mal.“

Ernst zeigte es ihm. Danach räumte er seine Hände in die Jackentaschen und wollte gehen.

„Morgen wieder?“, fragte Jonas.

„Ich suche keine Arbeit.“

„Ich suche jemanden, der mir sagt, bevor ich etwas abbreche.“

Sie einigten sich auf gelegentliche Vormittage. Ernst bekam einen Hocker an der Werkbank und durfte Dinge erklären, ohne irgendwo hochklettern oder schwere Lasten tragen zu müssen.

Dieter achtete darauf, dass daraus keine Verpflichtung wurde. Wenn Ernst nicht kam, fragte er später nur, ob alles in Ordnung sei.

Mit Matthias telefonierte Ernst weiterhin sonntags.

Dreimal nahm er sich vor, die Wahrheit zu sagen. Dreimal fragte er stattdessen nach der Enkelin, nach dem Garten und danach, ob das Auto noch diese merkwürdigen Geräusche mache.

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