Als Gisela in ihrer Küche zusammenbrach, retteten ausgerechnet ihre stumme Katze und ihr tauber Kater sie

Er lernte, dass zweimaliges Klopfen auf den Boden bedeutete, dass ich ihn rief.

Und wenn ich auf dem Sofa saß, legte er sich so dicht an mich, dass ich seine Wärme durch die Hose spüren konnte.

Emma und Fritz verstanden sich nicht sofort.

Am Anfang fauchte Emma ihn an, obwohl er sie gar nicht hören konnte.

Fritz setzte sich einfach hin und sah sie an.

Manchmal dauerte das eine halbe Stunde.

Irgendwann gab Emma auf.

Eines Morgens fand ich beide zusammen auf dem alten Sessel.

Emma lag zwischen Fritz‘ Vorderpfoten und hatte ihren Kopf auf seinen Bauch gelegt.

Von diesem Tag an waren sie unzertrennlich.

Ich nannte uns manchmal meine kleine, schiefe Familie.

Eine alte Frau, eine Katze ohne Stimme und ein Kater ohne Gehör.

Drei Wesen, die nicht ganz so funktionierten, wie andere es erwarteten.

Aber irgendwie passten wir zusammen.

Dann kam jener Dienstag im November.

Ich hatte bereits seit mehreren Tagen schlecht geschlafen.

Auf dem Küchentisch lag die neue Nebenkostenabrechnung. Daneben eine Mahnung für eine Rechnung, die ich noch nicht bezahlt hatte.

Ich hatte beide Briefe mehrfach gelesen.

Jedes Mal hoffte ich, mich verrechnet zu haben.

Aber die Zahlen blieben gleich.

An diesem Dienstag sollte ich eigentlich im Seniorenheim arbeiten. Doch am Morgen kam ein Anruf, dass ich nicht gebraucht wurde.

Wieder ein paar Stunden weniger.

Ich legte den Hörer auf und setzte mich an den Tisch.

Emma sprang auf meinen Schoß.

„Na, wenigstens hast du keine Sorgen mit der Miete“, sagte ich zu ihr.

Sie sah mich an und öffnete stumm das Maul.

Ich musste lächeln.

Aber das Lächeln hielt nicht lange.

Den Vormittag verbrachte ich damit, Schubladen auszuräumen.

Ich sortierte alte Rechnungen, legte Kleidung in Kartons und füllte zwei Müllsäcke.

Ich wollte nicht umziehen.

Jedenfalls noch nicht.

Vielleicht wollte ich nur das Gefühl haben, wenigstens irgendetwas in meinem Leben ordnen zu können.

Gegen Mittag merkte ich, dass meine Hände zitterten.

Ich hatte am Morgen nur zwei Tassen Kaffee getrunken.

Im Küchenschrank lagen ein paar Knäckebrotscheiben. Ich aß zwei davon und trank ein Glas Wasser.

Danach machte ich weiter.

Am Nachmittag wurde mir beim Aufstehen kurz schwarz vor Augen.

Ich hielt mich an der Stuhllehne fest und wartete.

„Das geht schon wieder“, murmelte ich.

Es war ein Satz, den ich in letzter Zeit viel zu oft gesagt hatte.

Gegen Abend fütterte ich Emma und Fritz.

Ich stellte ihnen frisches Wasser hin und teilte die letzten beiden Dosen Katzenfutter auf.

Fritz fraß wie immer, als hätte er seit Tagen nichts bekommen.

Emma nahm sich Zeit.

Sie schaute zwischendurch immer wieder zu mir.

„Iss nur, Mäuschen“, sagte ich. „Für euch ist noch genug da.“

Dann öffnete ich den Kühlschrank.

Ein halbes Glas Senf.

Ein angeschlagener Apfel.

Etwas Margarine.

Mehr nicht.

Ich schloss die Tür.

„Morgen gehe ich einkaufen.“

Dabei wusste ich noch gar nicht, womit.

Ich trank ein weiteres Glas Wasser und ging zurück zu den Kartons.

Der größte stand neben dem Küchentisch.

Darin lagen alte Winterpullover von Peter.

Ich hatte sie jahrelang aufgehoben.

Manchmal nahm ich einen heraus und hielt ihn an mein Gesicht, obwohl sein vertrauter Geruch längst verschwunden war.

An diesem Abend wollte ich den Karton endlich in den Keller bringen.

Ich beugte mich hinunter.

Griff nach beiden Seiten.

Und plötzlich kippte die ganze Küche.

Nicht langsam.

Nicht wie bei einem kurzen Schwindelgefühl.

Es war, als hätte jemand den Fußboden unter mir weggezogen.

Ich wollte nach der Arbeitsplatte greifen.

Meine Finger streiften die Kante.

Dann rutschte ich ab.

Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist das kalte Linoleum an meiner Wange.

Ich lag zwischen Küchentisch und Spüle.

Ein Stuhlbein stand direkt vor meinem Gesicht.

Unter dem Kühlschrank lag eine graue Staubflocke.

Seltsam, worauf man achtet, wenn man Angst bekommt.

Ich wollte aufstehen.

Aber meine Arme fühlten sich schwer an.

Mein Herz schlug schnell, und in meinen Ohren rauschte es.

„Nicht jetzt“, flüsterte ich.

Ich versuchte, die Knie anzuziehen.

Es ging kaum.

Dann spürte ich einen Stoß an meiner Hüfte.

Fritz.

Der schwere Kater drückte sich gegen mich.

Er lief ein paar Schritte zurück, kam wieder und stupste mit dem Kopf gegen meinen Arm.

Seine Pfoten tappten über meine Beine.

Normalerweise hätte ich geschimpft.

Diesmal war ich froh, ihn zu spüren.

Er konnte den Aufprall nicht gehört haben.

Aber wahrscheinlich hatte er die Erschütterung durch den Boden gespürt.

Er wusste, dass ich gefallen war.

Und er blieb bei mir.

Kurz darauf sprang Emma auf meine Brust.

Ich erschrak, weil ich kaum Luft hatte.

„Emma, bitte.“

Sie beugte sich über mein Gesicht.

Ihre Augen waren weit geöffnet.

Dann riss sie das Maul auf.

Ihr kleiner Körper spannte sich an.

Wieder öffnete sie das Maul.

Und wieder.

Kein Miauen.

Kein Hilferuf.

Nur dieses lautlose Bemühen.

Ich starrte sie an und begann plötzlich zu weinen.

Nicht wegen der Schmerzen.

Nicht einmal wegen der Angst.

Sondern weil ich in diesem winzigen Tier etwas erkannte, das ich selbst seit Monaten mit mir herumtrug.

Das Gefühl, Hilfe zu brauchen und trotzdem nichts sagen zu können.

Ich hatte meiner Tochter nichts erzählt.

Nicht von den unbezahlten Rechnungen.

Nicht von den Abenden, an denen ich hungrig ins Bett ging.

Nicht davon, dass ich manchmal morgens aufwachte und nicht wusste, wie ich den nächsten Tag schaffen sollte.

Ich hatte immer nur gesagt: „Mir geht es gut.“

Jetzt lag ich auf dem Boden.

Und die einzige, die verzweifelt nach mir rief, war eine Katze ohne Stimme.

Fritz sprang währenddessen auf die Arbeitsplatte.

Seine Hinterpfoten rutschten auf der glatten Oberfläche weg.

Er stieß gegen eine Papiertüte, die ganz hinten neben dem Brotkasten lag.

Die Tüte fiel herunter.

Etwas rollte heraus und blieb neben meiner rechten Hand liegen.

Eine Packung Erdnusskekse.

Ich hatte sie einige Tage zuvor im Sonderangebot gekauft und völlig vergessen.

Ich betrachtete die Packung.

Dann musste ich lachen.

Nur einmal.

Ein kurzes, heiseres Lachen.

Danach kamen die Tränen.

„Ausgerechnet du“, flüsterte ich und sah Fritz an.

Er stand auf der Arbeitsplatte, schaute zu mir herunter und bewegte seinen schiefen Schwanz.

Ich griff nach den Keksen.

Meine Hände zitterten so stark, dass ich Mühe hatte, die Verpackung aufzureißen.

Ich aß langsam.

Dann trank ich aus dem Wasserglas, das noch auf dem Boden neben dem umgekippten Karton stand.

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