Der Hund wartete monatelang auf seinen verstorbenen Menschen bis er in mir plötzlich Hoffnung roch

Ich kannte dieses Warten.

Vielleicht nicht auf dieselbe Art.

Aber ich kannte es.

Nach Mariannes Tod hatte ich fast ein Jahr lang ihren Mantel an der Garderobe hängen lassen.

Nicht weil ich glaubte, sie würde ihn noch brauchen.

Ich wusste sehr genau, dass sie nicht wiederkam.

Aber ihn wegzuhängen hätte bedeutet, etwas zuzugeben, wozu ich noch nicht bereit war.

Also hing er da.

Monat für Monat.

Ihr Schal lag noch in der Schublade.

Ihre Tasse stand im Küchenschrank ganz vorne.

Und wenn nachts irgendwo im Haus Holz arbeitete, gab es manchmal eine halbe Sekunde, in der mein Kopf dachte: Marianne.

Nur eine halbe Sekunde.

Aber danach tat es jedes Mal wieder weh.

Mein Hund Bessie hatte mich damals durch diese Zeit gebracht.

Zwölf Jahre war sie alt gewesen.

Eine völlig unspektakuläre braune Mischlingshündin mit krummen Vorderpfoten und der Angewohnheit, beim Schlafen zu schnarchen.

Wenn ich morgens nicht aufstehen wollte, stellte sie sich neben mein Bett.

Wenn ich nichts essen wollte, saß sie so lange in der Küche, bis ich zumindest Brot schnitt.

Wenn ich abends zu lange auf Mariannes leeren Sessel starrte, legte Bessie ihren Kopf auf mein Knie.

Sie hat mich nicht getröstet.

Nicht wirklich.

Sie hat mich beschäftigt genug gehalten, um nicht unterzugehen.

Letzten Winter musste ich mich von ihr verabschieden.

Seitdem stand ihr Wassernapf noch immer neben der Küchentür.

Sauber.

Leer.

Ich hatte ihn nie weggeräumt.

Und seitdem sagte ich jedem, der mich fragte, dass ich keinen Hund mehr wollte.

Zu alt.

Zu viel Arbeit.

Zu teuer.

Zu wenig Freiheit.

Das waren meine Antworten.

Die Wahrheit war einfacher.

Ich wollte nie wieder einen Hund verlieren.

Mein Blick wanderte zu meinem Beifahrersitz.

Durch die Scheibe sah ich den ganzen Müll, den ich dort angesammelt hatte.

Alte Zeitungen.

Quittungen.

Eine Jacke.

Werkzeug.

Zwei leere Kaffeebecher.

Seit Bessie nicht mehr da war, saß dort sowieso niemand.

Ich griff in meine Jackentasche.

Meine Finger fanden eine kleine Packung getrockneter Fleischstreifen.

Lena sah es.

„Sie haben keinen Hund mehr?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Alte Gewohnheit.“

Ich riss die Packung auf.

Der Geruch erreichte Taro sofort.

Ein Ohr bewegte sich.

Mehr nicht.

Ich hielt ihm einen Streifen hin.

„Na komm.“

Keine Reaktion.

„Ich weiß“, sagte ich leise.

Lena sah mich an, als würde sie sich fragen, ob ich mit ihr oder dem Hund sprach.

Ich sprach mit Taro.

„Ich bin nicht Matthias.“

Sein Ohr zuckte wieder.

„Tut mir leid.“

Ich hielt den Fleischstreifen etwas näher.

„Ich kann auch nichts dafür, dass mein Wagen klingt wie seiner.“

Taro hob den Kopf ein paar Zentimeter.

„Und offenbar haben wir beide einen schlechten Geschmack bei Hemden.“

Lena lachte kurz durch ihre Tränen.

Ich sah weiter nur den Hund an.

„Aber du hast recht.“

Ich setzte mich ganz auf den Boden.

Das Aufstehen würde später ein Problem werden.

„Der Geruch stimmt nicht.“

Taro schnupperte.

„Ich rieche nicht nach deinem Menschen.“

Er zog die Nase einmal hoch.

„Ich rieche nach Diesel, Holzstaub, dieser widerlichen Seife und wahrscheinlich nach Kaffee.“

Seine Augen blieben auf mir.

„Und nach einem alten Mann, der seit Jahren so tut, als käme er allein bestens zurecht.“

Jetzt wurde Lena ganz still.

Ich weiß nicht, warum ich weiterredete.

Vielleicht weil Hunde nicht unterbrechen.

„Meine Frau hieß Marianne.“

Taro blickte mich an.

„Sie ist auch nicht zurückgekommen.“

Ich schluckte.

Selbst nach sechs Jahren blieb dieser Satz schwer.

„Dann hatte ich noch Bessie.“

Ich zog den Fleischstreifen etwas zurück.

Taro folgte ihm mit den Augen.

„Die ist letzten Winter gegangen.“

Meine Stimme wurde leiser.

„Seitdem schließe ich abends die Haustür auf und niemand interessiert sich dafür.“

Taro setzte langsam eine Vorderpfote unter seinen Körper.

„Weißt du, was das Schlimmste an einem leeren Haus ist?“

Ich sah kurz zu Lena.

Dann wieder zu ihm.

„Es bleibt genauso ordentlich, wie man es verlassen hat.“

Taro hob jetzt den Kopf ganz.

„Keine Pfotenabdrücke.“

Ich hielt ihm den Streifen hin.

„Keine Haare auf dem Teppich.“

Seine Nase berührte meine Finger.

„Keiner, der um vier Uhr morgens meint, unbedingt trinken zu müssen.“

Er roch lange.

Dann nahm er den Fleischstreifen.

Lena sog hörbar die Luft ein.

Taro kaute.

Langsam.

Als hätte er vergessen, wie das ging.

Ich holte einen zweiten heraus.

Er nahm auch den.

Lena hielt beide Hände vor den Mund.

„Er hat heute noch nichts gefressen.“

„Dann sollte er nicht so schnell machen.“

Ich gab ihm nur ein kleines Stück.

Taro schluckte.

Dann kam er näher.

Nicht so wie vorher.

Keine Euphorie.

Kein verzweifeltes Springen.

Er setzte sich einfach vor mich und roch wieder an meinem Hemd.

Diesmal wich er nicht zurück.

Er wusste jetzt, dass ich der Falsche war.

Vielleicht war genau das der Unterschied.

„Ich kann Matthias nicht ersetzen“, sagte ich.

Taro blinzelte.

„Und du kannst Marianne nicht ersetzen.“

Ich strich ihm vorsichtig über die Stirn.

„Bessie auch nicht.“

Sein Fell fühlte sich rau an.

Zu trocken.

Aber darunter war Wärme.

„So funktioniert das wahrscheinlich sowieso nicht.“

Ich atmete langsam aus.

„Vielleicht muss keiner ersetzt werden.“

Lena begann wieder zu weinen.

Leise diesmal.

Ich sah zum Transporter.

Dann traf ich eine Entscheidung, die ich noch zehn Minuten vorher für völlig bescheuert gehalten hätte.

Ich stemmte mich hoch.

Meine Knie beschwerten sich sofort.

Ich öffnete die Beifahrertür.

Mit dem Unterarm fegte ich Zeitungen, Jacke und Quittungen vom Sitz.

Ein leerer Becher fiel auf den Boden.

„Rolf?“

Ich drehte mich zu Lena.

„Was machen Sie?“

„Weiß ich noch nicht.“

Ich klopfte auf den Sitz.

Taro beobachtete mich.

„Na?“

Er blieb sitzen.

„Ich hab keine Ahnung, was ein Hund wie du normalerweise so für Ansprüche stellt.“

Ein Ohr ging hoch.

„Aber der Sitz ist frei.“

Taro stand auf.

Seine Beine zitterten sichtbar.

Er machte einen Schritt.

Dann blieb er stehen.

Er sah zurück zum Eingang des Landhandels.

Lange.

Als würde dort jemand stehen, den wir beide nicht sehen konnten.

Lena begann zu schluchzen.

Taro sah wieder zu mir.

Ich klopfte noch einmal auf den Sitz.

„Ich verspreche dir nichts.“

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