Der Fremde rettete meine Tochter, doch mein Dank öffnete seine tiefste Wunde

Als wir hereinkamen, erhob er sich schwerfällig.

Er war älter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ende sechzig vielleicht. Sein linkes Knie schien ihm Mühe zu machen.

Emma blieb hinter meinem Arm stehen.

„Guten Morgen“, sagte ich. „Ich bin Jana.“

Er nickte.

Dann sah er Emma an.

„Und du bist wieder auf den Beinen.“

Sie nickte ebenfalls und hielt ihm ihr Bild hin.

Darauf waren ein See, ein Steg und ein riesiger Mann mit einem erstaunlich kleinen Kopf zu sehen. Über allem stand in bunten Buchstaben: DANKE, DASS DU MICH RAUSGEHOLT HAST.

Karl nahm das Blatt an den Ecken.

Er betrachtete es lange.

„Den Bart hast du gut getroffen“, sagte er schließlich.

Emma lächelte.

„Mama sagt, du hast mich getragen.“

„Ein Stück.“

„Ich bin schon ziemlich schwer.“

„Ging noch.“

Sie musterte ihn und fragte: „Darf ich dich drücken?“

Seine Finger wurden ganz still.

Dann legte er das Bild vorsichtig auf den Tisch und nickte.

Emma schlang die Arme um seinen Bauch. Er hielt zunächst beide Hände in der Luft, als wüsste er nicht, wohin damit. Schließlich legte er eine auf ihren Rücken.

Ich sah, wie er die Augen schloss.

Wir bestellten Brötchen und für Emma einen Kakao. Karl wollte nur seinen Kaffee, bis die Bedienung ihm wortlos ein zweites Gedeck hinstellte.

„Sie können nicht den ganzen Vormittag vor einer leeren Tasse sitzen“, sagte sie.

„Kann ich durchaus.“

„Heute nicht.“

Zum ersten Mal zuckte sein Mundwinkel.

Als die Frau gegangen war, sagte ich: „Ich habe so oft überlegt, was ich Ihnen sagen würde.“

„Sie haben schon danke gesagt.“

„Das Wort fühlt sich zu klein an.“

Er strich mit dem Daumen über den Henkel.

„Ihre Tochter sitzt hier. Das reicht.“

Ich erzählte ihm von den Tagen im Krankenhaus, von den Untersuchungen und davon, dass Emma inzwischen wieder über Hausaufgaben schimpfte.

Dabei sah er sie kaum direkt an. Er hörte zu, aber sobald sie lachte, wanderte sein Blick zum Fenster.

„Warum sind Sie damals gegangen?“, fragte ich schließlich.

Seine Schultern wurden fest.

„Die Rettungsleute waren da. Ich war nicht mehr nötig.“

„Man wollte Sie noch untersuchen.“

„Ich habe einer Sanitäterin gesagt, was passiert war.“

„Und dann?“

Er blickte mich an.

Ich hörte selbst, wie sehr es nach einer Befragung klang.

„Entschuldigung“, sagte ich. „Ich versuche nur, es zu verstehen.“

Karl schob seine Tasse ein Stück von sich.

„Da gibt es nicht viel zu verstehen.“

Emma rührte in ihrem Kakao.

„Warst du böse auf uns?“

Er drehte sofort den Kopf zu ihr.

„Nein. Wie kommst du darauf?“

„Weil du weggegangen bist.“

Sein Gesicht verlor die Härte.

„Ich musste kurz allein sein.“

Sie überlegte.

„Wenn ich weine, gehe ich manchmal auch in mein Zimmer.“

Er nickte, ohne etwas zu sagen.

Ich hätte das Gespräch dort lassen sollen. Das weiß ich heute.

Aber im Gemeindearchiv hatte ich bei meiner Suche eine alte Zeitungsnotiz gefunden. Ein anderes Kind. Derselbe See. Derselbe Kalendertag, achtzehn Jahre zuvor.

Damals hatte ich nur gedacht, wie schrecklich so ein Zufall war.

Jetzt sah ich Karls Hände.

„Kannten Sie das Mädchen?“, fragte ich leise.

Er wurde vollkommen still.

„Welches Mädchen?“

Ich hätte zurückweichen können. Stattdessen sagte ich ihren Namen.

„Leni.“

Sein Stuhl scharrte über den Boden.

„Ich denke, wir sind fertig.“

Emma zuckte zusammen.

Karl sah es. Er blieb halb aufgerichtet stehen, eine Hand auf der Tischkante.

„Es tut mir leid“, sagte ich. „Das war zu viel.“

Er schaute zur Tür.

Die Bedienung kam mit einem Korb frischer Brötchen, sah uns an und ging ohne ein Wort wieder zurück.

Karl setzte sich langsam.

Lange sprach niemand.

Dann sagte er: „Meine Tochter.“

Ich hörte das Klappern von Geschirr aus der Küche. Draußen fuhr ein Lastwagen vorbei. Alles ging weiter, während an unserem Tisch plötzlich nichts mehr selbstverständlich war.

„Sie war sieben“, sagte er.

Emma legte den Löffel hin.

Karl sah auf das Bild vor sich.

„Ich war auf Montage. Eine Anlage im Süden, die unbedingt fertig werden musste. Noch eine Woche, haben sie gesagt. Danach zwei Wochen frei.“

Er rieb über die Narbe an seinem Daumen.

„Meine Frau ist mit Leni zum See gefahren. Mit Bekannten. Das haben wir öfter gemacht.“

Seine Stimme blieb ruhig. Nur seine Hände verrieten ihn.

„Als der Anruf kam, war ich vierhundert Kilometer weit weg.“

„Karl …“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin trotzdem gefahren. Als könnte ich unterwegs noch irgendwas ändern.“

Ich sagte nichts mehr.

„Jedes Jahr fahre ich an dem Tag hin. Setze mich auf die Bank oberhalb vom Steg. Trinke einen Kaffee aus der Thermoskanne.“

Er blickte zum Fenster.

„Manchmal rede ich mit ihr. Manchmal sitze ich bloß.“

Jetzt verstand ich den Transporter auf dem Parkplatz. Die Brotzeit. Den Mann, der nicht zu unserem Fest gehört hatte.

„Und dann haben Sie uns gehört.“

Er nickte.

„Erst dachte ich, das wäre wieder so ein Traum. Dann sah ich Sie ins Wasser springen.“

Sein Atem ging schneller.

„Ich wusste ungefähr, wo sie sein musste. Unter der Kante. Ich habe sie am Kleid erwischt.“

Er brach ab und presste die Lippen zusammen.

Ich griff nicht nach ihm. Ich blieb einfach sitzen.

„Als sie auf den Brettern lag“, sagte er schließlich, „habe ich nur gedacht: Bitte. Nicht noch einmal.“

Emma stieg von ihrem Stuhl.

Ich wollte sie zurückhalten, aber sie ging nur um den Tisch herum und blieb neben ihm stehen.

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