Drei Tage lang versteckte sich das verängstigte Kätzchen bis sein einsamer Besitzer weinte und etwas Unglaubliches geschah

Er fiel in die Edelstahlspüle.

Ein kurzer, harter Schlag.

Eigentlich nichts Besonderes.

Doch im nächsten Augenblick hörte ich hastige Pfotenschritte.

Emil schoss aus dem Schlafzimmer, rutschte auf den Küchenfliesen aus und stieß mit der Seite gegen ein Stuhlbein.

Dann flüchtete er unter mein Bett.

Ich stand wie angewurzelt da.

„Emil?“

Keine Antwort.

Ich ging langsam ins Schlafzimmer und kniete mich hin.

Unter dem Bett sah ich zwei weit aufgerissene Augen.

Sein kleiner Körper zitterte so stark, dass ich es sogar aus der Entfernung erkennen konnte.

Die Ohren waren flach angelegt. Er drückte sich gegen die Wand, als wolle er darin verschwinden.

Und etwas an seinem Blick traf mich mitten ins Herz.

Er sah nicht einfach nur erschrocken aus.

Er wirkte, als würde er auf etwas Schlimmeres warten.

Ich wusste nicht, was er vorher erlebt hatte. Aber dieser Gedanke ließ mich nicht los.

Vielleicht hatte er gelernt, dass laute Geräusche Ärger bedeuteten.

Vielleicht hatte er einfach so viele Veränderungen erlebt, dass ihm inzwischen alles Angst machte.

Ich setzte mich auf den Boden.

Eigentlich wollte ich sofort nach ihm greifen und ihn beruhigen.

Aber ich tat es nicht.

Denn plötzlich begriff ich etwas.

Nur weil ich es gut mit ihm meinte, musste er das noch lange nicht wissen.

Für mich war es ein heruntergefallener Löffel.

Für ihn war es ein Grund, um sein kleines Leben zu fürchten.

Also blieb ich sitzen.

„Du musst nicht rauskommen, Emil“, sagte ich.

Meine Stimme klang rauer, als ich erwartet hatte.

„Ich bleibe einfach hier.“

Fast zwanzig Minuten saß ich neben dem Bett.

Irgendwann hörte sein Körper auf zu zittern.

Aber er kam nicht heraus.

An diesem Abend aß ich mein Brot allein am Küchentisch und fragte mich, ob ich einen Fehler gemacht hatte.

Vielleicht war ich zu alt für ein junges Kätzchen.

Vielleicht hätte Emil jemanden gebraucht, der mehr Erfahrung hatte.

Vielleicht war meine Wohnung einfach nicht der richtige Ort.

Ich dachte sogar daran, Gisela anzurufen und sie um Rat zu fragen.

Doch als ich ins Schlafzimmer ging, sah ich den kleinen Transportkorb in der Ecke.

Die Tür stand noch immer offen.

Und ich erinnerte mich daran, wie oft Emil schon hatte umziehen müssen.

„Nein“, sagte ich leise. „Nicht schon wieder.“

Ich ließ die Schlafzimmertür offen und eine kleine Lampe brennen.

Mitten in der Nacht wurde ich von einem Geräusch geweckt.

Knuspern.

Ganz leise.

Dann Stille.

Wieder Knuspern.

Ich öffnete die Augen.

Im schwachen Licht sah ich Emil neben seinem Futternapf.

Er stand dort auf dünnen Beinchen, als wäre jeder Schritt ein großes Wagnis.

Ich bewegte mich nicht.

Er fraß noch drei oder vier Stückchen Trockenfutter.

Dann verschwand er wieder hinter dem Schrank.

Ich lag lange wach.

Und zum ersten Mal seit Karins Tod musste ich lächeln, obwohl niemand da war, der es sehen konnte.

Am vierten Abend holte ich ein Buch aus dem Regal.

Es war ein alter Kriminalroman, den ich schon vor Jahren gelesen hatte.

Ich setzte mich vor den Kleiderschrank und begann, laut vorzulesen.

Nicht besonders gut.

Ich hatte nie gern vor anderen Menschen vorgelesen.

Aber Emil war ein geduldiger Zuhörer.

Nach ungefähr zehn Minuten sah ich plötzlich etwas hinter einem Schuhkarton.

Zwei kleine Ohren.

Dann zwei Augen.

Emil beobachtete mich.

Ich las einfach weiter.

Als ich kurz zu ihm hinüberschaute, verschwand er sofort.

Trotzdem war es ein Anfang.

Am nächsten Abend wiederholte ich das Ganze.

Und am übernächsten auch.

Ich erzählte ihm manchmal von meiner Arbeit.

Von dem tropfenden Wasserhahn im Erdgeschoss. Von Frau Bergmann, die immer ihre Brille suchte, obwohl sie sie auf dem Kopf trug.

Und irgendwann auch von Karin.

„Meine Frau hätte dich bestimmt gemocht“, sagte ich eines Abends.

„Sie mochte Tiere. Nur meine alten Hausschuhe mochte sie nicht.“

Ich musste lachen.

Dann wurde ich still.

„Sie fehlt mir, weißt du.“

Emil blieb hinter seinem Schuhkarton.

Aber er lief nicht weg.

Und das genügte mir.

Nach einer Woche bemerkte ich kleine Veränderungen.

Sein Futternapf war morgens leer.

Manchmal fand ich ein Spielzeug an einer anderen Stelle.

Und eines Tages lag mein altes T-Shirt nicht mehr neben dem Transportkorb.

Emil hatte es bis unter das Bett gezogen.

Ich stand davor und starrte auf den Stoff.

Dieses alte, ausgeleierte Ding, das ich nicht hatte wegwerfen können.

Ausgerechnet das hatte er sich ausgesucht.

„Na gut“, murmelte ich. „Dann gehört es eben dir.“

Ich wusste nicht, ob er mich inzwischen mochte.

Aber vielleicht fühlte er sich mit meinem Geruch ein kleines bisschen sicherer.

Das war mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Dann kam dieser Donnerstag.

Es war ein schwieriger Tag gewesen.

In der Wohnanlage war eine Wasserleitung undicht geworden. Ich hatte stundenlang mit Handwerkern gesprochen, nasse Keller kontrolliert und Beschwerden entgegengenommen.

Am Nachmittag rief meine Tochter an.

Sie erzählte von den Kindern, von ihrer Arbeit und davon, dass sie an Weihnachten wahrscheinlich erst am zweiten Feiertag kommen könnten.

Ich sagte, das sei überhaupt kein Problem.

Natürlich verstand ich das.

Nachdem wir aufgelegt hatten, blieb ich lange mit dem Telefon in der Hand sitzen.

Dann ging ich in die Küche.

Ich wollte mir etwas kochen, aber mir fehlte der Appetit.

Stattdessen öffnete ich eine Schublade und fand einen kleinen Einkaufszettel.

Karins Handschrift.

„Milch, Kartoffeln, Kaffee, Martins Lieblingskekse.“

Ich weiß nicht, warum ausgerechnet dieser Zettel mich so traf.

Vielleicht, weil ich einen anstrengenden Tag gehabt hatte.

Vielleicht, weil niemand mehr meine Lieblingskekse aufschrieb.

Oder weil ich mich seit vier Jahren bemühte, im Alltag möglichst gut zurechtzukommen.

Ich setzte mich auf den Küchenboden, lehnte den Rücken gegen den Unterschrank und begann zu weinen.

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Es waren diese stillen Tränen, die man lange zurückhält, bis irgendwann etwas ganz Kleines genügt.

Ich hielt den Einkaufszettel in einer Hand und bedeckte mein Gesicht mit der anderen.

„Ach, Karin“, flüsterte ich.

Dann saß ich einfach da.

Ich weiß nicht, wie viele Minuten vergangen waren.

Plötzlich spürte ich etwas an meinem Handgelenk.

Eine winzige Berührung.

So leicht, dass ich zuerst dachte, ich hätte sie mir eingebildet.

Ich nahm langsam die Hand vom Gesicht.

Und da stand Emil.

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