Später fing sie an, selbst wieder Dinge hineinzulegen.
An diesem Morgen trug sie eine dunkelblaue Jacke und hielt ein Paar Wollhandschuhe in der Hand.
Sie legte sie in den Karton.
Dann bemerkte sie mein Gesicht.
„Was ist denn passiert?“
Ich wollte sagen: nichts.
Das sage ich immer.
Alles gut.
Geht schon.
Mach dir keine Gedanken.
Aber diesmal bekam ich die Worte nicht heraus.
Sie sah zum Transportkorb.
„Ist das Sputnik?“
Ich nickte.
Leni kannte ihn.
Ich hatte manchmal Fotos von ihm gezeigt.
Einmal hatte ich mich darüber beschwert, dass er nachts meinen Kopf als Kissen benutzte.
Ein anderes Mal darüber, dass ich für ihn teures Katzenfutter gekauft hatte und er anschließend lieber ein Stück Käse vom Teller wollte.
Ich schob ihr den Kostenvoranschlag hin.
Sie las ihn.
Ganz langsam.
Dann schaute sie mich an.
„Du hast das Geld nicht.“
Es war keine Frage.
Ich schüttelte den Kopf.
Sie setzte sich.
„Wie viel fehlt?“
„Fast alles.“
„Und wenn du es nicht zusammenkriegst?“
Ich deutete auf die zweite Zahl.
Sie musste nicht lange lesen.
Ihre Lippen wurden schmal.
Sie stand auf und ging zu dem Karton.
Darin lagen ein paar Konservendosen, die Wollhandschuhe, zwei Kinderpullis, Handwärmer und eine angebrochene Packung Windeln.
Leni sah hinein.
Dann sagte sie leise:
„Das reicht nicht.“
„Ist schon gut.“
Meine Stimme klang fremd.
„Er hatte fünf gute Jahre.“
Ich schluckte.
„Er ist schließlich nur eine Katze.“
Sputnik bewegte sich im Korb.
Ein kleines, schwaches Geräusch.
Ich sah weg.
Es war wahrscheinlich die größte Lüge, die ich je ausgesprochen hatte.
Nur eine Katze?
Sputnik war derjenige, der jeden Morgen merkte, dass ich noch da war.
Der vor der Badezimmertür saß, wenn ich zu lange drin blieb.
Der jeden Besucher erst einmal misstrauisch kontrollierte.
Der nachts neben mir schlief, wenn die Wohnung sich zu groß anfühlte.
Er war das einzige Wesen, das sich freute, wenn mein Schlüssel im Schloss drehte.
Leni wusste das.
Sie sagte nichts Tröstendes.
Keine Sätze wie „Das wird schon“.
Stattdessen zog sie ihr Handy heraus.
Sie fotografierte Sputnik.
Dann den Kostenvoranschlag.
Ich dachte, sie wolle vielleicht jemanden fragen, ob er etwas leihen könne.
Doch sie drehte sich mitten im Waschsalon um.
Vielleicht acht oder neun Leute waren da.
Ein Mann in Arbeitskleidung saß mit einem Pappbecher Kaffee vor einem Trockner.
Eine ältere Frau faltete Kinderpullover.
Zwei Männer dösten auf den Plastikstühlen.
Eine junge Mutter sortierte Wäsche.
Leni hob die Stimme.
„Könnt ihr mal kurz zuhören?“
Fast alle schauten zu ihr.
Mir wurde heiß.
„Leni, lass.“
Sie ignorierte mich.
„Das hier ist Helmut“, sagte sie. „Ihr kennt ihn. Der mit dem Karton hinten.“
Ein paar Leute nickten.
„Sein Kater muss heute Morgen operiert werden. Wenn das nicht passiert, überlebt er es wahrscheinlich nicht.“
Sie hielt den Zettel hoch.
„Es fehlen fast 1.800 Euro.“
Niemand sagte etwas.
Ich wollte im Boden verschwinden.
Dann stand der Mann mit dem Kaffee auf.
Jens.
Er arbeitete irgendwo auf Baustellen und kam oft direkt nach der Nachtschicht zum Waschen.
Großer Kerl.
Breite Schultern.
Hände wie Schaufeln.
Er beugte sich zum Korb.
„Ist das der Verrückte, der dich letzten Dezember gebissen hat?“
„Gekratzt“, sagte ich.
„Warum?“
„Ich wollte ihm so eine Weihnachtsmütze aufsetzen.“
Jens grinste.
„Dann warst du selber schuld.“
Zum ersten Mal in dieser Nacht musste ich beinahe lachen.
Er zog seine Geldbörse heraus.
„Ich hab achtzig Euro.“
„Nein.“
„Doch.“
„Jens, das brauchst du selbst.“
„Helmut.“
Seine Stimme wurde ernst.
„Ich entscheide immer noch selber, wofür ich mein Geld ausgebe.“
Er legte vier Zwanziger auf den Tisch.
„Eigentlich waren die für Frühstück, Zigaretten und ein paar andere Sachen.“
Er schaute Sputnik an.
„Frühstück kann warten.“
Dann kam Frau Klose näher.
Eine Rentnerin, die regelmäßig die Sportsachen ihrer Enkel wusch, wenn bei ihrer Tochter die Maschine wieder streikte.
Sie hatte kein Bargeld dabei.
Aber sie nahm den Kostenvoranschlag.
„Ich kenne jemanden, der nachts an der Anmeldung einer Tierarztpraxis arbeitet“, sagte sie. „Keine Ahnung, ob sie etwas machen kann. Aber fragen kostet nichts.“
Sie ging ein paar Meter weg und telefonierte.
Währenddessen legte jemand zehn Euro auf den Tisch.
Dann fünf.
Dann zwanzig.
Die junge Mutter kam mit einer kleinen Dose Münzen zurück.
„Das war eigentlich fürs Waschen nächste Woche.“
Ich wollte ablehnen.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nehmen Sie.“
Jemand gab drei Euro.
Ein anderer fünfzig.
Keiner entschuldigte sich dafür, dass es „nur“ wenig war.
Das war das Seltsame.
In diesem Raum wusste jeder, dass drei Euro manchmal viel Geld sein können.
Frau Klose kam zurück.
„Die Praxis kann einige Zusatzkosten reduzieren“, sagte sie. „Und du kannst einen Teil später zahlen, wenn die Behandlung heute gesichert ist.“
Plötzlich war die Summe nicht mehr 1.800.
Noch immer viel.
Aber nicht mehr unmöglich.
Wir schrieben alles auf ein Blatt.
80.
81.
82.
83.
84.
85.
Die Liste wurde länger.
Dann ging die Eingangstür auf.
Der Betreiber des Waschsalons kam herein.
Herr Krüger.
Ein wortkarger Mann Ende sechzig, der normalerweise aussah, als würde ihn jedes einzelne Fussel persönlich beleidigen.
Er mochte keine Leute, die auf den Maschinen saßen.
Keine Kaffeebecher auf den Tischen.
Keine Kinder, die an den Trocknerknöpfen spielten.
Und unseren Karton hatte er anfangs auch nicht gemocht.
„Das hier ist kein Lagerraum“, hatte er damals gesagt.
Zwei Wochen später hatte er den Karton trotzdem noch nicht weggeworfen.
Irgendwann stellte er sogar selbst zwei Packungen Nudeln hinein.
Natürlich behauptete er, jemand habe sie vergessen.
Herr Krüger blieb jetzt stehen.
Er sah die Menschen um meinen Tisch.
„Was ist denn hier los?“
Niemand antwortete sofort.
„Das ist ein Waschsalon und keine Versammlung.“
Leni stellte sich gerade hin.
„Sputnik muss operiert werden.“
Herr Krüger blinzelte.
„Wer ist Sputnik?“
Leni zeigte auf den Korb.
Herr Krüger sah hinein.
Dann auf mich.
Dann auf den Kostenvoranschlag.
„Und deshalb stehen hier alle herum?“
„Wir sammeln.“
Er nahm das Blatt.
Lange sagte er nichts.
Ich kannte diesen Gesichtsausdruck.
Genau so sah er aus, wenn jemand eine Socke in der Maschine vergessen hatte.
Dann schaute er zu unserem Karton.
Dem Karton, den er vor zwei Jahren am liebsten entsorgt hätte.
Er atmete hörbar aus.
„Unfassbar.“
Er ging hinter den Tresen.
Ich dachte, jetzt würde er uns rausschicken.
Stattdessen kam er mit einer schweren Metallkassette zurück.
Er stellte sie auf den Tisch.
Darin lagen Münzen und einige Scheine.
„Das Wechselgeld vom Wochenende.“
„Herr Krüger, das können wir nicht—“
„Helmut.“
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