Emma war inzwischen von meiner Brust geklettert.
Sie setzte sich dicht neben meinen Kopf.
Fritz sprang herunter und legte seinen warmen Körper an meine Beine.
So blieb ich eine Weile liegen.
Mit Kekskrümeln auf meinem Pullover.
Mit Tränen im Gesicht.
Und mit zwei Katzen, die offenbar nicht vorhatten, mich allein zu lassen.
Nach einiger Zeit fühlte ich mich etwas klarer.
Ich konnte mich aufsetzen.
Dann erreichte ich mein Telefon, das auf einem niedrigen Regal in der Nähe lag.
Ich rief meine Nachbarin Christa an.
Sie wohnt seit zwölf Jahren im Erdgeschoss.
Wir begegneten uns meistens an den Briefkästen und sprachen über die Hausreinigung oder die Müllabfuhr.
Mehr wusste sie kaum von mir.
Als sie meine Stimme hörte, fragte sie sofort: „Gisela, was ist denn los?“
Ich wollte wieder sagen, dass alles in Ordnung sei.
Der Satz lag mir schon auf der Zunge.
Aber diesmal brachte ich ihn nicht heraus.
Stattdessen sagte ich: „Christa, ich liege auf dem Küchenboden. Mir ist furchtbar schwindelig. Kannst du bitte kommen?“
Sie war wenige Minuten später da.
Als sie mich sah, wurde sie blass.
Sie holte Hilfe.
Ich wurde medizinisch untersucht. Die Ärztin erklärte mir später, dass ich wahrscheinlich wegen zu wenig Essen, zu wenig Flüssigkeit und körperlicher Erschöpfung zusammengebrochen war.
Andere Ursachen mussten ebenfalls ausgeschlossen werden.
Zum Glück hatte ich mir beim Sturz nichts gebrochen.
Aber die Ärztin stellte mir eine Frage, die ich nicht vergessen werde.
„Frau Schneider, wann haben Sie zuletzt eine richtige Mahlzeit gegessen?“
Ich sah auf meine Hände.
„Das weiß ich nicht mehr genau.“
Es war das erste Mal, dass ich mich nicht mehr herausreden konnte.
Christa kümmerte sich währenddessen um die Katzen.
Als ich wieder nach Hause kam, stand ein Topf Kartoffelsuppe auf meinem Herd.
Daneben lag ein Zettel.
„Du musst nicht alles allein schaffen. Klingel einfach. Christa.“
Ich las ihn dreimal.
Dann setzte ich mich an den Küchentisch und weinte.
In den folgenden Tagen änderte sich nicht plötzlich mein ganzes Leben.
Die Miete blieb hoch.
Meine Arbeitsstunden blieben unsicher.
Und auf meinem Konto war noch immer viel weniger Geld, als mir lieb war.
Aber ich hörte auf, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Ich erzählte meiner Tochter, wie es wirklich aussah.
Sie war zuerst erschrocken.
Dann wurde sie still.
Schließlich sagte sie: „Mama, warum hast du denn nichts gesagt?“
Ich antwortete: „Weil ich euch nicht zur Last fallen wollte.“
„Aber du bist doch meine Mutter.“
Mehr sagte sie nicht.
Sie musste auch nicht mehr sagen.
Wir sprachen lange miteinander und überlegten gemeinsam, welche Unterstützung möglich war.
Christa half mir, einen Termin bei einer örtlichen Beratungsstelle zu vereinbaren.
Und im Seniorenheim fragte ich nach, ob ich wieder zusätzliche Stunden übernehmen könnte.
Es löste nicht alle Probleme.
Aber ich hatte zum ersten Mal seit Langem das Gefühl, nicht mehr ganz allein davorzustehen.
Ein paar Wochen später räumte ich die Küche auf.
Der Karton mit Peters Pullovern stand noch immer neben dem Tisch.
Ich öffnete ihn.
Ganz oben lag sein dunkelblauer Wollpullover.
Ich nahm ihn heraus und setzte mich damit auf den Boden.
Emma kam sofort zu mir.
Sie kroch auf meinen Schoß, drehte sich zweimal im Kreis und legte sich auf den Pullover.
Fritz ließ sich daneben nieder.
Sein schiefer Schwanz lag über meinem Fuß.
Ich sah die beiden an.
Meine kleine graue Katze, die keinen richtigen Laut hervorbringen konnte.
Meinen großen roten Kater, der keinen einzigen Laut dieser Welt hörte.
Früher hatte ich oft gedacht, wie viel diesen beiden Tieren fehlte.
Heute denke ich anders darüber.
Emma hört jedes kleine Geräusch im Haus, kann aber selbst kaum eines machen.
Fritz lebt in völliger Stille, nimmt dafür jede Bewegung unter seinen Pfoten wahr.
Beide haben ihre eigene Art gefunden, sich verständlich zu machen.
Und beide hatten an jenem Abend gemerkt, dass ich Hilfe brauchte, obwohl ich selbst viel zu lange geschwiegen hatte.
Ich weiß nicht, ob die Kekse wirklich den entscheidenden Unterschied gemacht haben.
Vielleicht hätte ich mich auch ohne sie nach einiger Zeit wieder aufsetzen können.
Vielleicht auch nicht.
Was ich weiß, ist, dass Emma und Fritz mich nicht allein ließen.
Sie brachten mich dazu, wach zu bleiben, mich zu bewegen und schließlich zum Telefon zu greifen.
Vor allem aber erinnerten sie mich an etwas, das ich beinahe vergessen hatte.
Man muss nicht alles allein tragen.
Man darf schwach sein.
Man darf um Hilfe bitten.
Und man ist nicht weniger wert, nur weil man manches nicht mehr so gut kann wie früher.
Heute steht noch immer nur eine Tasse Tee auf meinem Tisch.
Aber oft sitzt Christa am Nachmittag mit einer zweiten Tasse daneben.
Manchmal rufe ich meine Tochter an, ohne darauf zu warten, dass sie sich zuerst meldet.
Und wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, versuche ich, die Wahrheit zu sagen.
Emma liegt dann meistens auf meinem Schoß.
Fritz schläft an meinen Füßen.
Gelegentlich öffnet Emma das Maul, als wolle sie mir etwas erzählen.
Ich lächle und streichle ihre kleine weiße Pfote.
„Ich weiß, mein Mädchen“, sage ich dann.
„Ich hab dich auch lieb.“
Fritz hört unsere Unterhaltung nicht.
Aber sobald ich mit dem Fuß zweimal leicht auf den Boden klopfe, hebt er den Kopf.
Dann kommt er zu uns.
Und ich mache ein bisschen Platz.
Manchmal denke ich noch an jene Nacht zurück.
An den kalten Küchenboden, die zerdrückte Papiertüte und zwei Katzen, die auf ihre ganz eigene Weise versuchten, mir beizustehen.
Ich hatte ihnen ein Zuhause gegeben, weil sonst niemand sie haben wollte.
Doch in jener Nacht gaben sie mir etwas zurück, das ich dringender brauchte als alles andere.
Das Gefühl, dass jemand merkt, wenn es mir schlecht geht.
Und dass es jemanden gibt, dem es nicht gleichgültig ist, ob ich wieder aufstehe.
Seitdem widerspreche ich nicht mehr, wenn jemand sagt, Tiere könnten einen Menschen verändern.
Ich weiß inzwischen, dass das stimmt.
Denn manchmal braucht es keine großen Worte, um einem Menschen zu zeigen, dass er nicht allein ist.
Manchmal reicht eine kleine graue Katze, die verzweifelt versucht zu miauen.
Und ein tauber roter Kater, der trotzdem spürt, wenn sein Mensch fällt.






