Ein kranker Junge bot mir seine wertvollste Karte und stellte eine unerträgliche Frage

Der Junge im Parkhaus hielt mir seine wertvollste Sammelkarte hin und bat um etwas, das kein Kind erbitten sollte. Dabei hatte er mich für einen herzlosen Menschen gehalten.

„Sie müssen nichts umsonst machen“, sagte er. „Die hier ist richtig viel wert.“

Er saß hinter einem Betonpfeiler auf Ebene drei. Die nackten Füße steckten in viel zu großen Hausschuhen, auf seinem Schlafanzug waren kleine grüne Drachen. Neben ihm stand eine Medikamentenpackung.

Ich war schon an ihm vorbeigegangen.

Dann hatte ich das dünne Handgelenk mit dem Krankenhausband gesehen.

„Was machst du hier draußen?“

Er schob die Packung hinter sein Bein.

„Nichts.“

Es war kurz vor Mitternacht. Durch das offene Treppenhaus zog kalte Luft. Der Junge hatte keine Haare, und sein Gesicht war so schmal, dass mir zunächst nur seine Augen auffielen.

Ich blieb stehen.

„Ich heiße Rolf.“

„Sie sehen aus wie jemand, dem alles egal ist.“

Meine Arbeitsjacke war an einem Ärmel eingerissen. Unter den Nägeln saß noch das schwarze Zeug aus der Werkstatt meines Nachbarn, dem ich am Nachmittag geholfen hatte. Und wenn ich nichts sagte, wirkte mein Gesicht offenbar wie eine verschlossene Tür.

Das hatte meine Frau früher jedenfalls behauptet.

„Manches ist mir egal“, sagte ich. „Ein Kind nachts allein im Parkhaus gehört nicht dazu.“

Seine Unterlippe zitterte.

„Können Sie dafür sorgen, dass ich nicht mehr aufwache?“

Ich hatte vierundvierzig Jahre als Schlosser in einem Maschinenbaubetrieb gearbeitet. Ich hatte Arbeitsunfälle gesehen, einen Kollegen beerdigt und meinem Vater beim Sterben die Hand gehalten.

Trotzdem wusste ich für einen Moment nicht, wie man atmete.

Dann ging ich langsam in die Hocke.

„Hast du etwas davon genommen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

„Gut. Dann bleibe ich jetzt hier.“

„Sie sollen niemanden holen.“

Ich setzte mich auf den Beton. Meine Knie protestierten so laut, dass er kurz zu ihnen hinuntersah.

„Wie heißt du?“

„Jonas.“

„Jonas, ich werde dich nicht anschreien. Aber ich hole jemanden, der uns helfen kann. Ich gehe dafür keinen Schritt weg.“

Er umklammerte seine Kartenhülle.

„Dann nehmen sie mir alles weg.“

„Deine Karten bleiben bei dir.“

„Das meinen Sie doch gar nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Wahrscheinlich nicht.“

Ich legte mein Handy zwischen uns und rief die Krankenhauszentrale an. Ich sagte, wo wir waren und dass sofort jemand von der Kinderstation kommen musste. Jonas starrte auf meine Hände.

„Jetzt halten mich alle für verrückt.“

„Ich halte dich für jemanden, dem es gerade furchtbar schlecht geht.“

Er weinte nicht laut. Die Tränen liefen einfach über sein Gesicht, als hätte er keine Kraft mehr, sie aufzuhalten.

Ich deutete auf die Packung.

„Darf ich die zu mir nehmen?“

Nach einer Weile schob er sie über den Boden.

Er war elf Jahre alt.

Elf.

In diesem Alter hatte ich meinen Vater angebettelt, mir ein gebrauchtes Fahrrad zu kaufen. Jonas saß vor mir und hatte Angst vor dem nächsten Morgen.

„Ich kann das nicht noch mal“, sagte er. „Die ganze Behandlung. Ich kann einfach nicht.“

Ich nickte, obwohl ich noch gar nicht wusste, was er durchgemacht hatte.

„Dann erzähl mir erst mal, was dieses Noch-mal bedeutet.“

Er zog die Knie an den Körper.

„Leukämie. Zum dritten Mal wieder da. Sie reden über eine zweite Transplantation.“

Das letzte Wort sprach er sauber und nüchtern aus. Wie ein Erwachsener, der einen Kostenvoranschlag erklärt.

„Bei der ersten war ich so lange im Krankenhaus, dass meine Schwester hinterher größer war. Ich konnte nicht essen. Nicht richtig laufen. Und Mama hat immer gesagt: nur noch ein bisschen.“

Er rieb mit dem Daumen über die Kartenhülle.

„Aber ein bisschen hört nie auf.“

Ich war wegen meines jüngeren Bruders im Krankenhaus. Dieter lag zwei Gebäude weiter auf der Erwachsenenstation. Lungenkrebs, weit fortgeschritten. Ich hatte ihm vorgelesen, bis er eingeschlafen war, und wollte nur noch nach Hause.

Jetzt dachte ich an seine Hand unter meiner.

An diesen Jungen vor mir.

„Weiß deine Mutter, wie viel Angst du hast?“

„Die schläft. Zum ersten Mal seit gestern.“

„Und dein Vater?“

„Ist zu Hause. Morgen früh muss er arbeiten.“

Dann sah er mich plötzlich scharf an.

„Sagen Sie jetzt nicht, dass ich stark sein muss.“

„Hatte ich nicht vor.“

„Das sagen alle.“

„Dann haben es offenbar schon genug gesagt.“

Zum ersten Mal hob er den Kopf ein wenig.

Ich zeigte auf die Karte in seiner Hand. Darauf war ein roter Drache mit goldenen Flügeln.

„Wer ist denn der?“

„Glutwächter.“

„Aha.“

„Sie kennen das gar nicht.“

„Kein bisschen.“

Er betrachtete mich, als wäre das die erste glaubwürdige Aussage des Abends.

Als die Pflegekraft aus dem Treppenhaus kam, zuckte Jonas zusammen. Eine zweite Mitarbeiterin blieb mit etwas Abstand stehen.

„Jonas“, sagte die Frau ruhig. „Wir haben dich gesucht.“

Er presste die Karte an die Brust.

„Ich wollte nur weg.“

„Das sehe ich.“

Sie ging vor ihm in die Hocke und fragte ihn nach den Medikamenten. Ich gab ihr die Packung. Jonas beantwortete ihre Fragen, leise und widerwillig, aber er antwortete.

Dann sah er mich an.

„Gehen Sie jetzt?“

Ich hatte den Autoschlüssel schon in der Hand. Nicht, weil ich gehen wollte. Aus alter Gewohnheit.

Ich steckte ihn wieder ein.

„Ich kann noch bleiben.“

Auf dem Weg zur Station lief er zwischen uns. Nach wenigen Metern musste er sich setzen. Die Pflegekraft holte einen Rollstuhl, und Jonas schaute beschämt auf seine Füße.

„Ist heute kein Laufwettbewerb“, sagte ich.

Er schnaubte kurz durch die Nase.

Es war noch kein Lachen. Aber immerhin.

Seine Mutter wartete vor dem Stationszimmer. Barfuß, mit einer Strickjacke über dem Nachthemd und einem Gesicht, das ich nie vergessen werde.

„Jonas.“

Mehr brachte sie zunächst nicht heraus.

Sie wollte ihn umarmen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. Er streckte selbst die Hand nach ihr aus. Erst dann beugte sie sich zu ihm.

Ich blieb ein paar Schritte zurück.

Später erzählte ich der Ärztin genau, was er gesagt hatte. Es fühlte sich an, als würde ich sein Vertrauen verraten. Aber den Satz eines Elfjährigen, er wolle nicht mehr aufwachen, konnte ich nicht für mich behalten.

Als ich gehen wollte, rief er mich noch einmal.

„Rolf?“

Ich drehte mich um.

„Der Glutwächter kann sich entwickeln.“

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