Als mein Sohn den Zettel sah, auf dem ich mich als Leihopa für die Kita eintragen wollte, hielt er mich für verrückt.
„Vater, du bist sechsundsiebzig“, sagte Matthias und legte den Kugelschreiber weg, als hätte ich damit etwas Gefährliches vor. „Du solltest dich ausruhen. Nicht noch irgendwo verpflichten.“
Ich saß am Küchentisch und sah auf das Formular. Mein Name stand schon da. Etwas krakelig, aber lesbar. Darunter: einmal pro Woche vorlesen.
„Wovon soll ich mich denn ausruhen?“, fragte ich.
Er antwortete nicht sofort. Das tat mehr weh als jedes harte Wort.
Seit meine Frau gestorben war, wusste ich selbst oft nicht mehr, wovon ich eigentlich müde war. Vom Alleinsein vielleicht. Von den langen Nachmittagen. Vom Schweigen in der Wohnung. Davon, dass man morgens die Kaffeemaschine für eine Person anstellt und abends das Licht im Wohnzimmer auslässt, weil es keinen Unterschied mehr macht.
Früher hatte ich einen Grund, nach Hause zu kommen. Es wartete jemand. Jemand fragte, ob ich Brötchen mitgebracht hatte. Jemand erzählte mir, was im Treppenhaus wieder los gewesen war. Jemand sagte meinen Namen, ohne dass ich erst anrufen oder einkaufen musste.
Nach der Beerdigung waren am Anfang noch Leute da. Mein Sohn. Nachbarn. Zwei alte Bekannte. Alle meinten es gut. Alle sagten dieselben Sätze. Dann gingen sie wieder in ihr eigenes Leben zurück. So ist das nun mal. Ich nahm es niemandem übel. Aber die Stille blieb bei mir.
Manchmal merkte ich erst mittags, dass ich noch kein einziges Wort gesprochen hatte.
An einem Dienstag hing im Nachbarschaftszentrum ein Aushang. Gesucht wurden ältere Menschen, die einmal pro Woche Kindern vorlesen oder einfach da sind. Da stand nicht viel. Kein großes Gerede. Nur, dass manche Kinder keinen Opa in der Nähe hätten und manche ältere Leute auch niemanden mehr.
Ich blieb davor länger stehen, als ich wollte.
Eine junge Frau aus dem Büro fragte: „Hätten Sie vielleicht Lust?“
Ich sagte sofort nein. Aus Gewohnheit. Alte Leute sagen oft nein, bevor sie überhaupt fühlen, was sie eigentlich denken.
Zu Hause ging ich aber nicht an dem Zettel vorbei. Ich dachte an das Bücherregal im Wohnzimmer. Meine Frau hatte früher jedem Kind im Haus etwas vorgelesen, das still genug sitzen konnte. Sogar unser Sohn hatte als kleiner Junge nur dann ruhig gegessen, wenn vorher noch eine Geschichte drin war.
Eine Woche später unterschrieb ich.
Matthias gefiel das nicht. Er kam öfter vorbei, seit ich allein war. Er brachte Mineralwasser, schaute in den Kühlschrank und sprach mit mir in einem Ton, den man sonst für Leute benutzt, die kurz davor sind, Unsinn zu machen.
„Du musst niemandem etwas beweisen“, sagte er.
Das traf mich, weil ich spürte, dass er mich nicht böse treffen wollte. Er hatte Angst. Vor einem Sturz. Vor einer Enttäuschung. Vielleicht auch davor, mich plötzlich anders zu sehen als früher.
„Ich will nichts beweisen“, sagte ich. „Ich will nur nicht den ganzen Tag auf die Uhr hören.“
Am ersten Mittwoch zog ich mein gutes Hemd an. Nicht das ganz gute. Aber eins ohne Flecken. Ich war viel zu früh da. Kinderlärm kam schon aus dem Gruppenraum. Dieses helle, wilde Durcheinander, das man entweder liebt oder fürchtet.
Ich fürchtete es.
Als ich mich auf den Stuhl setzte und das Buch öffnete, hörte mir zuerst kaum jemand zu. Einer rief dazwischen. Zwei kicherten. Ein kleiner Junge wollte wissen, warum ich so langsam rede. Ich las die erste Seite falsch an, musste zurückblättern und bekam warme Hände. Ich dachte: Das war’s. Matthias hatte recht. Was suchst du hier eigentlich?
Dann sah ich sie.
Ein kleines Mädchen mit einem schiefen Zopf saß ganz am Rand auf dem Teppich. Vor ihr lag ein Stoffhase, dessen Ohr nur noch an ein paar Fäden hing. Sie sagte nichts. Sie schaute mich einfach an. So aufmerksam, dass ich plötzlich langsamer und ruhiger las, nicht aus Unsicherheit, sondern damit sie jedes Wort mitbekam.
Als ich fertig war, rannten die anderen schon weiter. Nur sie blieb sitzen.
„Kommst du nächste Woche wieder?“, fragte sie.
Ich weiß nicht, warum mich gerade dieser Satz so traf. Vielleicht weil mich lange niemand mehr so etwas gefragt hatte.
„Wenn ich darf“, sagte ich.
Sie nickte ernst. „Dann warte ich.“
Von da an bekam meine Woche wieder eine Form. Am Montag suchte ich ein Buch aus. Am Dienstag legte ich es auf den Tisch. Am Mittwoch putzte ich die Schuhe und kämmte mir die wenigen Haare, als wäre ich zu einer Verabredung eingeladen.
Das Mädchen hieß Leni. Sie sprach wenig. Manchmal gar nicht. Aber wenn ich las, rückte sie immer ein Stück näher. Einmal sagte sie: „Du liest so, als wäre niemand allein in der Geschichte.“
Den Satz trug ich tagelang mit mir herum.
Matthias merkte natürlich, dass sich etwas veränderte. Ich stand früher auf. Ich vergaß seltener zu essen. Ich ließ wieder das Licht im Wohnzimmer an. Aber statt sich zu freuen, wurde er unruhig.
„Bitte gewöhn dich da nicht zu sehr dran“, sagte er eines Abends. „Wenn das irgendwann aufhört, fällst du nur wieder tiefer.“
Ich stellte die Tasse ab. „Man fällt auch tief, wenn man sich an gar nichts mehr gewöhnt.“
Er schwieg. Dann kam der Satz, der zwischen uns in der Luft hängen blieb.
„Vielleicht tust du nur so, als wärst du gebraucht.“
Das war hart. Nicht, weil es böse war. Sondern weil ich selbst diese Angst kannte.
In der nächsten Woche wollte ich absagen. Ich zog schon die Jacke wieder aus. Dann klingelte es. Matthias stand vor der Tür. „Ich fahre dich“, sagte er kurz. „Es regnet.“
Im Flur des Hauses drückte Leni mir ein Blatt Papier in die Hand. Darauf waren drei Strichfiguren. Ein kleines Mädchen, ein alter Mann mit Brille und ein Hase mit riesigen Ohren. Darüber stand in krummen Buchstaben: Unser Mittwochsopa.
Ich konnte erst gar nichts sagen.
Matthias stand neben mir und las es auch. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie er schluckte.
Leni nahm meine Hand, als wäre das das Normalste von der Welt, und zog mich zum Gruppenraum. „Alle warten schon“, sagte sie.
Alle warten schon.
Mit sechsundsiebzig hatte ich nicht mehr damit gerechnet, diese Worte noch einmal für mich zu hören.
Am Abend saßen Matthias und ich in meiner Küche. Diesmal redete er nicht mit mir wie mit einem alten Mann, den man schonen muss. Einfach nur wie ein Sohn mit seinem Vater.
„Nächsten Mittwoch“, sagte er leise, „kann ich dich wieder fahren, wenn du willst.“
Ich nickte.
Seitdem weiß ich etwas, das mir vorher niemand so klar gesagt hat: Man wird nicht nutzlos, nur weil man alt ist. Man wird es eher, wenn andere aus Angst entscheiden, dass man nichts mehr geben darf.
Die Kinder brauchten keinen perfekten Opa. Und ich brauchte kein neues Leben.
Ich brauchte nur einen Ort, an dem meine Anwesenheit noch einen Unterschied macht.
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