Ich verstand nicht.
Er hob die Karte.
„Sie hatten gefragt, wer das ist.“
„Dann wirst du mir das wohl erklären müssen.“
„Das dauert.“
„Ich bin Rentner“, sagte ich. „Ich habe schon für Unwichtigeres Zeit verschwendet.“
Am nächsten Nachmittag stand ich wieder vor seinem Zimmer.
Diesmal hatte ich eine saubere Jacke an. Seine Mutter musterte mich trotzdem vorsichtig.
„Ich bin Anne“, sagte sie.
„Rolf. Ich war gestern der mit den schlechten Knien.“
„Jonas hat gefragt, ob Sie kommen.“
Sie trat zur Seite.
Er saß im Bett, die Karten auf der Decke verteilt. Neben ihm stand ein Stuhl. Auf dem lag ein Blatt Papier.
„Die Grundregeln“, sagte er.
„So viele?“
„Das sind erst die einfachen.“
Ich setzte meine Lesebrille auf. Jonas sah mich dabei mit einer Ernsthaftigkeit an, die ich aus der Lehrwerkstatt kannte.
Endlich war er derjenige, der etwas wusste.
Er erklärte mir Angriffspunkte, Schutzkarten und die Frage, warum ein starkes Wesen allein noch kein gutes Spiel machte. Ich verwechselte beinahe alles.
„Sie können nicht einfach die teuerste Karte hinlegen.“
„Warum nicht?“
„Weil Sie keine Energie dafür haben.“
„Kommt mir bekannt vor.“
Da lachte er.
Anne stand am Fenster und wandte das Gesicht ab. Ich tat so, als hätte ich es nicht gesehen.
In den folgenden Tagen erfuhr ich Stück für Stück, wie die Krankheit in dieser Familie gewohnt hatte.
Jonas war acht gewesen, als sie angefangen hatte. Erst fehlte er im Unterricht, dann bei Geburtstagen, irgendwann fast überall. Seine Freunde wussten nicht mehr, worüber sie mit ihm reden sollten.
„Die fragen immer, wann ich wieder gesund bin“, sagte er. „Als hätte ich einen Kalender dafür.“
Seine kleine Schwester Mila lebte während der langen Aufenthalte oft bei der Großmutter. Der Vater, Sven, arbeitete als Elektriker. Anne hatte ihre Stunden in einer Bäckerei immer weiter reduziert, bis sie schließlich ganz ausgesetzt hatte.
Die medizinische Behandlung wurde bezahlt. Aber der Alltag wurde trotzdem teuer und eng.
Fahrten zur Klinik. Parkgebühren. Weniger Einkommen. Eine kaputte Waschmaschine, die ausgerechnet dann kaputtging, wenn nichts mehr übrig war. Und Briefe, für die keiner die Kraft hatte.
„Papa hat sein Auto verkauft“, sagte Jonas eines Nachmittags.
„Brauchte er es noch?“
„Wir hatten zwei. Jetzt nur eins. Aber früher hat er es so gern gewaschen.“
Er drehte eine Karte um.
„Opa hilft auch. Obwohl er selber kaum Geld hat.“
Dann kam der Satz, den er offenbar schon lange mit sich herumtrug.
„Wegen mir geht alles kaputt.“
Ich legte meine Karten hin.
„Hat dir das jemand gesagt?“
„Muss man nicht sagen.“
Er sah zur Tür.
„Mama weint auf dem Flur. Papa schreit manchmal wegen Kleinigkeiten. Mila hat gefragt, warum ich immer wichtiger bin.“
Ich suchte nach einer Antwort und fand keine, die klein genug für das Zimmer gewesen wäre.
Also sagte ich nur: „Das musst du ihnen erzählen.“
„Dann sind sie noch trauriger.“
„Vielleicht verstehen sie dann endlich, was du bisher allein getragen hast.“
Zwei Tage später bat mich Anne, bei einem Gespräch dabeizubleiben. Jonas hatte es so gewollt. Seine Ärztin saß mit am Tisch, ebenso die Psychologin, die ihn inzwischen regelmäßig besuchte.
Sven kam direkt von der Arbeit. An seiner Hose klebte weißer Staub.
Jonas sprach kaum hörbar.
„Ich dachte, wenn ich nicht mehr da bin, könnt ihr wieder normal leben.“
Sven beugte sich nach vorn, als hätte ihm jemand die Luft aus dem Bauch geschlagen.
„Junge.“
Dann schwieg er lange.
„Ich bin wütend“, sagte er schließlich. „Ständig. Auf die Krankheit. Auf mich, weil ich nichts reparieren kann. Auf Rechnungen und rote Ampeln. Aber nicht auf dich.“
Jonas blickte auf den Tisch.
„Du hast gesagt, so geht es nicht weiter.“
„Ja“, sagte Sven. „Und ich hätte dir sagen müssen, was ich damit meine.“
Anne nahm Jonas’ Hand.
„Wir brauchen mehr Hilfe. Das stimmt. Aber du bist nicht das, was bei uns falsch läuft.“
Ich saß daneben und dachte an all die Familien, die sich aus Liebe gegenseitig verschweigen, wie schlecht es ihnen geht.
Hinterher war nichts plötzlich einfach.
Aber Jonas fragte am nächsten Tag nicht mehr, wie viel ein Krankenhausbett wohl koste.
Er fragte, ob Mila beim nächsten Besuch ihr Kartenspiel mitbringen könne.
Die Entscheidung über die weitere Behandlung fiel nicht bei mir am Krankenbett.
Es gab Gespräche, Untersuchungen und Tage, an denen Jonas keine einzige medizinische Erklärung mehr hören wollte. Die Ärzte erklärten, was sie sich von einer zweiten Transplantation versprachen und welche Risiken bestanden. Auch seine Schmerzen und seine Angst wurden endlich nicht mehr bloß als Begleiterscheinung behandelt.
Einmal sagte er zur Ärztin: „Ich will nicht, dass Sie immer nur mit Mama reden.“
Sie zog ihren Stuhl näher.
„Dann reden wir jetzt mit dir.“
Später erzählte er mir das mit sichtbarer Genugtuung.
„Ich habe sechs Fragen gestellt.“
„Waren die Antworten brauchbar?“
„Nicht alle.“
„Dann musst du wohl noch mal nachfragen.“
Er nickte.
Als feststand, dass die Behandlung beginnen sollte, fragte er mich: „Würden Sie das machen?“
Ich strich über meine rauen Finger.
„Ich kann nicht wissen, wie es ist, du zu sein.“
Er sah enttäuscht aus.
„Aber ich kann morgen wiederkommen“, sagte ich. „Und übermorgen. Auch wenn du schlechte Laune hast.“
„Die hab ich oft.“
„Gut. Dann sind wir schon zu zweit.“
Er betrachtete mich eine Weile.
„Warum machen Sie das eigentlich?“
Ich hätte etwas Einfaches sagen können. Dass ich Zeit hatte. Dass das Krankenhaus ohnehin auf meinem Weg lag.
Stattdessen erzählte ich ihm von meiner Frau.
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