Am Mittwoch danach war Leni nicht da. Und da merkte ich zum ersten Mal, wie still ein Raum voller Kinder werden kann, wenn genau ein Mensch fehlt.
Die anderen Kinder saßen wie immer auf dem Teppich. Einer hatte schon wieder keine Hausschuhe an. Zwei stritten leise um ein Kissen. Ein Junge wollte wissen, ob heute wieder die Geschichte mit dem Fuchs kommt.
Alles war wie sonst.
Und doch nicht.
Ich legte das Buch auf meine Knie und schaute unwillkürlich zur Tür. So, als könnte sie jeden Moment noch aufspringen und ein kleines Mädchen mit schiefem Zopf hereinkommen, den Hasen unter dem Arm.
Kam aber nicht.
„Fangen wir an?“, fragte eine Erzieherin freundlich.
Ich nickte.
Ich las. Nicht schlecht, glaube ich. Jedenfalls schlechter als an den guten Tagen und besser als an meinem ersten. Die Kinder hörten zu, lachten an den richtigen Stellen, rutschten näher, wenn es spannend wurde.
Trotzdem fehlte etwas.
Es ist merkwürdig, wie schnell man sich an einen Menschen gewöhnen kann, der kaum spricht. Man denkt zuerst, es seien die lauten Leute, die einen Raum prägen. Dabei sind es manchmal die stillen.
Nach dem Vorlesen blieb ich noch einen Moment sitzen, während die Kinder schon zu ihren Jacken liefen oder in die nächste Ecke verschwanden.
„Ist Leni krank?“, fragte ich so beiläufig, wie ich konnte.
Die Erzieherin zögerte kurz. Nicht lang. Nur so lang, dass man merkt, es gibt Dinge, die man nicht einfach sagt.
„Sie ist heute nicht da“, antwortete sie schließlich. „Nächste Woche wahrscheinlich wieder.“
Wahrscheinlich.
Früher hätte ich so ein Wort einfach stehen lassen. Im Alter lernt man aber, dass „wahrscheinlich“ vieles bedeuten kann. Es kann beruhigen. Es kann auch weich verpacken, dass niemand etwas Genaues weiß.
Auf dem Heimweg regnete es nicht. Trotzdem fuhr Matthias mich. Er tat inzwischen so, als wäre das ganz normal. Vielleicht war es das auch geworden.
„War’s gut?“, fragte er.
„Ja“, sagte ich.
Dann schwieg ich.
Er warf mir an der Ampel einen Blick zu. „Und?“
„Leni war nicht da.“
Er nickte nur. Aber ich merkte, dass er verstand, dass das für mich kein kleiner Satz war.
Zu Hause stellte ich das Buch zurück ins Regal und den Zeichenzettel mit „Unser Mittwochsopa“ wieder an seinen Platz auf der Kommode. Dort stand er inzwischen in einem Rahmen, den ich noch in einer Schublade gefunden hatte.
Meine Frau hätte darüber gelächelt.
Sie hatte ein Auge für solche Dinge. Für kleine Papiere, die andere wegwerfen. Für Sätze, die andere überhören. Für Menschen, die am Rand sitzen.
In der Nacht schlief ich schlecht. Nicht wegen etwas Großem. Nicht wegen Schmerzen. Einfach wegen dieser Unruhe, die entsteht, wenn einem etwas fehlt, von dem man vor wenigen Monaten noch gar nicht wusste, dass es einmal wichtig werden könnte.
Am nächsten Mittwoch war Leni wieder nicht da.
Diesmal las ich aus einem anderen Buch. Einer Geschichte über einen Bären, der im Winter nicht schlafen konnte, weil ihm etwas im Bauch drückte, das keine Krankheit war und auch kein Hunger.
Ein Mädchen mit Sommersprossen meldete sich und sagte: „Der vermisst wen.“
„Vielleicht“, sagte ich.
„Bestimmt“, sagte sie.
Kinder wissen manches schneller.
Als ich fertig war, blieb ich nicht gleich sitzen. Ich stellte das Buch hin und ging selbst zur Erzieherin.
„Entschuldigen Sie“, sagte ich, „ich will nicht neugierig sein.“
Schon als ich das sagte, wusste ich, dass ich genau das war.
Sie sah mich freundlich an. Nicht abwehrend. Eher so, als hätte sie damit gerechnet.
„Leni hat gerade eine schwere Zeit“, sagte sie leise. „Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Aber sie hat letzte Woche nach Ihnen gefragt.“
Etwas in mir atmete auf.
Nicht viel. Nur gerade genug, dass ich wieder richtig Luft bekam.
„Hat sie?“
Die Erzieherin nickte. „Sie wollte wissen, ob Sie trotzdem kommen.“
Diesen Satz trug ich den ganzen Heimweg mit mir herum.
Ob ich trotzdem komme.
Als hätte ein Kind verstanden, was Erwachsene oft vergessen: Dass es nicht nur darauf ankommt, ob jemand da ist, wenn alles leicht ist. Sondern auch dann, wenn etwas schiefhängt.
An diesem Abend brachte Matthias Brot mit. Nicht das abgepackte, das er sonst kaufte, sondern frisches vom kleinen Laden an der Ecke.
„Du siehst müde aus“, sagte er.
„Ich denke viel nach.“
„Hilft das?“
„Selten“, sagte ich.
Er lächelte kurz. Dann wurde er wieder ernst. „Wegen dem Mädchen?“
Ich nickte.
Früher hätten wir uns an so einem Punkt vielleicht wieder verhakt. Er hätte gesagt, ich soll mich nicht zu sehr hineinziehen lassen, und ich hätte ihm vorgeworfen, dass er alles auf Abstand halten will. Aber irgendetwas war in den letzten Wochen weicher geworden.
Vielleicht bei ihm. Vielleicht bei mir.
„Weißt du“, sagte er nach einer Weile, „ich dachte am Anfang wirklich, das tut dir nicht gut.“
„Ich weiß.“
„Ich dachte, wenn du dich so reinhängst, tut es nur mehr weh, wenn mal was wegbricht.“
Ich strich den Krümelrand auf dem Tisch mit dem Daumen zusammen. „Und jetzt?“
Er sah auf seine Tasse. „Jetzt glaube ich, dass dir eher das Nicht-Gebrauchtwerden wehgetan hat.“
Das war kein großer Satz. Kein Satz für eine Karte. Aber ein ehrlicher. Und ehrliche Sätze reichen manchmal weiter als schöne.
In den Wochen danach kam Leni wieder.
Sie war stiller als sonst. Noch stiller, muss man sagen, denn viel geredet hatte sie vorher schon nicht. Aber sie setzte sich wieder an denselben Platz. Rand vom Teppich. Hase auf dem Schoß. Blick geradeaus.
Als wäre sie nie weg gewesen.
Nur der Zopf saß diesmal schiefer als sonst.
Ich begann zu lesen und merkte nach zwei Seiten, dass sie den Hasen ungewöhnlich fest hielt. So fest, dass ihre kleinen Finger weiß wurden.
Also las ich langsamer.
Nicht trauriger. Nicht vorsichtiger. Einfach langsamer. So, als müssten die Wörter heute einen weiteren Weg zurücklegen, bis sie ankommen.
Nach der Geschichte blieben die anderen Kinder länger sitzen als sonst. Einer fragte, ob Bären auch Angst haben. Ein anderer wollte wissen, ob man jemanden vermissen kann, obwohl er nicht tot ist.
Die Erzieherin blickte kurz auf.
Ich antwortete: „Ja.“
Mehr sagte ich nicht. Es war genug.
Als alle aufstanden, blieb Leni noch einen Moment. Sie sah auf den Boden, nicht zu mir.
„Ich war bei meiner Mama“, sagte sie plötzlich.
Ich nickte nur.
„Aber nur kurz.“
Kinder sprechen manchmal in kleinen Stücken. Man darf nicht daran ziehen. Sonst reißen sie ab.
„Dein Hase war auch dabei?“, fragte ich.
Sie nickte.
Dann hielt sie mir das Tier hin. Erst da sah ich, dass das lose Ohr jetzt ganz ab war. Es hing nicht mehr an Fäden. Es war einfach ab.
„Kann man das wieder machen?“
Ich nahm den Hasen vorsichtig in beide Hände. „Vielleicht.“
Sie sah mich prüfend an. Nicht hoffnungsvoll. Eher so, als hätte sie schon erlebt, dass Erwachsene oft vielleicht sagen und nein meinen.
„Wirklich?“
„Ich kann es versuchen“, sagte ich.
Zu Hause suchte ich meine alte Nähdose. Sie stand noch immer im Schrank unter der Spüle, dort, wo meine Frau sie immer hatte. Blaue Dose, kleiner Rostrand am Deckel. Darin Garnrollen, Knöpfe, eine verbogene Sicherheitsnadel und ein Fingerhut, der nie mir gehört hatte.
Ich saß lange damit am Tisch.
Früher hätte ich meine Frau gerufen. Sie hätte das Ohr in zehn Minuten angenäht, sauber und fast unsichtbar. Ich brauchte drei Anläufe und die Lesebrille. Es wurde nicht schön. Aber fest.
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