Der alte Kicker, der unser erstes Date und ein einsames Herz rettete

Er lag in einem Zimmer mit hellem Vorhang und sah wütender aus als krank.

„Ich brauche kein Publikum“, sagte er.

Johannes stellte eine Tüte auf den Tisch.

„Gut. Wir sind nur wegen der Kekse hier.“

Herr Fennen schnaubte.

Aber er drehte den Kopf nicht weg.

Sein Fuß war verbunden.

Seine Hände lagen auf der Decke.

Ohne Kaffeetasse.

Ohne Korkball.

Ohne irgendetwas, woran er sich festhalten konnte.

Er wirkte plötzlich kleiner.

Das tat mir weh.

Nach ein paar Minuten sagte er:

„Ich werde nicht in das Haus zurückgehen.“

Johannes und ich sahen ihn an.

„Die Treppe“, sagte Herr Fennen. „Die Nachbarin hat recht. Ich bin stur, aber nicht dumm.“

Er hatte sich ein kleines Appartement in einer Wohnanlage für ältere Menschen angesehen.

Nicht weit weg.

Mit Aufzug.

Mit Gemeinschaftsraum.

Mit Menschen, die nachmittags Karten spielten und wahrscheinlich alle zu viel über ihre Krankheiten redeten, wie er sagte.

Er tat so, als wäre ihm alles egal.

Aber ich sah seine Angst.

Nicht vor dem Umzug.

Vor dem Wenigerwerden.

Vor dem Moment, in dem ein Mensch merkt, dass sein altes Leben nicht mehr ganz passt.

Johannes schwieg lange.

Dann sagte er:

„Gibt es dort Platz für einen Kicker?“

Herr Fennen blinzelte.

„Was?“

„Im Gemeinschaftsraum.“

„Unsinn“, sagte Herr Fennen sofort.

Aber seine Augen wurden wach.

„Der steht bei Ihnen.“

„Er steht zu groß bei uns“, sagte Johannes.

Ich sah ihn an.

Er sah zurück.

Und ich wusste, dass er es ernst meinte.

Einen Monat später mieteten wir wieder einen kleinen Lieferwagen.

Diesmal roch er nicht nach Vanillebaum.

Diesmal roch er nach nasser Pappe und altem Gummi.

Der Kicker stand noch in unserem Wohnzimmer, als wäre nichts.

Aber irgendwie sah er an diesem Morgen anders aus.

Nicht mehr wie unser Beweis für ein verrücktes erstes Date.

Sondern wie etwas, das weiterziehen wollte.

Ich strich über die zerkratzte Ecke mit dem vergilbten Aufkleber.

„Bist du sicher?“, fragte Johannes.

Ich nickte.

„Herr Fennen hat gesagt, er soll nicht in irgendeinem Keller stehen.“

Johannes lächelte.

„Ein Gemeinschaftsraum ist kein Keller.“

„Nein“, sagte ich. „Und vielleicht braucht er dort mehr Menschen als bei uns.“

Das Tragen war wieder eine Katastrophe.

Natürlich war es das.

Der Kicker war kein bisschen leichter geworden.

Johannes behauptete wieder, er habe einen Plan.

Hatte er wieder nicht.

Ich klemmte mir wieder den Ärmel ein.

Ein Nachbar half mit und sagte nach fünf Minuten, er hätte nur kurz Brötchen holen wollen.

Im Treppenhaus blieben wir zweimal stecken.

Jemand fragte, ob das ein Klavier sei.

Johannes antwortete:

„Fast. Nur lauter.“

Ich musste lachen.

Und plötzlich war ich wieder auf dieser Kellertreppe vom ersten Date.

Nur dass diesmal nichts unsicher war.

Ich wusste, dass ich mit diesem Mann auch die nächsten schweren Dinge tragen wollte.

Nicht, weil er stark war.

Sondern weil er stehen blieb, wenn etwas festhing.

In der Wohnanlage wartete Herr Fennen im Gemeinschaftsraum.

Er tat so, als sei er nur zufällig dort.

Aber er trug ein gebügeltes Hemd.

Auf dem Tisch stand Kaffee.

Daneben eine Blechdose mit Butterkeksen.

Als der Kicker durch die Tür kam, sagte er kein Wort.

Er stand einfach auf.

Langsam.

Mit einer Hand am Stuhl.

Johannes und der Nachbar schoben den Kicker an die Wand beim Fenster.

Das Licht fiel auf die alten Figuren.

Auf die Kratzer.

Auf die kopflose Spielfigur.

Auf alles, was geblieben war.

Herr Fennen ging hin und legte die Hand auf den Rand.

Ganz vorsichtig.

Wie damals Johannes den Korkball genommen hatte.

„Elisabeth hätte gesagt, er steht schief“, murmelte er.

Johannes holte den kleinen Korkball aus seiner Jackentasche.

Er legte ihn vor Herr Fennen.

„Dann müssen Sie das überprüfen.“

Herr Fennen sah ihn an.

Dann mich.

Dann den Kicker.

Und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, lächelte er ohne sich dafür zu schämen.

Am Anfang kamen nur zwei Leute aus dem Haus dazu.

Eine Frau mit kurzen weißen Haaren, die behauptete, sie habe seit vierzig Jahren nicht gespielt.

Sie gewann gegen Johannes.

Dann ein Mann mit Rollator, der nur zuschauen wollte und nach zehn Minuten rief:

„Links! Links! Nein, Ihr anderes Links!“

Ich musste so lachen, dass mir die Augen tränten.

Herr Fennen auch.

Ganz kurz.

Aber diesmal passierte es nicht aus Versehen.

Es passierte, weil er glücklich war.

Aus einem Sonntag wurde ein zweiter.

Dann ein fester Termin.

Jeden zweiten Sonntag.

Kaffee.

Kekse.

Kicker.

Keine große Sache.

Und doch wurde es für einige Menschen genau das.

Eine große Sache.

Herr Fennen hatte wieder etwas, worüber er schimpfen konnte.

Das tat ihm gut.

Johannes reparierte irgendwann die quietschende Stange.

Herr Fennen beschwerte sich, sie laufe jetzt zu leicht.

Ich brachte einmal selbst gebackenen Kuchen mit.

Er sagte:

„Kann man essen.“

Ich wusste inzwischen, dass das sein höchstes Lob war.

Ein halbes Jahr später fragte Johannes mich nicht mit Ring im Champagnerglas.

So etwas hätte auch gar nicht zu uns gepasst.

Er fragte mich nach einem Kicker-Spiel, das ich endlich gegen ihn gewonnen hatte.

Herr Fennen saß daneben und behauptete, Johannes habe sich blamiert.

Johannes sah mich an und sagte:

„Stephanie, ich glaube, ich möchte mit dir noch sehr viele schwere Sachen tragen. Würdest du mich heiraten?“

Ich sah auf meine Hände.

Sie rochen nach Kaffee und Metall.

Nicht nach Rosen.

Nicht nach Parfum.

Und genau deshalb musste ich weinen.

„Ja“, sagte ich.

Herr Fennen klopfte einmal auf den Kicker.

„Na endlich.“

Wir heirateten klein.

Ohne großes Programm.

Ohne perfekte Deko.

Nach dem Standesamt gingen wir nicht in ein schickes Restaurant.

Wir gingen in den Gemeinschaftsraum.

Dort warteten Kaffee, Kuchen und ein alter Kicker aus einer geschlossenen Kneipe.

Herr Fennen trug ein Jackett.

Er hatte den Korkball in der Brusttasche.

„Falls wieder einer verschwindet“, sagte er.

An diesem Tag spielte ich mit ihm gegen Johannes und die Frau mit den kurzen weißen Haaren.

Wir verloren.

Herr Fennen sagte, das sei eine Schande.

Aber er lächelte dabei.

Heute steht der Kicker immer noch dort.

Nicht in irgendeinem Keller.

Sondern an einem Fenster, wo nachmittags Licht auf die zerkratzte Holzplatte fällt.

Die kopflose Spielfigur ist immer noch kopflos.

Der vergilbte Aufkleber klebt immer noch schief.

Und der kleine Korkball liegt meistens auf dem Rand.

Manchmal, wenn Johannes und ich sonntags dort sitzen, sehe ich Herr Fennen dabei zu, wie er einem neuen Bewohner erklärt, dass man beim Kicker nicht einfach wild drehen darf.

Dann klingt er wieder wie der Mann, der oben an der Kellertreppe stand und rief:

„Nicht kippen.“

Nur dass er heute nicht mehr allein oben steht.

Er steht mittendrin.

Zwischen Stimmen.

Zwischen Lachen.

Zwischen Menschen, die vielleicht auch dachten, dass ihre besten Abende schon vorbei sind.

Und ich denke dann oft an mein altes Ich.

An die Frau, die fast abgesagt hätte.

Die eine Bluse gebügelt hatte, weil sie dachte, Liebe müsse ordentlich anfangen.

Die müde war von Fragen, die nichts bedeuteten.

Die nicht wusste, dass ein schwerer alter Kicker ihr Leben verändern würde.

Manchmal beginnt Romantik wirklich nicht mit Rosen.

Manchmal beginnt sie mit Staub in den Haaren.

Mit einem Döner auf einer kalten Bank.

Mit einem Witwer, der loslassen muss.

Mit einem Mann, der kaputte Dinge nicht zu früh aufgibt.

Und manchmal trägt man gemeinsam etwas Schweres aus einem Keller.

Nur um später zu merken, dass man damit nicht nur ein Möbelstück gerettet hat.

Sondern ein Stück Leben.

Für sich selbst.

Und für jemanden, der fast vergessen hätte, wie es klingt, wenn ein Raum wieder voller Stimmen ist.

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