Als Sputnik sterben sollte, zeigte ein Waschsalon Helmut, was echte Menschlichkeit bedeutet

Um zwei Uhr nachts hielt ich den Preis für Sputniks Leben in der Hand: 1.800 Euro für die Rettung – 150 Euro für seinen Tod.

Ich saß an einem wackligen Plastiktisch in einem 24-Stunden-Waschsalon am Rand von Dortmund und starrte auf den Kostenvoranschlag, bis die Zahlen vor meinen Augen verschwammen.

1.800 Euro.

Darunter stand eine deutlich kleinere Summe.

150 Euro.

So viel sollte es kosten, meinen besten Freund einschläfern zu lassen.

Die Tierarztpraxis würde am frühen Morgen wieder öffnen. Bis dahin musste ich entscheiden, welche dieser beiden Zahlen zu meinem Leben passte.

Ich heiße Helmut, bin 74 Jahre alt und habe nie gedacht, dass ich einmal nachts zwischen Waschmaschinen sitzen würde, während neben mir mein Kater vielleicht seine letzten Stunden verbrachte.

Er heißt Sputnik.

Ein großer, struppiger, orangefarbener Kater mit einem zerfledderten Ohr, viel zu langen Schnurrhaaren und einem Gesicht, als wäre er grundsätzlich schlecht gelaunt.

Vor fünf Jahren fand ich ihn hinter den Mülltonnen unseres Wohnblocks.

Eigentlich wollte ich nur den Müll runterbringen.

Da saß dieses dürre orange Ding neben einem kaputten Pappkarton und schaute mich an.

„Du gehörst doch bestimmt jemandem“, sagte ich.

Sputnik stand auf, kam zu mir und fing an, um meine Beine zu laufen.

Einmal.

Zweimal.

Dann noch einmal.

Ich ging zurück zum Haus.

Er kam mit.

Ich ging die Treppe hoch.

Er kam mit.

Vor meiner Wohnungstür setzte er sich hin, als hätte er dort schon immer gewohnt.

Ich hatte keinen Futternapf, kein Katzenklo und überhaupt keine Ahnung von Katzen.

Am nächsten Morgen lag er auf meinem Kopfkissen.

Damit war die Sache offenbar entschieden.

Seitdem war Sputnik da.

Wenn ich morgens Kaffee machte, saß er auf dem Küchenstuhl und beobachtete mich.

Wenn ich mittags einschlief, legte er sich auf meine Füße.

Wenn ich abends die Wohnungstür aufschloss, hörte ich schon sein tiefes Schnurren im Flur.

Ein alter Dieselmotor, kurz vorm Anspringen.

So klang Sputnik.

Meine Frau war sechs Jahre zuvor gestorben. Mein Sohn lebt weit weg und hat sein eigenes Leben. Wir telefonieren gelegentlich, aber niemand wartet darauf, dass ich nach Hause komme.

Sputnik schon.

Für andere Menschen ist eine Katze vielleicht ein Haustier.

Für mich war er der Unterschied zwischen einer stillen Wohnung und einem Zuhause.

Am Abend zuvor hatte er plötzlich aufgehört zu fressen.

Sputnik verweigerte niemals Futter.

Wenn irgendwo eine Dose geöffnet wurde, konnte er aus tiefstem Schlaf erwachen.

Diesmal schnupperte er nur daran und ging weg.

Später begann er zu jaulen.

Nicht dieses beleidigte Miauen, wenn sein Napf fünf Minuten zu spät kam.

Es war ein tiefer, gequälter Laut.

Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.

Er ging ständig zum Katzenklo, hockte sich hin, kam wieder heraus und versuchte es kurz danach erneut.

Dann legte er sich auf die Badezimmerfliesen und presste den Bauch auf den Boden.

Ich zog meine Jacke an, setzte ihn in seinen alten Transportkorb und fuhr mit dem Nachtbus zum tierärztlichen Notdienst.

Dort wurde er untersucht.

Die junge Tierärztin tastete seinen Bauch ab und wurde plötzlich sehr ernst.

„Die Harnröhre ist blockiert“, sagte sie. „Das passiert bei Katern leider manchmal.“

Ich nickte, obwohl ich kaum verstand, was das bedeutete.

„Kann man das behandeln?“

„Ja.“

Dieses eine Wort war zunächst eine Erleichterung.

Dann druckte sie mehrere Seiten aus und legte sie vor mich.

Untersuchung.

Katheter.

Narkose.

Stationäre Beobachtung.

Medikamente.

Nachbehandlung.

Unten stand die Gesamtsumme.

Etwa 1.800 Euro.

Ich dachte zuerst, ich hätte mich verlesen.

„Achtzehnhundert?“

Sie nickte.

Ich zog meine Geldbörse heraus, obwohl ich genau wusste, was darin war.

Dreißig Euro.

Eine Bankkarte, hinter der kein Geld versteckt war.

Ein paar alte Quittungen.

Ich bekomme Rente. Sie reicht für meine kleine Wohnung, Strom, Medikamente und das Nötigste.

Nach allen festen Ausgaben bleiben mir in einer normalen Woche ungefähr vierzig oder fünfzig Euro zum Einkaufen.

Manchmal etwas mehr.

Manchmal weniger.

Rücklagen hatte ich früher einmal.

Neue Brille.

Kaputte Waschmaschine.

Eine Zahnarztrechnung.

Irgendwann waren die Rücklagen weg.

Ich sah diese junge Tierärztin an.

Sie war vielleicht Anfang dreißig und bemühte sich, nicht auf meine abgewetzte Jacke oder meine Hände zu schauen.

Dann stellte ich die Frage, vor der ich mich bis heute schäme, obwohl ich weiß, dass ich mich eigentlich nicht dafür schämen müsste.

„Und wenn ich das nicht bezahlen kann?“

Sie schwieg einen Augenblick.

„Wir können ihn zunächst sedieren und die Schmerzen lindern“, sagte sie leise. „Aber die Blockade muss schnell behandelt werden. Sonst kann es lebensgefährlich werden.“

„Und die andere Möglichkeit?“

Jetzt schaute sie direkt auf Sputnik.

„Wenn eine Behandlung überhaupt nicht möglich ist, müsste man über Einschläfern sprechen.“

Ich fragte nach dem Preis.

150 Euro.

Ich hasste mich dafür, dass ich fragte.

Aber ich musste wissen, ob wenigstens dieser Betrag möglich war.

Sie gab Sputnik ein Schmerzmittel und etwas zur Beruhigung. Einige Stunden konnte ich ihn mitnehmen, bis die reguläre Behandlung beginnen würde.

Nach Hause wollte ich nicht.

Meine Wohnung lag still im vierten Stock.

Dort stand sein Napf.

Sein Körbchen.

Die zerkratzte Ecke am Sofa.

Ich konnte nicht dort sitzen und auf die Uhr schauen.

Also fuhr ich zu dem Waschsalon, in dem ich seit Jahren nachts manchmal meine Bettwäsche wasche.

Nicht, weil ich unbedingt um zwei Uhr morgens waschen möchte.

Die alte Maschine in meinem Haus funktioniert ständig nicht, und nachts ist der Laden fast leer.

Außerdem kannte ich dort inzwischen einige Leute.

Menschen, die Schicht arbeiten.

Menschen mit kleinen Wohnungen ohne Waschmaschine.

Leute, denen das Geld manchmal genauso knapp wird wie mir.

Vor etwa zwei Jahren hatte ich hinten auf einen Tisch einen alten Karton gestellt.

Ich schrieb nichts drauf.

Keine großen Regeln.

Wer etwas übrig hatte, legte es hinein.

Wer etwas brauchte, nahm es heraus.

Mal lagen dort Nudeln.

Mal Konserven.

Ein Schal.

Shampoo.

Kinderhandschuhe.

Ein ungeöffnetes Paket Kaffee.

Keine Wohltätigkeitsaktion.

Kein Verein.

Nur ein Karton.

Ich hatte selbst manchmal etwas hineingelegt.

Ein Glas Marmelade.

Zwei Dosen Eintopf.

Ein Paar dicke Socken.

Es fühlte sich nie nach viel an.

In dieser Nacht stand der Karton wieder hinten an der Wand.

Sputnik lag in seinem Transportkorb neben meinen Füßen.

Er war so ruhig, dass ich immer wieder prüfte, ob sich seine Brust noch hob.

Da hörte ich meinen Namen.

„Helmut?“

Ich sah hoch.

Leni stand vor mir.

Sie war vielleicht Anfang fünfzig. Genau wusste ich ihr Alter nie.

Wir hatten uns im Waschsalon kennengelernt.

Im Herbst zuvor war sie häufig nachts gekommen.

Damals sah sie müde aus, als würde sie seit Monaten kaum schlafen.

Manchmal nahm sie Lebensmittel aus unserem Karton.

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