Der Hund wartete monatelang auf seinen verstorbenen Menschen bis er in mir plötzlich Hoffnung roch

Der Hund machte einen weiteren Schritt.

„Kein Happy End.“

Noch einen.

„Keine Wunder.“

Er stand jetzt direkt vor der offenen Tür.

„Nur eine Fahrt.“

Taro hob die Vorderpfoten auf die Einstiegskante.

Er schaffte es beim ersten Versuch nicht.

Ich griff unter seine Brust und half ihm hoch.

Dann stand er auf meinem Beifahrersitz.

Steif.

Unsicher.

Er schaute durch die Windschutzscheibe.

Lena starrte ihn an.

„Seit Matthias gestorben ist, war er in keinem Auto mehr.“

Ich sah sie an.

„Gar nicht?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Er weigert sich.“

Taro setzte sich.

Sein Schwanz lag still neben ihm.

„Bitte nehmen Sie ihn ein Stück mit.“

Lenas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Nur eine Runde.“

Ich sah Taro an.

„Was meinst du?“

Er reagierte nicht.

„Sehr gesprächig bist du nicht.“

Lena lächelte durch ihre Tränen.

Ich stieg ein.

Als ich den Schlüssel drehte, sprang der Motor mit seinem üblichen hässlichen Rattern an.

Taro zuckte zusammen.

Sein Kopf schoss hoch.

Für einen kurzen Moment sah ich diese alte Hoffnung wieder in seinem Gesicht.

Dann drehte er sich zu mir.

Er roch meine Hand.

Und diesmal blieb er.

Ich legte die Hand auf seinen Kopf.

„Ja“, murmelte ich. „Immer noch der Falsche.“

Seine Augen schlossen sich halb.

„Aber vielleicht reicht der Falsche für heute.“

Ich fuhr nicht weit.

Eine halbe Stunde vielleicht.

Durch ein paar Dörfer, über ruhige Landstraßen, vorbei an Feldern und kleinen Werkstätten.

Taro stand die meiste Zeit auf dem Sitz.

Er beobachtete alles.

Manchmal hob er die Nase.

Als würde er noch suchen.

Als wir zurückkamen, wartete Lena draußen.

Ich öffnete die Tür.

Taro sprang nicht hinaus.

Er sah mich an.

Dann sah er Lena an.

Dann wieder mich.

„Ich glaube“, sagte Lena vorsichtig, „er will noch nicht aussteigen.“

Ich griff ans Lenkrad.

„Das ist ungünstig.“

Sie lachte.

Ich tat es auch.

Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile hörte sich mein eigenes Lachen nicht fremd an.

Eine Stunde später fuhr Taro mit mir nach Hause.

Nicht für immer.

Das sagte ich zumindest.

Nur für eine Nacht.

Lena gab mir sein Futter, seine Decke und ihre Telefonnummer.

„Wenn es nicht geht, rufen Sie an.“

„Natürlich.“

„Auch mitten in der Nacht.“

„Ich bin siebenundsechzig. Mitten in der Nacht bin ich sowieso wach.“

Sie umarmte Taro lange.

Dann sagte sie etwas ganz leise in sein Ohr.

Ich fragte nicht, was.

Auf der Fahrt legte er sich irgendwann hin.

Sein Kopf ruhte auf meiner alten Jacke.

Als wir ankamen, öffnete ich die Haustür.

Zum ersten Mal seit Bessies Tod blieb ich nicht sofort im Flur stehen.

Normalerweise traf mich dort jeden Abend diese Stille.

Diesmal hörte ich Krallen auf den Fliesen.

Taro ging vorsichtig von Raum zu Raum.

Küche.

Wohnzimmer.

Schlafzimmer.

Dann fand er Bessies leeren Wassernapf.

Er roch daran.

Ich stand in der Tür.

„Den wollte ich längst wegräumen.“

Taro sah mich an.

Ich füllte ihn mit Wasser.

In dieser Nacht fraß er fast eine ganze kleine Portion.

Nicht viel.

Aber genug.

Kurz nach drei Uhr wachte ich aus einem Traum auf.

Krankenhausflur.

Neonlicht.

Marianne.

Ihre Hand.

Dieses schreckliche Gefühl, zu spät zu sein.

Ich fuhr hoch.

Mein Herz raste.

Dann spürte ich etwas Schweres auf meinem Fuß.

Taro lag neben meinem Bett.

Er hatte den Kopf auf meine Decke gelegt.

Als ich mich bewegte, hob er die Augen.

Mehr nicht.

„Alles gut“, murmelte ich.

Eigentlich wusste ich nicht, ob ich mit ihm oder mit mir sprach.

Am nächsten Morgen rief ich Lena an.

„Wie war es?“

„Er hat gefressen.“

Am anderen Ende war es still.

„Wirklich?“

„Fast alles.“

Sie begann zu weinen.

Ich schaute zu Taro.

Er lag mitten in meiner Küche und beobachtete mich.

„Ich bringe ihn heute Nachmittag zurück.“

Taro hob den Kopf.

Ich sah ihn an.

„Oder morgen.“

Sein Kopf sank wieder auf die Pfoten.

Ich räusperte mich.

„Vielleicht übermorgen.“

Lena lachte.

Taro blieb.

Aus einer Nacht wurden drei.

Aus drei Tagen wurde eine Woche.

Nach einem Monat brachte Lena seine restlichen Sachen.

Heute sind fast zwei Jahre vergangen.

Taro wartet nicht mehr jeden Abend um halb sechs an der Tür.

Manchmal hebt er noch den Kopf, wenn draußen ein alter Transporter vorbeifährt.

Manchmal bleibt er stehen, wenn ein Mann in Arbeitsstiefeln über einen Parkplatz läuft.

Vergessen hat er Matthias nicht.

Das soll er auch nicht.

Ich habe Marianne ebenfalls nicht vergessen.

Und Bessie schon gar nicht.

Jeden Sonntag fahren Taro und ich zum Friedhof.

Zuerst gehen wir zu Marianne.

Ich setze mich auf die kleine Bank gegenüber und erzähle ihr, was in der Woche passiert ist.

Früher fühlte ich mich dabei manchmal lächerlich.

Heute nicht mehr.

Taro liegt neben meinen Füßen.

Danach gehen wir ein paar Reihen weiter.

Dort liegt Matthias.

Lena hat mir gezeigt, wo.

Taro kennt den Weg inzwischen selbst.

Vor dem Grab legt er sich ins Gras.

Nicht traurig.

Nicht glücklich.

Einfach ruhig.

Manchmal bleibt er dort zehn Minuten.

Manchmal eine halbe Stunde.

Ich dränge ihn nie.

Denn ich glaube nicht mehr daran, dass man Trauer hinter sich lassen muss.

Man nimmt sie mit.

Man schafft nur irgendwann Platz für etwas anderes daneben.

Taro hat Matthias nicht ersetzt.

Ich habe Matthias nicht ersetzt.

Und Taro hat niemals Marianne oder Bessie ersetzt.

Das war nie unsere Aufgabe.

Wir sind einfach zwei alte Kerle geworden, die morgens gemeinsam aufstehen.

Einer macht Kaffee.

Der andere wartet auf Frühstück.

Einer fährt den Transporter.

Der andere hinterlässt Haare auf dem Sitz.

Und abends, wenn ich die Haustür aufschließe, höre ich wieder Schritte hinter mir.

Manchmal denke ich daran, wie Taro an diesem ersten Tag auf dem Beton zusammenbrach, nachdem er begriffen hatte, dass ich nicht der Mann war, auf den er wartete.

Damals dachte ich, ich hätte gesehen, wie ein Herz zerbricht.

Heute glaube ich, ich habe etwas anderes gesehen.

Ein Herz, das noch nicht wusste, dass es trotz eines Risses weiterschlagen kann.

Meins wusste es übrigens auch nicht.

Bis dieser ausgehungerte Hund in meinen alten Transporter sprang.

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