Warum eine kranke Hundemutter sechs Welpen bewachte und ein Mädchen im Krankenhaus ihr Geheimnis erkannte

Die Bernhardiner-Mutter stand trotz Schmerzen jede Nacht über ihren sechs Welpen bis ein zwölfjähriges Mädchen im Krankenhaus erkannte, wovor sie wirklich Angst hatte.

„Warum hebt sie schon wieder das linke Hinterbein?“

Die Frage kam nicht von unserem Tierarzt. Nicht von mir. Nicht von einer der erfahrenen Helferinnen in unserer kleinen Tierauffangstation bei Kassel.

Sie kam von einer Zwölfjährigen, die mehrere Kilometer entfernt in einem Krankenhausbett lag.

Und sie sah etwas, das wir Erwachsenen übersehen hatten.

Ich heiße Jana Weber und war damals 38. Als Mara zu uns kam, konnte sie kaum noch stehen.

Die große Bernhardiner-Mischlingshündin war mit sechs wenige Tage alten Welpen gefunden worden. Sie war dünn, erschöpft und schmutzig. Über ihrem rechten Ohr hatte sie einen rostbraunen Fleck, der aussah, als hätte jemand mit einem Pinsel über ihr Fell gestrichen.

Doch das war nicht das Erste, was uns auffiel.

Eine Milchdrüse auf ihrer linken Seite war stark geschwollen.

Jeder Schritt tat ihr weh.

Trotzdem legte Mara sich nicht hin.

Wir brachten sie in unseren ruhigsten Raum, verteilten Decken auf dem Boden und stellten die Welpen dicht neben sie. Sobald eines der Kleinen fiepte, senkte Mara den Kopf.

Sie wollte zu ihnen.

Aber jedes Mal, wenn sie versuchte, ihren Körper abzusenken, zuckte sie zusammen und stand wieder auf.

Die erste Nacht verbrachte sie fast vollständig auf den Beinen.

Am nächsten Morgen bestätigte unser Tierarzt eine schwere Entzündung der Milchdrüse. Dazu kamen Flüssigkeitsmangel und völlige Erschöpfung.

Mara bekam Medikamente, warme Umschläge und besonders weiches Futter.

Ein Teil der Welpen musste zusätzlich mit der Flasche gefüttert werden, damit ihre Mutter endlich Kraft sammeln konnte.

Doch Mara dachte offenbar nicht daran, sich auszuruhen.

Sie beobachtete jede Hand.

Jede Flasche.

Jeden Welpen, den wir anhoben.

Über dem Raum hing eine kleine Kamera. Eigentlich war sie nur dafür gedacht, dass wir Mara beobachten konnten, ohne ständig die Tür zu öffnen.

Dann bekam diese Kamera plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Eine Mitarbeiterin eines nahe gelegenen Krankenhauses fragte uns, ob ein zwölfjähriges Mädchen gelegentlich das Bild sehen dürfe.

Das Mädchen hieß Lina Krämer.

Lina musste dreimal pro Woche zur Dialyse und wartete auf eine Spenderniere. Die langen Behandlungen machten sie müde. Lesen ging nicht immer. Reden manchmal auch nicht.

Ihre Mutter hatte zugestimmt.

Also richteten wir einen privaten Zugang zur Kamera ein.

Von da an beobachtete Lina Mara und ihre sechs Welpen.

Sie kannte die Kleinen bald besser als manche unserer Helfer.

Den kleinsten Welpen nannte sie Knopf.

Es war ein kleines Weibchen mit einem schmalen weißen Streifen auf der Nase und einem runden dunklen Fleck direkt darüber.

Knopf war langsamer als die anderen.

Wenn die Geschwister zur Flasche drängten, blieb sie häufig hinten.

Mara bemerkte das ebenfalls.

Sobald Knopf fiepte, schob Mara ihre große Schnauze vorsichtig zwischen die Welpen und stupste die Kleine zurück in die Mitte.

Trotz ihrer Schmerzen.

Trotz ihrer Müdigkeit.

Am Freitag saß Lina wieder bei ihrer Behandlung und beobachtete die Kamera.

Dann bat sie eine Pflegerin, das Bild größer zu machen.

„Warum hebt Mara dauernd dieses Hinterbein?“

Die Pflegerin meldete sich bei uns.

Ich sah mir die Aufnahmen noch einmal an.

Lina hatte recht.

Mara verlagerte ihr Gewicht wieder stärker auf die gesunde Seite. Auf der Decke war außerdem eine feuchte Stelle zu sehen.

Sie hatte sich offenbar seit Stunden nicht richtig hingelegt.

Ich ging zu ihr.

Sofort trat Mara rückwärts zu den Welpen.

Ihre Ohren lagen flach an.

Das linke Hinterbein zitterte.

Ich setzte mich neben die Tür und ließ meine Hände auf meinen Oberschenkeln liegen.

Nicht anfassen.

Nicht drängen.

Einfach warten.

Zwölf Minuten lang bewegte sich fast niemand.

Dann sah Mara direkt in die Kamera.

Knopf kroch unter ihre Brust.

Und im Krankenhaus sagte Lina plötzlich einen Satz, der alles veränderte:

„Vielleicht beschützt sie die Welpen gar nicht vor euch.“

Die Pflegerin fragte: „Was meinst du?“

Lina blickte weiter auf den Bildschirm.

„Vielleicht hat sie Angst, dass ihr sie wegnehmt, wenn sie einschläft.“

Ich starrte Mara an.

Plötzlich ergab ihr Verhalten Sinn.

Wir hatten geglaubt, sie könne wegen der Schmerzen nicht ruhen.

Vielleicht war das nur die Hälfte der Wahrheit.

Also änderten wir unsere Vorgehensweise.

Wir schoben das Welpenbett so dicht an Mara heran, dass ihre Nase die Decke berühren konnte.

Keine Behandlung mehr außer Sichtweite der Kleinen.

Keine Flaschenfütterung hinter einer geschlossenen Tür.

Wenn wir einen Welpen anhoben, durfte Mara genau sehen, wohin er kam.

Noch am selben Nachmittag versuchte sie erneut, sich hinzulegen.

Ein Vorderbein knickte ein.

Dann das zweite.

Ihre Brust näherte sich der Decke.

Plötzlich wurde der Bildschirm schwarz.

Im Krankenhaus sah Lina nur noch einen Ladekreis.

Bei uns hörte ich einen Kollegen rufen.

Einer der Welpen war hinter eine niedrige Abtrennung gekrochen und hatte dabei das Kabel der Kamera gelöst.

Mara wollte ihm folgen.

Sie passte kaum in die schmale Lücke und hätte ihre entzündete Seite gegen die Wand drücken müssen.

Wir stoppten sie, holten den Welpen hervor und verschlossen die Öffnung mit zusammengerollten Decken.

Zwölf Minuten später lief die Kamera wieder.

Linas Mutter erzählte uns später, Lina habe die ganze Zeit leise gezählt.

„Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs.“

Als das Bild zurückkam, standen alle sechs Welpen vor Mara.

Doch ihr Zustand wurde schlechter.

Das Fieber stieg.

Die entzündete Stelle wurde wieder heißer.

Der Tierarzt passte die Behandlung an. Drei Welpen blieben jeweils bei Mara, während wir drei mit der Flasche fütterten.

Danach wurde gewechselt.

So konnte Mara jeden sehen und riechen.

Wir bauten ihre Versorgung um die Welpen herum.

Nicht die Welpen um ihre Krankheit.

Zum ersten Mal begann sie, uns zu vertrauen.

Beim warmen Umschlag wich sie nicht mehr sofort zurück.

Am vierten Tag fraß sie eine ganze Schüssel.

Am fünften lehnte sie vorsichtig ihre Hüfte gegen die Wand.

Dann versuchte sie erneut, sich hinzulegen.

Vorne war sie schon fast auf der Decke.

Das kranke Hinterbein hielt sie weit ausgestreckt.

Nach einigen Sekunden stand sie wieder auf.

Ich war enttäuscht.

Lina nicht.

„Sie war heute näher dran“, sagte sie.

Diese zwölfjährige Patientin verstand etwas, das ich in all meinen Jahren mit Tieren manchmal vergaß.

Fortschritt sieht nicht immer wie ein Sieg aus.

Manchmal bedeutet Fortschritt nur, dass jemand heute fünf Zentimeter weiterkommt als gestern.

Doch dann kam der Rückschlag.

Mara reagierte plötzlich kaum noch, als Knopf neben ihrer Pfote fiepte.

Das erschreckte uns.

Wir brachten sie in eine Tierpraxis. Die sechs Welpen kamen in einer warmen Transportbox mit.

Mara bekam Flüssigkeit über eine Infusion und andere Medikamente.

Auch dort stellten wir die Welpen so auf, dass sie sie sehen und riechen konnte.

In dieser Nacht saß ich auf dem Boden des Behandlungsraums.

Knopf schlief nach einer halben Flasche an meinem Handgelenk.

Mara lag hinter einem niedrigen Gitter.

Und plötzlich bemerkte ich etwas.

Sie lag wirklich.

Nicht nur mit der Brust.

Nicht halb.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen