Ich hatte meiner sterbenden besten Freundin versprochen, ihre alte Katze ins Tierheim zu bringen. Doch als ich sie dort abgeben wollte, geschah etwas, das mein Leben veränderte.
„Sie müssen nur noch dieses Formular unterschreiben. Dann kümmern wir uns um alles.“
Die junge Frau hinter dem Empfangstresen schob mir einen Kugelschreiber hin. Ich nahm ihn in die Hand, aber meine Finger zitterten so sehr, dass ich ihn kaum festhalten konnte.
Neben mir stand eine Transportbox. Darin saß eine alte graue Katze und sah mich durch das Metallgitter an.
Ich hatte ihr versprochen, dass ich sie wegbringen würde.
Nicht der Katze. Meiner besten Freundin.
Und jetzt, wo ich mein Versprechen endlich einlösen sollte, brachte ich es nicht übers Herz.
Mein Name ist Ingrid. Ich bin 74 Jahre alt, seit neun Jahren Witwe und wohne in einer kleinen Stadt in Niedersachsen.
Früher war unser Haus voller Leben. Mein Mann Karl arbeitete als Elektriker, unsere beiden Kinder gingen hier zur Schule, und am Wochenende saßen oft Freunde bei uns am Küchentisch.
Heute leben meine Kinder weit weg. Mein Sohn in Bayern, meine Tochter im Rheinland. Wir telefonieren regelmäßig, und zu Weihnachten kommen sie meistens zu Besuch.
Aber den größten Teil des Jahres bin ich allein.
Als Karl starb, habe ich lange gebraucht, um mich an die Stille zu gewöhnen.
Anfangs ließ ich abends den Fernseher laufen, selbst wenn ich gar nicht hinsah. Hauptsache, jemand sprach.
Später gewöhnte ich mich daran.
Irgendwann redete ich mir sogar ein, dass ich es so lieber hätte.
Ich stand jeden Morgen um halb sieben auf, kochte Kaffee, las die Zeitung und ging anschließend zum Bäcker. Mittags machte ich mir etwas Einfaches warm, abends sah ich fern.
Manchmal verging ein ganzer Tag, ohne dass ich mehr als drei Sätze mit einem anderen Menschen wechselte.
Nur bei einer Person war das anders.
Bei meiner besten Freundin Helga.
Helga und ich kannten uns seit fast fünfzig Jahren. Unsere Kinder waren zusammen aufgewachsen. Wir hatten uns gegenseitig beim Renovieren geholfen, Geburtstage gefeiert und später unsere Männer zu Grabe getragen.
Helgas Mann war sechs Jahre vor meinem Karl gestorben.
Seitdem verstanden wir uns noch besser.
Wir mussten einander nicht erklären, warum manche Sonntage besonders schwer waren. Oder weshalb man manchmal mitten beim Kaffeetrinken plötzlich still wurde.
Helga wohnte nur ein paar Straßen weiter, in einem kleinen Reihenhaus mit hellgelber Fassade.
Vor ihrer Haustür standen immer zu viele Blumentöpfe. Im Sommer blühten dort Geranien, im Herbst Chrysanthemen.
Und zwischen all diesen Blumen saß häufig eine graue Katze.
Minka.
Minka war damals schon alt. Niemand wusste genau, wie alt. Helga hatte sie vor vielen Jahren von einer Nachbarin übernommen, die in ein Pflegeheim gezogen war.
Die Katze hatte ein leicht eingerissenes Ohr, einen etwas krummen Schwanz und lief inzwischen ziemlich langsam.
Sie war keine besonders verschmuste Katze.
Wenn ich Helga besuchte, musterte Minka mich meistens vom Sofa aus. Manchmal kam sie näher und setzte sich neben meinen Stuhl.
Auf den Schoß wollte sie nie.
Helga sagte immer: „Die Minka braucht ihre Ruhe. Genau wie wir beide.“
Dann lachten wir.
Ich mochte Minka, aber eine eigene Katze hätte ich damals niemals gewollt.
Ich hatte genug damit zu tun, meinen Alltag allein zu bewältigen.
Das änderte sich, als Helga krank wurde.
Zuerst waren es nur Arzttermine. Dann musste sie häufiger ins Krankenhaus. Irgendwann schaffte sie es kaum noch, die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinaufzugehen.
Ich kaufte für sie ein, brachte ihr Suppe und kümmerte mich um die Blumen.
Minka fütterte ich natürlich auch.
Wenn Helga im Krankenhaus lag, kam ich zweimal am Tag vorbei. Ich wechselte das Wasser, machte das Katzenklo sauber und setzte mich manchmal für eine halbe Stunde ins Wohnzimmer.
Minka saß dann meistens auf Helgas Sessel.
Sie schaute mich an, als wollte sie fragen, wo ihre Besitzerin blieb.
„Sie kommt schon wieder“, sagte ich jedes Mal.
Am Anfang glaubte ich das selbst.
Dann kam der Tag, an dem der Arzt uns erklärte, dass Helga wahrscheinlich nicht mehr lange leben würde.
Ich saß neben ihrem Krankenhausbett und hielt ihre Hand.
Sie war dünn geworden. Ihre Wangen waren eingefallen, und das Sprechen kostete sie sichtbar Kraft.
Trotzdem wollte sie unbedingt noch etwas mit mir besprechen.
„Ingrid“, sagte sie, „du musst mir etwas versprechen.“
„Was denn?“
„Wenn ich nicht mehr nach Hause komme, bringst du Minka ins Tierheim.“
Ich sah sie erschrocken an.
„Helga, darüber müssen wir doch jetzt nicht reden.“
„Doch. Gerade jetzt.“
Sie drückte meine Hand.
„Du bist vierundsiebzig. Du hast selbst genug Sorgen. Ich möchte nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, dich um ein altes Tier zu kümmern.“
„Aber Minka kennt doch niemanden dort.“
„Ich weiß.“
Helga schluckte.
„Deshalb habe ich schon mit dem Tierheim gesprochen. Sie wissen Bescheid. Die nehmen sie auf und suchen jemanden, der sich um sie kümmert.“
Sie machte eine Pause, bevor sie weitersprach.
„Versprich mir, dass du sie hinbringst. Du sollst nicht wegen mir Verantwortung übernehmen müssen, die du gar nicht willst.“
Ich wollte widersprechen.
Doch als ich sie ansah, begriff ich, wie viel Kraft sie dieses Gespräch kostete.
Also nickte ich.
„Ich verspreche es dir.“
Helga lächelte schwach.
„Gut. Dann muss ich mir darüber wenigstens keine Sorgen mehr machen.“
Fünf Tage später starb sie.
Es war früh am Morgen. Eine Krankenschwester rief mich an, weil Helga mich als Kontaktperson angegeben hatte.
Als ich im Krankenhaus ankam, war alles schon vorbei.
Ich setzte mich trotzdem noch eine Weile an ihr Bett.
Ich weiß nicht mehr, wie lange.
Ich erinnere mich nur daran, dass ihre Hausschuhe ordentlich darunter standen.
Aus irgendeinem Grund musste ich beim Anblick dieser Hausschuhe weinen.
Die Beerdigung fand eine Woche später statt.
Helgas Tochter Claudia kam mit ihrem Mann aus Hamburg. Einige frühere Nachbarn waren da, zwei ehemalige Kolleginnen und ein paar Bekannte aus unserer Straße.
Nach der Trauerfeier tranken wir im Gemeindehaus Kaffee.
Alle erzählten kleine Geschichten über Helga.
Wie sie früher jedes Jahr zu viele Weihnachtsplätzchen gebacken hatte. Wie sie bei jedem Straßenfest als Erste geholfen hatte. Wie sie sich über ihre Geranien mehr freuen konnte als über teure Geschenke.
Ich hörte zu und lächelte.
Aber die ganze Zeit musste ich an Minka denken.
Claudia konnte die Katze nicht aufnehmen. Ihr Mann hatte eine starke Katzenallergie, und außerdem lebten sie in einer kleinen Wohnung.
„Mama hat mir erzählt, dass du dich darum kümmerst“, sagte sie beim Abschied.
„Ja“, antwortete ich. „Das habe ich versprochen.“
Am nächsten Morgen ging ich zu Helgas Haus.
Ich schloss die Haustür auf und rief automatisch: „Helga? Ich bin’s!“
Erst dann fiel mir ein, dass niemand antworten würde.
Im Flur standen noch ihre Hausschuhe.
Auf dem Küchentisch lag eine Einkaufsliste.
Milch. Kartoffeln. Katzenfutter.
Ich musste mich kurz an der Tür festhalten.
Dann ging ich ins Wohnzimmer.
Minka saß auf Helgas Sessel.
Genau dort, wo sie immer gesessen hatte.
Als sie mich bemerkte, hob sie den Kopf.
Ich sagte leise ihren Namen.
Sie sah mich an, dann schaute sie zur Wohnzimmertür.
Ich hatte das Gefühl, sie wartete darauf, dass Helga gleich hereinkam.
„Ach, Minka“, flüsterte ich. „Sie kommt nicht mehr.“
Die Katze blieb sitzen.
Ich holte ihre Transportbox aus dem Abstellraum und stellte sie auf den Boden.
Doch ich konnte sie nicht einfach hineinsetzen.
Also blieb ich eine Weile bei ihr.
Ich erzählte ihr von der Beerdigung. Von Claudia. Von den vielen Menschen, die Helga vermissen würden.
Vielleicht klingt das albern.
Aber in diesem Moment war Minka das einzige Lebewesen im Haus, das Helga genauso vermisste wie ich.
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