Bei unserem ersten Date bat mich Johannes nicht um ein Glas Wein, sondern um Hilfe bei einem Kicker, der schwerer war als meine Zweifel.
Ich heiße Stephanie, war damals 34 und hatte von der Liebe ungefähr so viel übrig wie von einer kalten Portion Pommes vom Vortag.
Ich war nicht verbittert. Nur müde.
Müde von Nachrichten auf Dating-Apps. Müde von Männern, die alle gleich anfingen.
„Was suchst du hier?“
„Bist du spontan?“
„Wie lange bist du schon Single?“
Es fühlte sich nicht an wie Kennenlernen. Eher wie ein Bewerbungsgespräch, nur mit schlechteren Fragen.
Johannes war anders. Nicht aufregend anders. Nicht wie im Film. Eher leise anders.
Sein Profilbild war unscharf. Er trug einen alten Pullover und stand in irgendeiner Garage. Kein Anzug, kein Fitnessstudio-Spiegel, kein Spruch darunter.
Wir schrieben ein paar Tage. Er war höflich, aber nicht glatt. Lustig, aber nicht anstrengend. Also sagte ich zu, als er fragte, ob wir uns an einem Donnerstagabend in einer kleinen Bar treffen wollten.
Ich hatte sogar schon eine Bluse gebügelt.
Um 17:08 Uhr kam seine Nachricht.
„Stephanie, ich muss dir etwas Peinliches sagen. Ich habe gerade einen alten Kicker aus einer geschlossenen Kneipe gefunden. Original aus den Achtzigern. Der Besitzer zieht morgen früh um. Wenn ich ihn heute nicht hole, landet er auf dem Sperrmüll. Ich habe einen kleinen Lieferwagen gemietet. Unser Date kann also entweder ausfallen, oder du fährst mit, hilfst mir beim Schleppen, und ich lade dich danach auf einen Döner ein. Wenn du mich jetzt blockierst, verstehe ich das.“
Ich saß auf meinem Bett und starrte auf den Bildschirm.
Ein normaler Mensch hätte abgesagt.
Ich zog die Bluse aus, holte Jeans und Turnschuhe aus dem Schrank und schrieb:
„Schick mir die Adresse.“
Zwanzig Minuten später stand Johannes vor meinem Haus.
Der Lieferwagen roch nach Staub, altem Kaffee und diesem künstlichen Vanillebaum, den manche Leute an den Rückspiegel hängen. Johannes stieg aus, rieb sich nervös die Hände und sagte: „Ich verspreche, ich bin normalerweise nicht so.“
Ich musste lachen.
Auf der Fahrt redeten wir nicht über Lebensläufe, Ex-Beziehungen oder Lieblingsurlaubsziele. Wir überlegten, wer wohl einen Kneipenkicker für fast kein Geld abgibt. Johannes erzählte, dass er alte Dinge repariert. Nicht, weil es sich lohnt, sondern weil ihn kaputte Sachen traurig machen, wenn sie zu früh aufgegeben werden.
Das sagte er so nebenbei.
Aber ich merkte es mir.
Wir kamen bei einem alten Reihenhaus am Rand der Stadt an. Herr Fennen öffnete die Tür.
Er war 76, schmal, mit Hosenträgern und einem Blick, der sofort sagte: Machen Sie keinen Unsinn in meinem Haus.
Der Kicker stand im Keller.
Er war groß, dunkel, zerkratzt und viel schwerer, als Johannes behauptet hatte. An einer Ecke klebte noch ein vergilbter Aufkleber von irgendeinem Dorfturnier. Eine Spielfigur hatte keinen Kopf mehr.
Herr Fennen sah, wie ich darauf zeigte.
„Der ist 1991 abgebrochen“, sagte er. „Meine Frau hat damals trotzdem gewonnen.“
Danach war es kurz still.
Johannes sah mich an. Ich sah weg.
Plötzlich war das kein komisches erstes Date mehr. Es war der Keller eines alten Mannes, der etwas loslassen musste, das noch voller Stimmen war.
Wir brauchten fast eine Stunde, um den Kicker die schmale Kellertreppe hochzubekommen.
Johannes tat am Anfang so, als hätte er einen Plan. Hatte er nicht.
Ich klemmte mir zweimal den Ärmel ein. Er stieß sich das Knie. Herr Fennen stand oben, gab knappe Anweisungen und schimpfte leise vor sich hin.
„Nicht kippen.“
„Links höher.“
„Nein, Ihr anderes Links.“
Irgendwann mussten wir alle drei lachen. Sogar Herr Fennen, ganz kurz, als würde ihm das Lachen aus Versehen passieren.
Als der Kicker endlich im Lieferwagen stand, war ich verschwitzt, staubig und hatte eine Spinnwebe im Haar. Johannes sah nicht besser aus.
Er klappte die Türen zu, lehnte sich gegen den Wagen und atmete schwer.
Dann hob er die Hand.
Ich gab ihm ein High Five.
Es war lächerlich. Und schön.
Herr Fennen kam langsam zur Tür. In seiner Hand hielt er einen kleinen Ball aus Kork.
„Den hat meine Frau immer in der Schürzentasche gehabt“, sagte er. „Falls wieder einer verschwunden war.“
Er gab ihn Johannes.
„Stellen Sie ihn nicht in irgendeinen Keller.“
Johannes nahm den Ball mit beiden Händen. Nicht groß. Nicht theatralisch. Einfach vorsichtig.
„Nein“, sagte er. „Versprochen.“
Später saßen wir an einem kleinen Imbiss auf einer Bank. Kein Kerzenlicht. Keine Musik. Kein schöner Tisch.
Nur zwei Döner, zwei Flaschen Limo und schwarze Hände, die nach Metall und Staub rochen.
Ich erzählte Johannes, dass ich beim Dating immer das Gefühl hatte, mich zusammenreißen zu müssen. Nicht zu müde wirken. Nicht zu direkt. Nicht zu bedürftig. Nicht zu enttäuscht.
Er unterbrach mich nicht.
Er machte keinen klugen Spruch.
Er hörte einfach zu.
Und genau da passierte es.
Nicht mit Herzklopfen wie in einem Film. Sondern ganz ruhig.
Ich merkte, dass ich neben diesem Mann nicht glänzen musste. Ich durfte einfach sitzen. Mit staubigen Haaren, Knoblauchsoße am Finger und einem Leben, das nicht perfekt sortiert war.
Heute steht dieser Kicker in unserem Wohnzimmer.
Er ist viel zu groß. Jeder Gast stößt sich irgendwann daran. Die kopflose Spielfigur haben wir nie ersetzt.
Manchmal legt Johannes den kleinen Korkball auf den Rand und sagt: „Herr Fennen hätte das gefallen.“
Dann denke ich an diesen Donnerstag zurück.
An einen Mann, der mich nicht beeindrucken wollte.
An einen alten Witwer, der sein letztes Stück Kneipe weitergab.
Und an mich selbst, wie ich endlich aufhörte, bei der Liebe eine Rolle zu spielen.
Vielleicht beginnt Romantik nicht mit Rosen.
Vielleicht beginnt sie mit zwei Menschen, die gemeinsam etwas Schweres tragen und merken, dass es zusammen leichter wird.
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