Ich versprach meiner sterbenden besten Freundin, ihre alte Katze wegzugeben, doch im Tierheim brach ich mein Versprechen

Schließlich nahm ich sie mit.

Eigentlich wollte ich direkt zum Tierheim fahren. Doch es war bereits später Nachmittag, und ich beschloss, sie erst am nächsten Morgen hinzubringen.

Eine Nacht würde nichts ausmachen.

Zu Hause stellte ich ihre Näpfe in die Küche und legte eine alte Decke neben die Heizung.

Minka erkundete langsam die Zimmer.

Sie schnupperte an den Möbeln, schaute unter den Esstisch und setzte sich schließlich mitten auf den Wohnzimmerteppich.

Ich machte mir ein Käsebrot und setzte mich vor den Fernseher.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass Minka neben meinem Sessel lag.

Nicht auf meinen Füßen.

Einfach nur daneben.

„Na, du“, sagte ich.

Sie blinzelte.

Es war das erste Mal seit Langem, dass ich abends mit jemandem sprach, ohne das Telefon in der Hand zu halten.

Später ging ich ins Schlafzimmer.

Minka folgte mir.

Mit einem kleinen, mühsamen Sprung kletterte sie auf mein Bett und legte sich ans Fußende.

Ich überlegte kurz, ob ich sie wieder heruntersetzen sollte.

Dann ließ ich sie liegen.

In dieser Nacht wachte ich zweimal auf.

Beide Male hörte ich ein leises Schnurren.

Und beide Male schlief ich schneller wieder ein als sonst.

Am nächsten Morgen hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Helga hatte mir vertraut.

Ein Versprechen war schließlich ein Versprechen.

Ich frühstückte, zog meine Strickjacke an und legte die Unterlagen bereit, die Helga vorbereitet hatte.

Dann setzte ich Minka in ihre Transportbox.

Sie wehrte sich nicht.

Auch während der Fahrt blieb sie vollkommen ruhig.

Das machte es für mich noch schwerer.

Ich redete ununterbrochen mit ihr.

„Dort kümmern sie sich gut um dich. Die haben Erfahrung mit alten Katzen. Vielleicht findest du jemanden mit einem schönen Garten.“

Minka sah mich nur an.

Nach etwa zwanzig Minuten erreichten wir das Tierheim am Stadtrand.

Das Gebäude war sauber und ordentlich. Hinter dem Empfang lagen frisch gewaschene Decken, und irgendwo hörte ich einen Hund bellen.

Eine freundliche Frau um die fünfzig begrüßte mich.

„Sie bringen Minka?“

Ich nickte.

„Frau Berger hat uns schon vor einigen Wochen angerufen. Es tut mir sehr leid wegen Ihrer Freundin.“

„Danke.“

Die Frau schaute in die Transportbox.

„Na, du alte Dame. Dann wollen wir mal schauen, dass du dich bei uns wohlfühlst.“

Minka bewegte sich nicht.

Ich stellte die Box auf den Tresen.

Die Mitarbeiterin erklärte mir, dass Minka zunächst untersucht und anschließend in einem ruhigen Bereich untergebracht würde.

„Wir wissen, dass ältere Katzen manchmal länger auf ein neues Zuhause warten“, sagte sie. „Aber wir geben uns Mühe.“

Ich nickte wieder.

Dann holte sie das Formular.

„Hier müssten Sie bitte unterschreiben.“

Ich nahm den Kugelschreiber.

Auf dem Papier stand Minkas Name.

Darunter die Angaben zu ihrem Alter, ihren Medikamenten und ihrer bisherigen Besitzerin.

Helga Berger.

Ich starrte auf diese beiden Worte.

Plötzlich dachte ich an den Nachmittag im Krankenhaus.

An Helgas dünne Hand.

An ihren erschöpften Blick.

An ihr Vertrauen.

Ich hatte versprochen, Minka hierherzubringen.

Und genau das hatte ich getan.

Aber als ich den Stift aufs Papier setzen wollte, hörte ich ein leises Geräusch.

Minka hatte sich in ihrer Box nach vorne bewegt.

Sie saß jetzt direkt hinter dem Gitter.

Eine ihrer Pfoten lag zwischen den Metallstäben.

Ganz vorsichtig berührte ich sie mit einem Finger.

Minka drückte ihre Pfote dagegen.

Es war nur eine kleine Bewegung.

Vielleicht wollte sie einfach aus der Box heraus.

Vielleicht war es reiner Zufall.

Aber ich musste an Helgas Sessel denken.

An die leere Wohnung.

An das Schnurren in meinem Schlafzimmer.

Und plötzlich konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Es tut mir leid“, sagte ich.

Die Mitarbeiterin sah auf.

„Ist alles in Ordnung?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Eigentlich nicht.“

Ich versuchte, mich zusammenzureißen.

„Ich habe meiner Freundin versprochen, ihre Katze zu Ihnen zu bringen. Sie wollte nicht, dass ich mich verpflichtet fühle.“

Die Frau hörte aufmerksam zu.

„Und jetzt?“, fragte sie vorsichtig.

Ich schaute wieder zu Minka.

„Jetzt glaube ich, dass ich sie nicht hierlassen kann.“

Ein paar Sekunden sagte niemand etwas.

Dann stellte die Frau das Formular zur Seite.

„Möchten Sie sie vielleicht selbst behalten?“

Ich wischte mir mit einem Taschentuch über die Wangen.

„Ich bin vierundsiebzig. Ich weiß nicht, ob ich das noch schaffe.“

Sie lächelte.

„Sie wirken nicht, als hätten Sie Probleme mit ihr. Eher, als würden Sie sich große Sorgen um sie machen.“

„Aber sie ist alt. Vielleicht wird sie krank.“

„Das kann passieren. Deshalb wäre es gut, wenn Sie jemanden hätten, der im Notfall hilft.“

Ich dachte an meine Tochter, an Claudia und an meine Nachbarin Frau Krüger.

Ganz allein war ich eigentlich nicht.

Ich hatte nur irgendwann aufgehört, andere Menschen um Hilfe zu bitten.

„Ich könnte es versuchen“, sagte ich leise.

Die Frau nickte.

„Dann sprechen wir doch erst einmal darüber, was Minka braucht.“

Wir setzten uns an einen kleinen Tisch.

Sie erklärte mir, worauf ich bei einer älteren Katze achten sollte und welche Unterlagen ich von Helga noch benötigte.

Ich erzählte ihr, dass Minka bereits eine Nacht bei mir verbracht hatte.

„Und wie war es?“

Zum ersten Mal an diesem Morgen musste ich lächeln.

„Sie hat in meinem Bett geschlafen.“

„Und Sie?“

Ich überlegte.

„Ich habe gut geschlafen. Besser als seit Wochen.“

Die Mitarbeiterin lächelte ebenfalls.

Schließlich vereinbarten wir, dass ich Minka zunächst bei mir behalten und mit ihr zum Tierarzt gehen würde. Die Betreuung und alle weiteren Fragen waren damit in Ruhe besprochen.

Als ich das Tierheim verließ, trug ich dieselbe Transportbox wie bei meiner Ankunft.

Nur fühlte sie sich plötzlich ganz anders an.

Auf dem Parkplatz blieb ich einen Moment neben meinem Auto stehen.

„Na, Minka“, sagte ich. „Dann fahren wir wohl wieder nach Hause.“

Sie antwortete mit einem kurzen Miauen.

Es war das erste Geräusch, das sie seit unserer Abfahrt gemacht hatte.

Zu Hause stellte ich die Box im Flur ab und öffnete die Tür.

Minka kam langsam heraus.

Sie lief geradewegs ins Wohnzimmer, als hätte sie genau gewusst, wohin sie gehörte.

Dann legte sie sich neben meinen Sessel.

Ich musste lachen.

„Du machst es dir aber einfach.“

Am selben Nachmittag rief ich Claudia an.

Ich erzählte ihr alles.

Vom Tierheim. Vom Formular. Von Minkas Pfote am Gitter.

Am anderen Ende blieb es lange still.

Dann fragte Claudia: „Und jetzt hast du sie bei dir?“

„Ja. Wenn das für dich in Ordnung ist.“

„Ingrid“, sagte sie, „du musst mich doch nicht um Erlaubnis fragen.“

Ich erzählte ihr von meinem Versprechen.

Claudia seufzte.

„Mama wollte immer, dass Minka gut versorgt ist. Und sie wusste, wie sehr du Karl vermisst.“

„Aber sie hat ausdrücklich gesagt, ich soll die Katze wegbringen.“

„Weil sie Angst hatte, dir zur Last zu fallen.“

Wir schwiegen beide.

Dann sagte Claudia etwas, worüber ich später noch oft nachgedacht habe.

„Vielleicht hätte Mama ihre Meinung geändert, wenn sie gewusst hätte, dass Minka dir guttut.“

In den nächsten Wochen veränderte sich mein Alltag.

Nicht auf einmal.

Es waren lauter Kleinigkeiten.

Ich musste morgens nicht mehr nur für mich selbst aufstehen. Minka wartete auf ihr Frühstück und saß manchmal schon vor der Küchentür, wenn ich aus dem Schlafzimmer kam.

Beim Kaffeetrinken lag sie auf dem Stuhl neben mir.

Wenn ich die Zeitung las, schob sie gelegentlich ihren Kopf unter meine Hand.

Und abends, wenn ich den Fernseher ausschaltete, blieb es zwar still.

Aber die Stille fühlte sich nicht mehr so bedrückend an.

Ich kaufte ihr eine weiche Decke für das Sofa.

Dabei behauptete ich gegenüber meiner Tochter, die Decke sei ohnehin im Angebot gewesen.

Meine Tochter lachte nur.

„Mama, du musst dich doch nicht rechtfertigen.“

Natürlich hatte sie recht.

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