Ich hatte einfach Freude daran, für jemanden zu sorgen.
Einige Wochen später ging ich mit Minka zum Tierarzt.
Sie war für ihr Alter in einem recht guten Zustand. Sie brauchte ein wenig Unterstützung für ihre Gelenke, ansonsten war nichts Dringendes zu behandeln.
Der Tierarzt fragte mich, wie lange sie schon bei mir lebte.
„Eigentlich sollte sie gar nicht bei mir bleiben“, antwortete ich.
Dann erzählte ich ihm die Geschichte.
Er hörte zu, während er Minka vorsichtig untersuchte.
Als ich fertig war, sagte er: „Dann haben Sie beide ja noch einmal Glück gehabt.“
Auf dem Heimweg dachte ich lange über diesen Satz nach.
Wir beide.
Früher hätte ich gesagt, dass ich Minka gerettet hatte.
Eine alte Katze, die ihr Zuhause und ihren Menschen verloren hatte.
Aber inzwischen wusste ich, dass es nicht so einfach war.
Seit Karl gestorben war, hatte ich vieles aufgegeben, ohne es überhaupt zu merken.
Ich lud kaum noch jemanden zum Kaffee ein.
Ich kochte nicht mehr richtig.
Ich hatte aufgehört, Blumen auf die Fensterbank zu stellen, weil ich dachte, dass sich die Mühe für mich allein nicht lohnte.
Sogar das Radio machte ich nur noch selten an.
Mit Minka kamen einige dieser Gewohnheiten zurück.
Ich öffnete morgens wieder die Vorhänge, weil sie gerne am Fenster saß.
Ich stellte einen kleinen Blumentopf auf die Fensterbank.
Und eines Sonntags lud ich Frau Krüger zu Kaffee und selbst gebackenem Apfelkuchen ein.
Sie kam mit einer Tüte Katzenleckerlis.
Wir saßen fast drei Stunden zusammen.
Minka lag die ganze Zeit unter dem Tisch.
Als Frau Krüger ging, sagte sie: „Schön, dass man dich wieder öfter lachen hört.“
Dieser Satz blieb mir im Kopf.
Hatte ich tatsächlich so lange kaum noch gelacht?
Im September wäre Helga 76 Jahre alt geworden.
An ihrem Geburtstag kaufte ich einen kleinen Strauß gelber Rosen und fuhr zum Friedhof.
Ich stellte die Blumen auf ihr Grab und blieb eine Weile davor stehen.
Normalerweise wusste ich bei solchen Besuchen nie, was ich sagen sollte.
Diesmal schon.
„Helga“, begann ich, „ich muss dir etwas beichten.“
Meine Stimme klang seltsam in der Stille.
„Ich habe mein Versprechen nicht gehalten.“
Ich erzählte ihr, dass ich Minka behalten hatte.
Dass sie sich inzwischen bestens bei mir eingelebt hatte.
Dass sie jeden Morgen vor meinem Schlafzimmer wartete und sich abends grundsätzlich den weichsten Platz auf dem Sofa aussuchte.
Ich erzählte auch, dass ich wieder häufiger Besuch bekam.
Und dass ich zum ersten Mal seit Jahren manchmal schon beim Aufwachen das Gefühl hatte, mich auf den Tag zu freuen.
Dann wurde ich still.
„Ich hoffe, du bist mir nicht böse“, flüsterte ich.
Natürlich bekam ich keine Antwort.
Aber ich musste an Helga denken, wie sie früher in ihrer Küche gesessen hatte.
Mit ihrer geblümten Schürze, der Lesebrille auf der Nase und Minka neben sich.
Ich konnte mir richtig vorstellen, wie sie den Kopf geschüttelt und gesagt hätte: „Ingrid, mach doch nicht so ein Theater.“
Und dann hätte sie vermutlich gelacht.
Ich stand noch eine Weile am Grab, bevor ich nach Hause fuhr.
Als ich die Haustür öffnete, saß Minka im Flur.
Sie hob ihren grauen Kopf und miaute.
„Ja, ja“, sagte ich. „Ich bin wieder da.“
Sie kam langsam auf mich zu und strich an meinem Bein entlang.
Ich stellte meine Tasche ab, zog die Schuhe aus und setzte mich zu ihr auf den Boden.
Eine ganze Weile blieb ich einfach dort sitzen.
Minka legte ihren Kopf gegen meine Hand.
Und ich musste wieder weinen.
Diesmal nicht nur vor Traurigkeit.
Heute lebt Minka seit mehreren Monaten bei mir.
Ihr Fell ist etwas heller geworden, und an manchen Tagen braucht sie länger, um vom Sofa herunterzukommen.
Sie hört auch nicht mehr besonders gut.
Aber wenn ich morgens in die Küche gehe, kommt sie fast immer hinterher.
Manchmal setzt sie sich ans Fenster und schaut lange hinaus.
Dann frage ich mich, ob sie noch an Helga denkt.
Ob sie das alte Haus vermisst.
Den Sessel, auf dem sie so viele Jahre gelegen hat.
Helgas Stimme.
Ihre Schritte im Flur.
Ich weiß es nicht.
Aber ich hoffe, dass sie sich bei mir sicher fühlt.
Neulich fand ich in einer Schublade ein altes Foto von Helga und mir.
Wir waren damals beide Anfang vierzig, standen lachend vor ihrem Haus und hielten zwei Kaffeetassen in den Händen.
Helga hatte Minka noch gar nicht.
Unsere Männer lebten noch.
Die Kinder waren klein.
Damals dachten wir, dass immer alles irgendwie weitergehen würde.
Ich stellte das Foto auf die Kommode im Wohnzimmer.
Minka saß daneben und beobachtete mich.
„Das ist deine Helga“, sagte ich.
Sie schaute kurz zum Bild.
Dann zu mir.
Und legte sich auf ihre Decke.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht hatte sie einfach ihren Lieblingsplatz gefunden.
Aber ich setzte mich neben sie und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass Helga nicht ganz aus meinem Leben verschwunden war.
Ich bin inzwischen alt genug, um zu wissen, dass man nicht alles festhalten kann.
Menschen gehen.
Häuser werden verkauft.
Kinder ziehen fort.
Und irgendwann bleiben von einem gemeinsamen Leben nur Fotos, ein paar Gegenstände und Erinnerungen übrig.
Doch manchmal bleibt noch etwas anderes.
Etwas, mit dem man überhaupt nicht gerechnet hat.
Eine alte graue Katze zum Beispiel.
Mit einem eingerissenen Ohr, einem krummen Schwanz und der Angewohnheit, nachts die halbe Bettdecke für sich zu beanspruchen.
Ich weiß nicht, wie viele Jahre Minka noch bleiben.
Vielleicht sind es nur wenige.
Vielleicht haben wir noch eine schöne lange Zeit miteinander.
Darüber möchte ich mir heute nicht zu viele Gedanken machen.
Ich möchte lieber die Zeit genießen, die wir haben.
Gestern Abend saß ich wieder in meinem Sessel und las ein Buch.
Minka lag wie immer neben mir.
Irgendwann legte sie ihre Pfote auf meine Hand.
Ganz genauso wie damals im Tierheim.
Ich strich vorsichtig über ihr Fell.
„Weißt du, Minka“, sagte ich, „eigentlich wollte ich dich gar nicht behalten.“
Sie schnurrte.
„Und jetzt kann ich mir das Haus ohne dich kaum noch vorstellen.“
Dann nahm ich Helgas Foto von der Kommode und betrachtete es eine Weile.
Ich musste an unser letztes Gespräch im Krankenhaus denken.
An ihren Satz, dass sie nicht wollte, dass Minka mich belastete.
Damals hatte ich nur gehört, was ich tun sollte.
Heute glaube ich besser zu verstehen, warum Helga es gesagt hatte.
Sie wollte, dass Minka gut aufgehoben ist.
Und sie wollte, dass ich mein eigenes Leben weiterleben kann.
Ich glaube nicht, dass sie damit gerechnet hatte, dass beides zusammenpassen könnte.
Vielleicht hätte sie mir die Katze sogar selbst gebracht, wenn sie gewusst hätte, wie einsam meine Abende manchmal waren.
Ich stellte das Foto zurück.
Minka hatte inzwischen die Augen geschlossen.
Ihre Pfote lag immer noch auf meiner Hand.
Und da begriff ich etwas, das ich am Krankenbett meiner Freundin noch nicht verstanden hatte.
Manchmal hält man ein Versprechen nicht dadurch, dass man jedes Wort befolgt, sondern dadurch, dass man die Liebe dahinter nicht vergisst.
Ich hatte Helga versprochen, für Minka zu sorgen.
Auch wenn ich damals glaubte, dass dies bedeutete, sie fortzubringen.
Heute bin ich sicher, dass Minka ein gutes Zuhause hat.
Und ich habe wieder jemanden, der auf mich wartet.
Vielleicht hätte Helga am Ende einfach gelächelt und gesagt: „Na siehst du, Ingrid. Jetzt passt ihr eben aufeinander auf.“
Ich hätte ihr gern noch einmal persönlich gesagt, wie recht sie damit gehabt hätte.






