Ein kranker Junge bot mir seine wertvollste Karte und stellte eine unerträgliche Frage

Helga war sieben Jahre zuvor gestorben. Wir waren zweiundvierzig Jahre verheiratet gewesen. Nach der Beerdigung hatten alle gesagt, ich solle mich melden, wenn etwas sei.

Ich hatte mich nicht gemeldet.

Ich hatte morgens zwei Tassen aus dem Schrank genommen und abends eine unbenutzt zurückgestellt. Irgendwann hatte ich nicht mehr gewusst, wozu ich überhaupt aufstehen sollte.

„Da gab es einen Abend, an dem ich nicht sicher war, ob ich allein bleiben konnte“, sagte ich.

Jonas bewegte sich nicht.

„Und dann?“

„Dann stand Dieter vor der Tür. Mein Bruder. Ich hatte drei Tage nicht ans Telefon gegangen.“

„Was hat er gemacht?“

„Ist geblieben. Hat mit mir Hilfe organisiert. Und am nächsten Morgen hat er behauptet, mein Kaffee wäre eine Zumutung.“

Jonas musste lächeln.

„War er das?“

„Ist er bis heute.“

Ich sah ihn an.

„Ich erzähle dir das nicht, weil bei uns alles gleich ist. Ist es nicht. Nur damit du weißt: Man kann Dinge denken, für die man sich schämt. Und trotzdem darf jemand kommen.“

Vor Beginn der Behandlung brachte ich ein Foto mit.

Darauf stand mein alter hellblauer Kleinbus vor einer Scheune. Ich hatte ihn über Jahre wieder hergerichtet. Helga und ich waren früher damit an die Nordsee gefahren.

„Wenn du irgendwann darfst und magst“, sagte ich, „fahren wir damit zum See. Mit deiner Familie. Auf dem Rückweg gibt es ein Eis.“

Jonas betrachtete das Bild.

„Fährt der noch?“

„Besser als ich.“

„Hat der Gurte?“

„Natürlich.“

Er nickte fachmännisch.

„Und keine Schlagermusik.“

„Du stellst harte Bedingungen.“

Die Wochen danach wurden schwer.

Es gab Tage, an denen die Karten unberührt blieben. Tage, an denen Jonas nur dalag und die Augen geschlossen hielt. Ich lernte, dass ein Besuch auch daraus bestehen konnte, zwanzig Minuten still auf einem Stuhl zu sitzen.

Manchmal durfte ich wegen der Schutzmaßnahmen gar nicht zu ihm.

Dann spielten wir über einen Bildschirm. Anne hielt die Kamera, und Jonas erklärte mir mit schwacher Stimme, dass ich schon wieder einen völlig unsinnigen Zug gemacht hatte.

„Du musst vorausdenken, Rolf.“

Beim ersten Du wusste ich nicht, ob er es bemerkt hatte.

Ich sagte nichts.

In der dritten Woche bekam er eine schwere Infektion. Anne rief mich am frühen Morgen an.

„Er liegt auf der Intensivstation.“

Ich fuhr hin, obwohl ich wusste, dass ich nicht einfach hineinspazieren konnte. Sven saß im Wartebereich und hielt zwei unberührte Becher Kaffee.

Ich setzte mich neben ihn.

Wir redeten fast eine Stunde lang nicht.

Schließlich fragte er: „Glauben Sie, dass das noch gut wird?“

„Ich hoffe es.“

Er nickte. Mehr hatte ich ihm nicht anzubieten.

Als Jonas einige Tage später wieder mit mir sprechen konnte, fragte er als Erstes: „Hast du geübt?“

„Jeden Tag.“

„Auch Verteidigung?“

„Besonders die.“

Seine Lippen waren trocken, die Stimme kaum zu hören.

„Dann hast du vielleicht eine Chance.“

Während Jonas langsam wieder zu Kräften kam, wurde mein Bruder schwächer.

Ich fuhr von einer Station zur anderen. Einmal erzählte ich Dieter von dem Jungen und dem roten Drachen.

„Du mit Sammelkarten“, murmelte er.

„Ich bin vielseitig.“

„Du hast dreißig Jahre dasselbe Mittagessen bestellt.“

Er lächelte noch einmal.

Dieter starb acht Wochen nach jener Nacht im Parkhaus.

Ich fehlte vier Tage bei Jonas. Anne schrieb mir, ich solle mir alle Zeit nehmen. Ich saß zu Hause am Küchentisch und sah auf den zweiten Stuhl.

Am fünften Tag klingelte das Handy.

Auf dem Bildschirm erschien Jonas’ Gesicht.

„Mama hat es mir gesagt.“

Ich nickte.

Eine Weile hörte man nur Geräte im Hintergrund.

„Du musst heute nicht spielen“, sagte er. „Wir können auch nur hier sitzen.“

Also saßen wir.

Er in seinem Krankenhausbett. Ich in meiner Küche.

Irgendwann nahm ich die Brille ab, weil ich durch die Gläser nichts mehr erkennen konnte. Jonas sagte nichts dazu.

Als wir auflegten, war es draußen dunkel geworden. Zum ersten Mal seit Tagen machte ich mir etwas Warmes zu essen.

Nach und nach besserten sich seine Werte. Er schaffte zunächst den Weg zur Tür, später bis zum Stationsstützpunkt. Einmal aß er einen halben Teller Kartoffelsuppe und erklärte, seine Großmutter koche besser.

Anne erzählte mir davon, als wäre es eine Auszeichnung.

Die Ärzte blieben vorsichtig. Es gab weiterhin Medikamente, Kontrollen und Risiken, über die niemand leichtfertig hinwegredete.

Aber irgendwann durfte Jonas nach Hause.

Ich wartete nicht mit dem Kleinbus vor dem Eingang. Für Ausflüge war es viel zu früh.

Ich stand mit einer kleinen Tüte im Flur.

Darin war ein gebrauchter Kartensatz, den er selbst ausgesucht hatte.

„Damit du nicht aus der Übung kommst“, sagte ich.

„Du meinst, damit du weiter verlieren kannst.“

„Jeder braucht eine Aufgabe.“

Zu Hause wurde nicht alles wie früher.

Mila musste ihren Bruder erst wieder im Alltag kennenlernen. Sven arbeitete noch immer zu viel, nahm aber inzwischen Unterstützung an. Anne lernte langsam, für einen Nachmittag das Haus zu verlassen, ohne ununterbrochen auf ihr Telefon zu sehen.

Jonas hatte gute Tage und Tage, an denen ein kleiner Schmerz große Angst auslöste.

Dann redete er mit seinen Eltern. Oder mit der Psychologin. Manchmal auch mit mir.

Nicht jeder Anruf handelte von Karten.

Ein halbes Jahr später machten wir den Ausflug zum See.

Seine Ärztin hatte keine Einwände, wir planten Pausen ein, und Anne packte genug ein, um vermutlich auch eine kurze Belagerung zu überstehen. Mila saß neben ihrem Bruder auf der Rückbank.

Nach zehn Minuten fragte sie: „Warum ist hier keine Musik?“

Jonas und ich sahen uns im Rückspiegel an.

„Vertragliche Gründe“, sagte ich.

Am See blieben wir auf einer Bank sitzen. Sven und Mila holten Eis, Anne machte ein Foto. Jonas hielt sein Gesicht in die Sonne.

„So hatte ich mir das vorgestellt“, sagte er.

„Was?“

„Einfach irgendwo sein.“

Später, zurück am Wagen, drückte er mir eine feste Schutzhülle in die Hand.

Der Glutwächter.

„Nein“, sagte ich sofort.

„Doch.“

„Den wolltest du doch behalten.“

„Ich habe lange überlegt.“

Ich gab ihm die Karte zurück, aber er ließ sie nicht los.

„Damals wollte ich dich damit bezahlen“, sagte er. „Jetzt will ich sie dir schenken. Das ist was anderes.“

Ich sah zu Anne. Sie nickte kaum merklich.

„Dann passe ich darauf auf.“

„Nicht ins Portemonnaie stecken. Die knickt.“

„Jawohl.“

Er grinste.

„Du lernst.“

Sechs Jahre sind seitdem vergangen.

Jonas ist siebzehn. Er hat Haare, die ihm ständig in die Stirn fallen, und Schuhe, die aussehen, als wären sie für zwei Menschen gemacht. Seine Kontrollen gehören noch immer zu seinem Leben. Seine Pläne zum Glück auch.

Er möchte Abitur machen. Vielleicht später Medizin studieren.

„Aber erst mal die nächste Mathearbeit“, sagt Anne.

Er spielt wieder Turniere und hat einige gewonnen. Wenn ich mitkomme, stellt er mich als seinen ältesten Schüler vor. Nicht als seinen besten.

Damit kann ich leben.

Im vergangenen Monat waren wir gemeinsam im Krankenhaus. Jonas hatte einen Kontrolltermin, danach wollte er zur Station. Er hilft gelegentlich bei einem Spielenachmittag mit, natürlich abgesprochen und begleitet.

Auf dem Rückweg blieb er im Parkhaus stehen.

Ebene drei.

Der Pfeiler war neu gestrichen worden.

„Hier“, sagte er.

Ich nickte.

Eine Frau schob ihren Einkaufstrolley zu einem Auto. Irgendwo fiel eine Tür zu. Es war heller Nachmittag.

Jonas lehnte sich an den Beton.

„Damals war ich sauer, weil du Hilfe geholt hast.“

„Das weiß ich.“

„Ich dachte, du hörst mir doch nicht zu.“

„Ich hatte Angst, dich zu verlieren, bevor ich überhaupt wusste, wer du bist.“

Er sah mich an.

„Du hast beides gemacht.“

„Was?“

„Zugehört. Und jemanden geholt.“

Ich brauchte einen Moment, bevor ich antworten konnte.

„Allein hätte ich das nicht gekonnt.“

Er nickte langsam.

Dann fragte er: „Warum hast du mir nie gesagt, wie schlecht es dir nach Dieters Tod ging?“

„Ich wollte dir nicht noch mehr aufladen.“

Sein Blick veränderte sich.

Ich kannte diesen Blick. So sah er mich an, wenn ich beim Spielen einen Fehler machte, den wir längst besprochen hatten.

„Das war doch genau unser Problem“, sagte er.

Ich schaute auf meine Schuhe.

„Ja“, sagte ich. „War es wohl.“

Er stieß mich leicht mit der Schulter an.

„Du darfst auch anrufen.“

Am Sonntag darauf kam er zum Spielen.

Ich hatte den Tisch freigeräumt und zwei Tassen hingestellt. Für ihn Kakao, für mich Kaffee. Der Glutwächter stand in seiner Hülle auf dem Regal neben einem Foto von Helga und Dieter.

Jonas blieb davor stehen.

„Immer noch unbeschädigt.“

„Ich halte mich an Anweisungen.“

„Beim Spielen leider nicht.“

Er setzte sich und mischte die Karten. Ich holte den Kuchen aus der Küche.

Als ich zurückkam, hatte er schon ausgeteilt.

„Rolf?“

„Ja?“

„Nächste Woche wieder?“

Ich stellte die Teller zwischen uns.

„Nächste Woche wieder.“

Dann schob er mir meine Karten hin und wartete, bis ich die Brille aufgesetzt hatte.

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