„Wie hieß sie noch mal?“
Er schluckte.
„Leni.“
„Magst du mir von ihr erzählen?“
Karl hob den Kopf.
Und dann weinte er.
Nicht laut. Er hielt eine Hand vor die Augen und versuchte zweimal, etwas zu sagen, ohne dass ein Wort herauskam.
Emma lehnte sich an seinen Arm.
Die Bedienung stellte Taschentücher auf den Tisch. Dann zog sie die Tür zur Küche leise zu.
Wir blieben fast zweieinhalb Stunden.
Karl erzählte von einem Kind, das Regenwürmer vom Gehweg gesammelt hatte, damit niemand darauf trat. Von einer roten Gießkanne, mit der Leni jedes Beet überflutete. Von einem schiefen Vogelhaus, das sie mit ihm gebaut hatte und das er bis heute aufbewahrte.
Seine Ehe hatte den Verlust nicht überstanden.
„Wir haben uns nichts mehr sagen können“, sagte er. „Und das, was wir gesagt haben, war oft falsch.“
Er und seine frühere Frau hatten noch gelegentlich Kontakt. Eine Nachricht zum Geburtstag, ein kurzer Anruf vor Weihnachten. Mehr schafften sie meistens nicht.
Nach vierundvierzig Arbeitsjahren war er in Rente gegangen. Die Kollegen hatten eine Bank für seinen Garten gebaut.
„Alle meinten, jetzt hätte ich endlich Zeit.“
Er sah auf seine Hände.
„Hatte ich dann auch. Jeden verdammten Tag.“
Mehmet kam manchmal vorbei. Ein alter Kollege rief sonntags an. Eine Zeit lang hatte Karl regelmäßig mit einer Therapeutin gesprochen; nach dem Unfall am See hatte er wieder einen Termin vereinbart.
„Ich dachte, ich wäre weiter“, sagte er.
„Vielleicht kann man bei so etwas nicht einfach weiter sein.“
Er betrachtete mich prüfend.
Dann nickte er ein kleines bisschen.
Als wir gingen, fragte Emma: „Kommst du mal zum Abendbrot?“
Er sah mich an.
„Du musst nicht“, sagte ich. „Aber du darfst.“
„Wir haben meistens Käse“, ergänzte Emma. „Wenn Mama keine Lust hat zu kochen.“
„Emma.“
„Ist doch wahr.“
Karl lachte. Ein kurzer, überraschter Laut.
„Käse kann ich.“
Er kam am Donnerstag.
Anfangs blieb er genau eine Stunde. Er stellte die Schuhe ordentlich neben die Tür und saß auf der vorderen Stuhlkante. Wenn ich fragte, ob er noch einen Tee wolle, sah er zuerst auf die Uhr.
Emma redete genug für uns alle.
Sie erzählte von ihrer Lehrerin, von einem Streit auf dem Schulhof und von einer Schnecke, die angeblich schneller war als andere Schnecken.
Karl hörte so aufmerksam zu, dass sie irgendwann fragte: „Redest du eigentlich auch manchmal?“
„Wenn ich drankomme.“
Danach war er bei ihr endgültig beliebt.
Es ging langsam.
Er reparierte nicht sofort unser ganzes Haus und wurde auch nicht über Nacht ein fröhlicher Großvater. An manchen Donnerstagen sagte er ab. Einmal saß er zehn Minuten schweigend in der Küche, weil im Radio ein Lied gelaufen war, das Leni gemocht hatte.
Ich lernte, nicht jede Stille füllen zu müssen.
Und Karl lernte, dass eine Absage nicht bedeutete, dass wir ihn beim nächsten Mal nicht mehr fragten.
Daniel begegnete ihm zum ersten Mal an einem Sonntag.
Er stand im Flur, als Karl gerade Emmas klemmenden Fahrradständer prüfte.
„Sie sind Herr Hagedorn.“
Karl richtete sich auf.
Daniel streckte ihm die Hand hin und bekam dann kein Wort heraus.
Ich sah, wie sein Kiefer arbeitete.
„Schon gut“, sagte Karl.
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich muss das einmal sagen.“
Er hielt Karls Hand länger fest, als es üblich gewesen wäre.
„Danke für mein Kind.“
Karl blickte auf ihre Hände.
„Passen Sie gut auf sie auf.“
„Das tun wir.“
Später half Daniel ihm, den Werkzeugkasten zum Wagen zu tragen. Sie sprachen über einen undichten Gartenschuppen, und ich war dankbar für dieses gewöhnliche Gespräch.
Im Winter zeigte Karl Emma, wie man einen Fahrradschlauch flickt.
Sie wollte alles selbst machen und klebte den ersten Flicken schief auf.
„Das wird nichts“, sagte sie enttäuscht.
„Dann machen wir es noch mal.“
„Und wenn es wieder schief wird?“
Er schob ihr das Werkzeug hin.
„Dann wissen wir wenigstens, wo.“
Sie schaute ihn ernst an.
„Du bist ein guter Erklärer.“
Er tat, als müsse er dringend das Ventil kontrollieren.
Ein paar Wochen später zeigte er uns ein Foto von Leni.
Darauf stand sie in Gummistiefeln neben einem Beet. Ihre Haare klebten ihr an der Stirn, und sie hielt die rote Gießkanne mit beiden Händen.
Emma betrachtete das Bild.
„Sie hatte Sommersprossen.“
„Ja.“
„Ich nicht.“
„Nein.“
„Wir hätten trotzdem Freundinnen sein können.“
Karl strich über die Ecke des Fotos.
„Das glaube ich auch.“
Er legte das Bild danach nicht gleich wieder weg. Es stand den ganzen Abend neben dem Brotkorb.
Zum ersten Jahrestag fuhren wir gemeinsam an den See.
Emma war inzwischen acht. Sie hatte einen Schwimmkurs besucht, langsam und mit einer geduldigen Lehrerin. In tiefes Wasser wollte sie noch nicht, und niemand drängte sie.
Karl brachte einen kleinen Strauß Margeriten mit.
An einem Baum abseits der Liegewiese gab es eine schlichte Erinnerungsplakette für Leni. Ich war vorher nie nah genug herangegangen, um den Namen zu lesen.
Wir stellten die Blumen darunter.
Karl blieb lange stehen. Emma hielt meine Hand und bohrte mit der Schuhspitze in der Erde.
Irgendwann sagte sie: „Ich warte bei der Bank.“
Ich ging mit ihr und ließ ihn allein.
Als er zu uns kam, sah er müde aus. Aber er setzte sich, schraubte seine Thermoskanne auf und fragte, ob jemand Tee wolle.
Ich hatte Kuchen dabei.
Wir aßen von Servietten, während am anderen Ufer Kinder lachten. Karl erzählte, dass Leni einmal versucht hatte, einen Frosch in seiner Brotdose mit nach Hause zu nehmen.
Emma verschluckte sich fast vor Lachen.
Später sagte er zu mir: „Ich dachte, heute halte ich es hier keine fünf Minuten aus.“
„Sollen wir fahren?“
Er sah über das Wasser.
„Gleich. Noch nicht.“
Es war kein glücklicher Tag. Aber es war auch nicht nur ein schlimmer.
Einige Monate danach veranstaltete Emmas Schule einen Tanznachmittag. Jedes Kind durfte einen erwachsenen Menschen mitbringen, der ihm wichtig war.
Daniel war beruflich unterwegs. Ich hätte Zeit gehabt, aber Emma hatte längst einen anderen Plan.
Sie fragte Karl.
„Ich kann nicht tanzen“, sagte er.
„Ich auch nicht richtig.“
„Dann sind wir ja hervorragend vorbereitet.“
Er kam in einem dunklen Sakko, dessen Ärmel etwas zu kurz waren. Seine Hände wirkten darin noch größer als sonst.
In der Turnhalle blieb er zunächst neben dem Ausgang stehen.
Zwischen den Lichterketten, den selbst gebastelten Sternen und den anderen Eltern sah er aus, als hätte ihn jemand an der falschen Adresse abgesetzt.
Emma bemerkte nichts davon.
Sie nahm seine Hand und führte ihn mitten auf die Tanzfläche.
Er bewegte sich vorsichtig, auch wegen seines Knies. Sie hüpfte mehr, als sie tanzte, und schimpfte lachend, als er beinahe auf ihren Fuß trat.
Ich stand am Rand und hielt mein Handy in der Hand.
Diesmal fragte ich.
„Darf ich ein Bild machen? Nur für uns.“
Karl sah zu Emma herunter.
Sie nickte begeistert.
Also machte ich eines.
Darauf blickt er nicht in die Kamera. Er schaut auf meine Tochter, die ihm gerade etwas erzählt. Sein Mund steht ein wenig offen, als würde er gleich antworten.
Später bat er mich um einen Abzug.
„Für die Kommode“, sagte er.
Ich wusste, welches Foto dort bereits stand.
Ein paar Tage darauf brachte Emma ihm das Bild persönlich vorbei. Als er die Tür öffnete, roch es nach Kaffee und frisch geschliffenem Holz.
Auf seiner Werkbank stand ein Vogelhaus.
Das Dach war neu. Eine Seitenwand war alt und schief.
„Das hast du mit Leni gebaut“, sagte Emma.
Karl nickte.
„Die Wand wollte ich erst ersetzen.“
„Warum hast du nicht?“
Er fuhr mit dem Finger über einen krummen Nagel.
„Weil sie den eingeschlagen hat.“
Emma beugte sich darüber.
„Dann muss der bleiben.“
„Ja“, sagte er. „Der bleibt.“
Heute steht unser Foto neben Lenis Bild auf seiner Kommode.
Karl hat noch immer Tage, an denen er nicht ans Telefon geht. Er vermisst seine Tochter, und wir haben nie versucht, ihm das auszureden. Emma ist Emma. Leni bleibt Leni.
Aber wenn er inzwischen später zurückruft, sagt er manchmal: „War heute schwierig.“
Dann frage ich, ob ich die Suppe warm halten soll.
Meistens kommt er.
Neulich hörte ich ihn im Flur lachen, während Emma ihm erklärte, dass er beim nächsten Tanz unbedingt andere Schuhe brauche.
Er wollte gerade gehen. Seine Jacke hatte er schon an, den Schlüssel in der Hand.
„Bis Donnerstag“, sagte sie.
Karl nickte.
Dann zog er die Jacke wieder aus.
„Wenn noch ein bisschen Tee da ist“, sagte er, „könnte ich auch noch einen Moment bleiben.“






