Wer Teil 1 gelesen hat, kennt den alten Kicker. Aber was danach mit Herr Fennen geschah, hat keiner von uns kommen sehen.
Der Kicker blieb nicht einfach ein Möbelstück.
Am Anfang stand er wirklich nur viel zu groß in unserem Wohnzimmer.
Johannes hatte ihn mit einem feuchten Lappen abgewischt, die Stangen geölt und zwei Schrauben ersetzt, die so alt aussahen, als hätten sie den Mauerfall persönlich erlebt.
Die kopflose Spielfigur blieb kopflos.
Nicht, weil Johannes sie nicht hätte reparieren können.
Sondern weil wir beide fanden, dass manche Dinge nicht besser werden, wenn man sie perfekt macht.
Der kleine Korkball lag in einer Schale auf dem Regal neben dem Fernseher.
Nicht besonders schön.
Nicht dekorativ.
Aber jedes Mal, wenn mein Blick darauf fiel, dachte ich an Herr Fennen.
An seine Hosenträger.
An seinen strengen Blick.
An den Satz:
„Stellen Sie ihn nicht in irgendeinen Keller.“
Johannes hatte ihm damals versprochen, ein Foto zu schicken, sobald der Kicker bei uns stand.
Das tat er auch.
Er druckte sogar ein Bild aus, weil Herr Fennen kein Smartphone hatte, zumindest keines, mit dem er freiwillig etwas anfangen wollte.
Auf dem Foto standen wir beide neben dem Kicker.
Staubig, müde, lächerlich stolz.
Johannes schrieb hinten drauf:
„Er steht im Wohnzimmer. Wie versprochen.“
Dann steckte er es in einen Umschlag.
Drei Wochen später kam eine Karte zurück.
Keine lange Nachricht.
Nur ein sauber geschriebener Satz.
„Meine Frau hätte gesagt, die Stangen laufen noch zu schwer.“
Ich las die Karte dreimal.
Dann musste ich lachen.
Johannes nicht.
Er stand am Küchentisch und wurde ganz still.
„Wir sollten ihn besuchen“, sagte er.
Ich sah ihn an.
„Einfach so?“
„Ja“, sagte er. „Einfach so.“
Früher hätte mich so etwas überfordert.
Ein alter Mann, den man kaum kannte.
Ein Besuch, der nicht geplant war wie ein Termin.
Eine Nähe, für die es keinen Namen gab.
Aber mit Johannes fühlten sich solche Dinge nie aufdringlich an.
Eher wie etwas, das man tut, weil es richtig ist.
Also standen wir an einem Samstag im November wieder vor diesem Reihenhaus am Rand der Stadt.
Diesmal ohne Lieferwagen.
Dafür mit einem kleinen Apfelkuchen aus der Bäckerei und einer Packung Kaffee.
Herr Fennen öffnete die Tür erst nach dem dritten Klingeln.
Er trug wieder Hosenträger.
Diesmal einen dunkelgrünen Pullover darunter.
Sein Blick war genauso streng wie beim ersten Mal.
Aber seine Augen waren müder.
„Sie schon wieder“, sagte er.
Johannes hob den Kuchen hoch.
„Wir wollten uns beschweren. Die Stangen laufen tatsächlich zu schwer.“
Für einen Moment sagte Herr Fennen nichts.
Dann machte er die Tür weiter auf.
„Na, dann kommen Sie rein, bevor der Kuchen kalt wird.“
Sein Haus war ordentlich.
Zu ordentlich.
Im Flur standen keine Schuhe durcheinander.
Auf der Garderobe hing ein einzelner Mantel.
In der Küche gab es zwei Stühle, aber nur einer sah benutzt aus.
Auf der Fensterbank standen drei kleine Kakteen, alle in denselben braunen Töpfen.
Ich weiß noch, wie ich dachte:
Man kann Einsamkeit manchmal sehen, ohne dass jemand sie ausspricht.
Herr Fennen schnitt den Kuchen mit einem Messer, das schon etwas stumpf war.
Johannes bot an, es zu schärfen.
Herr Fennen sagte sofort:
„Ich bin alt, nicht hilflos.“
Johannes hob beide Hände.
„Verstanden.“
Dann saßen wir in seiner Küche.
Drei Menschen, die sich eigentlich kaum kannten.
Und trotzdem war da etwas zwischen uns.
Vielleicht, weil wir schon zusammen etwas Schweres getragen hatten.
Herr Fennen erzählte von seiner Frau.
Sie hieß Elisabeth.
Nicht Elli.
Nicht Lisbeth.
Elisabeth.
„Sie bestand darauf“, sagte er. „Sie meinte, für Abkürzungen sei das Leben zu kurz.“
Sie hatte früher in der Kneipe den Kicker verteidigt wie andere Leute ihren Gartenzaun.
Jeden Donnerstagabend.
Immer an derselben Seite.
Immer mit dem Korkball in der Schürzentasche.
Wenn Männer sagten, sie solle doch lieber zuschauen, gewann sie besonders hoch.
Herr Fennen erzählte das ohne große Gefühle in der Stimme.
Aber seine Hand blieb die ganze Zeit auf der Kaffeetasse liegen.
So fest, als müsste er sich daran festhalten.
Als wir gingen, standen wir noch kurz im Flur.
Herr Fennen zog die Schultern hoch und sagte:
„War nett.“
Mehr nicht.
Aber als Johannes die Tür schon fast hinter sich zugezogen hatte, fragte ich:
„Herr Fennen?“
Er sah mich an.
„Kommen Sie doch mal vorbei. Den Kicker anschauen.“
Er schnaubte.
„Ich störe jungen Leuten nicht beim Leben.“
„Tun Sie nicht“, sagte ich. „Sie gehören jetzt irgendwie dazu.“
Das war mir herausgerutscht.
Ich erschrak selbst ein bisschen darüber.
Johannes sah mich an.
Nicht überrascht.
Eher dankbar.
Herr Fennen sagte nichts.
Dann nickte er einmal.
Ganz klein.
Am nächsten Sonntag stand er um halb vier vor unserer Tür.
Obwohl wir vier Uhr gesagt hatten.
Er hatte eine Blechdose dabei.
Darin waren Butterkekse.
„Gekauft“, sagte er sofort. „Nicht gebacken. Damit keine falschen Hoffnungen entstehen.“
Von da an kam Herr Fennen einmal im Monat.
Immer sonntags.
Immer zu früh.
Immer mit irgendeiner Bemerkung, die schroffer klang, als sie gemeint war.
Er trank Kaffee ohne Zucker.
Er lobte nichts direkt.
Wenn ihm etwas schmeckte, sagte er:
„Kann man essen.“
Wenn er sich wohlfühlte, blieb er länger sitzen.
Beim Kickern war er gnadenlos.
Ich verlor ständig gegen ihn.
Johannes auch, aber der tat so, als sei es Absicht.
Herr Fennen durchschaute ihn jedes Mal.
„Junger Mann, Mitleid spielt schlechter als Alter.“
Dann schoss er ein Tor.
Mit einer Geschwindigkeit, die man ihm außerhalb des Kickers niemals zugetraut hätte.
Manchmal blieb er nach dem Spiel noch eine Stunde sitzen.
Er erzählte kleine Dinge.
Wie Elisabeth morgens das Radio zu laut aufgedreht hatte.
Wie sie im Winter immer das Fenster im Schlafzimmer öffnete, obwohl er fror.
Wie sie jedes Jahr sagte, sie wolle weniger Plätzchen backen, und dann doch sechs Sorten machte.
Nie sagte er:
„Ich vermisse sie.“
Das musste er nicht.
Es lag in jedem Satz.
Einmal, kurz vor Weihnachten, brachte Johannes den kleinen Korkball aus der Schale.
Er legte ihn auf den Rand des Kickers.
Herr Fennen sah ihn an.
Sehr lange.
Dann sagte er:
„Den hatte ich fast vergessen.“
Aber seine Stimme verriet, dass das nicht stimmte.
Er nahm den Ball in die Hand und drehte ihn zwischen den Fingern.
„Elisabeth hat immer behauptet, der bringt Glück.“
Ich fragte:
„Hat er?“
Herr Fennen sah zum Kicker.
Dann zu Johannes.
Dann zu mir.
„Offenbar.“
In diesem Moment wurde mir warm im Hals.
Nicht traurig.
Nicht kitschig.
Einfach warm.
So verging fast ein Jahr.
Johannes und ich wurden aus einem seltsamen ersten Date ein Paar mit Alltag.
Nicht jeder Tag war besonders.
Manchmal stritten wir über Wäsche, über offene Schranktüren oder darüber, wer vergessen hatte, Brot zu kaufen.
Manchmal war ich müde und ungerecht.
Manchmal zog Johannes sich zurück, wenn er eigentlich hätte reden sollen.
Aber nie hatte ich wieder dieses alte Gefühl, vorsichtig auftreten zu müssen.
Ich musste nicht beweisen, dass ich leicht zu lieben war.
Ich durfte einfach da sein.
Und das war neu für mich.
Herr Fennen merkte mehr, als er sagte.
Einmal, als Johannes in der Küche Kaffee machte und ich im Wohnzimmer die Gläser wegräumte, sagte er plötzlich:
„Der passt zu Ihnen.“
Ich drehte mich um.
„Johannes?“
„Nein“, sagte er trocken. „Der Kicker natürlich.“
Dann sah er mich an.
Und ich wusste, was er meinte.
Im Frühjahr kam Herr Fennen nicht.
Es war der erste Sonntag seit Monaten, an dem er nicht zwanzig Minuten zu früh klingelte.
Johannes rief an.
Niemand ging ran.
Ich versuchte ruhig zu bleiben.
„Vielleicht ist er spazieren.“
„Herr Fennen geht sonntags um diese Zeit nicht spazieren“, sagte Johannes.
Also fuhren wir hin.
Seine Nachbarin öffnete uns, weil sie gerade die Blumen im Vorgarten goss.
Sie sagte, Herr Fennen sei gestürzt.
Nichts Dramatisches, sagte sie schnell.
Aber genug, dass er ein paar Tage im Krankenhaus bleiben musste.
Mir rutschte das Herz in den Bauch.
Wir besuchten ihn am nächsten Nachmittag.
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