Ein Junge bot einem fremden Mechaniker 47 Euro und stellte eine entsetzliche Frage

Der Junge hielt mir sein Sparschwein hin und fragte nach einem Preis. Erst als er sagte, wofür, begriff ich, warum er ausgerechnet mich ausgesucht hatte.

„Siebenundvierzig Euro“, sagte er. „Mehr hab ich nicht. Reicht das?“

Ich stand neben meinem alten Kastenwagen an der Tankstelle und hatte noch den Zapfhahn in der Hand. Vor mir ein Junge mit einem viel zu großen Schulranzen, offenen Schnürsenkeln und einem blauen Sparschwein, auf dem Dinosaurier klebten.

„Wofür soll das reichen?“

Er sah zu einem Kleinwagen am Rand des Parkplatzes. Eine Frau saß hinter dem Lenkrad, den Kopf zur Seite gesunken.

Dann fragte er leise: „Kannst du meine Mama totmachen?“

Ich stellte den Zapfhahn zurück. Langsam, damit ich nichts fallen ließ.

Vierundvierzig Jahre hatte ich in einer Werkstatt gearbeitet. Ich hatte Männer unter verkeilten Autos hervorgeholt und einmal einen Lehrling ins Krankenhaus gefahren, der unterwegs keinen vernünftigen Satz mehr herausbrachte. Aber auf diese Frage war ich nicht vorbereitet.

„Wie heißt du?“

„Jonte. Ich bin sechs. Bald sieben.“

„Jonte, warum fragst du mich so etwas?“

Er deutete auf meine Hände. Schwarze Ränder unter den Nägeln, eine alte Narbe quer über dem Daumen. Dann auf mein Gesicht, das mit dem schief verheilten Nasenbein selten freundlich wirkte.

„Du siehst aus wie einer, der das kann.“

Ich ging in die Hocke. Mein rechtes Knie knackte so laut, dass er kurz zusammenzuckte.

„Was soll denn aufhören?“, fragte ich.

Er hielt das Sparschwein fester.

„Wenn sie aufwacht, tut sie mir wieder weh.“

Ich heiße Egon Martens. Damals war ich dreiundsechzig, seit acht Jahren Witwer und seit einem halben Jahr im Ruhestand. Das Haus am Rand einer Kleinstadt bei Osnabrück war bezahlt, die Werkstatt hinterm Haus aufgeräumt, und an manchen Tagen sprach ich bis zum Abend mit keinem Menschen.

An diesem Morgen wollte ich bei einem früheren Kollegen eine Hobelbank abholen. Mehr hatte ich nicht vor.

Jonte blickte wieder zum Auto.

„Gestern hab ich Saft verschüttet. Dabei hab ich gleich einen Lappen geholt.“

Seine Stimme klang, als müsse er mir einen Arbeitsablauf erklären. Etwas, das trotz aller Mühe schiefgegangen war.

„Du musst mir jetzt nichts beweisen“, sagte ich.

Doch er zog sein Oberteil ein Stück hoch. Ich sah Verletzungen, ältere und neue, und bat ihn sofort, es wieder herunterzuziehen.

Meine Hände zitterten.

„Hat sich das schon mal ein Arzt angesehen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Meine Lehrerin hat gefragt. Mama hat gesagt, ich mach das selber. Danach sind wir umgezogen.“

Er senkte den Blick auf meine Arbeitsschuhe.

„Vielleicht kannst du es billiger machen. Weil ich noch klein bin.“

Bis dahin hatte er nicht geweint. Bei diesem Satz musste er schlucken.

Ich hatte in meinem Leben oft geschwiegen, weil mir die richtigen Worte fehlten. Bei Beerdigungen. Bei der letzten Untersuchung meiner Frau. Beim Abschied von den Kollegen.

Diesmal durfte ich nicht schweigen.

„Hör mir zu, Jonte. Ich werde deiner Mutter nichts antun. Aber ich glaube dir. Und wir holen jetzt Hilfe.“

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Nein. Dann sagt sie wieder, ich lüge.“

„Ich habe gesehen, dass du verletzt bist.“

„Du kennst sie nicht. Sie kann ganz anders reden, wenn Leute da sind.“

In diesem Moment richtete sich die Frau im Auto auf.

Jonte presste das Sparschwein gegen seinen Bauch.

„Ich muss zurück.“

Er machte einen Schritt, blieb aber stehen. Seine Beine wollten offenbar etwas anderes als der Rest von ihm.

„Warte hier bei mir“, sagte ich. „Wir gehen zusammen da rein.“

Ich zeigte zum Tankstellenladen. Die Mitarbeiterin hinter der Scheibe hatte uns schon eine Weile beobachtet. Ich hob die freie Hand und bedeutete ihr, herauszukommen.

„Was ist denn hier los?“, rief die Frau vom Auto.

Jonte duckte den Kopf.

Sie kam schnell auf uns zu, in einer offenen Jacke, das Handy in der Hand. Als sie mich sah, wurde sie langsamer.

„Warum reden Sie mit meinem Sohn?“

Ich stellte mich neben Jonte, ohne ihn anzufassen.

„Er braucht Hilfe. Ich rufe jetzt einen Rettungswagen.“

Ihr Blick ging zu ihm.

„Was hast du wieder erzählt?“

Die Mitarbeiterin war inzwischen bei uns. Ich bat sie, mit Jonte in den Laden zu gehen und bei ihm zu bleiben.

„Der kommt mit mir“, sagte seine Mutter.

„Bitte bleiben Sie hier“, antwortete ich und wählte den Notruf.

Sie beschimpfte mich. Sagte, der Junge sei schwierig, erfinde Geschichten, habe schon öfter Ärger gemacht. Ich hörte nur noch halb hin, während ich der Stimme am Telefon unseren Standort nannte.

Durch die Scheibe sah ich Jonte an einem kleinen Tisch sitzen. Sein Sparschwein stand vor ihm. Die Mitarbeiterin hatte sich auf einen Stuhl daneben gesetzt.

Er sah ununterbrochen zu mir hinaus.

Ich blieb dort, wo er mich sehen konnte.

Als Polizei und Rettungsdienst eintrafen, hatte seine Mutter angefangen zu weinen. Ich konnte nicht beurteilen, was mit ihr los war. Ich konnte nur erzählen, was Jonte gesagt hatte und was ich gesehen hatte.

Ein Sanitäter ging zu ihm hinein.

Kurz darauf kam er wieder heraus und stellte mir sehr genaue Fragen.

Ich beantwortete jede einzelne.

Bevor sie Jonte mitnahmen, durfte ich noch einmal zu ihm. Er saß auf einer Trage, die Füße erreichten den Boden nicht.

„Muss ich bezahlen?“, fragte er.

„Was denn?“

„Die Leute. Das Auto.“

Ich schüttelte den Kopf.

Er schob mir das Sparschwein entgegen.

„Du kannst es trotzdem haben.“

„Das bleibt bei dir.“

Zum ersten Mal sah er mich direkt an.

„Kommst du auch?“

„Ich frage, ob ich dich besuchen darf.“

„Das sagen Erwachsene, wenn sie nicht kommen.“

Darauf wusste ich keine Antwort. Also schrieb ich meinen Namen und meine Telefonnummer auf einen Zettel und gab ihn der Sanitäterin.

„Sagen Sie ihm bitte, wo Sie den hinlegen.“

Sie steckte ihn vor seinen Augen in die vordere Tasche seines Ranzens.

Am Nachmittag saß ich zu Hause am Küchentisch. Vor mir stand eine Tasse Kaffee, die längst kalt war.

Ich hörte immer wieder diesen Satz.

Vielleicht kannst du es billiger machen. Weil ich noch klein bin.

Gegen Abend rief eine Mitarbeiterin des Jugendamtes an. Sie wollte meine Aussage ergänzen. Jonte werde im Krankenhaus versorgt, sagte sie. Für die Zeit danach werde eine sichere Unterbringung vorbereitet.

„Er hat mehrfach nach Ihnen gefragt.“

Ich drückte das Telefon fester ans Ohr.

„Darf ich kommen?“

Der erste Besuch dauerte zwanzig Minuten.

Jonte lag in einem Kinderzimmer neben einem Jungen, der einen gebrochenen Arm hatte. Auf seinem Nachttisch stand das blaue Sparschwein. Jemand hatte ihm einen Schlafanzug gegeben, dessen Ärmel über die Finger reichten.

„Du bist wirklich gekommen.“

„Ja.“

Ich hatte ein Buch über heimische Vögel mitgebracht. Auf dem Weg war mir eingefallen, dass ich nicht wusste, was Sechsjährige interessierte. Früher hätte ich Ruth gefragt.

Jonte strich über den Buchdeckel.

„Ist das geliehen?“

„Das gehört dir.“

„Auch wenn ich was falsch mache?“

Ich setzte mich auf den Stuhl neben seinem Bett.

„Auch dann.“

Er schlug die erste Seite auf. Eine Weile betrachteten wir gemeinsam eine Amsel, ohne über irgendetwas anderes zu sprechen.

Beim zweiten Besuch fragte er nach seiner Mutter.

Ich sagte ihm, dass andere Erwachsene sich darum kümmerten und dass er vorerst nicht mit ihr nach Hause müsse.

„Ist sie jetzt wegen mir traurig?“

„Das weiß ich nicht.“

„Vielleicht hab ich es falsch erzählt.“

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