Die erste Nacht schlief er kaum.
Gegen halb zwei hörte ich ihn im Flur. Er stand barfuß vor der Haustür, den Ranzen auf dem Rücken.
„Ich bin fertig“, flüsterte er.
„Wofür?“
„Falls du mich doch nicht willst.“
Ich setzte mich zu ihm auf die Treppe.
Er blieb erst stehen, dann ließ er sich neben mich sinken. Wir saßen dort, bis seine Füße kalt wurden.
Danach kochte ich warme Milch. Er nahm sie mit beiden Händen und fragte dreimal, ob das Licht im Flur anbleiben dürfe.
Es blieb an.
In den nächsten Wochen lernte ich, wie wenig man einem Kind seine Angst ansehen kann.
Jonte sagte beim Frühstück „Ja“ und „Danke“ und „Das schmeckt“, auch wenn ihm schlecht war. Er legte Brot unter sein Kopfkissen. Bei schnellen Bewegungen zog er die Schultern hoch.
Einmal zerbrach ihm eine Schüssel.
Ich kam wegen des Geräuschs in die Küche und fand ihn auf dem Boden, mit bloßen Händen zwischen den Scherben.
„Nicht anfassen“, sagte ich zu laut.
Er erstarrte.
Ich blieb stehen, atmete durch und holte Kehrblech und Besen.
„Entschuldige. Ich wollte nicht schreien. Ich will bloß nicht, dass du dich schneidest.“
Er wartete.
„Was kommt jetzt?“
„Wir fegen.“
„Und danach?“
„Brauchen wir eine andere Schüssel.“
Er glaubte mir erst, als wir beim Abendessen tatsächlich eine andere Schüssel auf den Tisch stellten.
Auch ich machte Fehler.
Ich stellte zu viele Fragen, wenn er still wurde. Ich sagte einmal „Ist doch vorbei“ und sah sofort, dass ich damit etwas zugemacht hatte, das gerade erst einen Spalt offen gewesen war.
Die Therapeutin erklärte mir später, dass Erinnerungen keinen Kalender lesen.
Ich schrieb mir den Satz auf. Er hing monatelang an der Innenseite eines Küchenschranks.
Nach einem halben Jahr konnte Jonte über einen schlechten Witz lachen. Es war ein alberner Witz meines alten Kollegen Wilfried, den ich seit dreißig Jahren kannte und noch nie lustig gefunden hatte.
Jonte bekam vor Lachen Schluckauf.
Wilfried sah mich an. Ich drehte mich zur Werkbank und tat, als suchte ich etwas.
„Du hast da feuchte Augen“, sagte er später.
„Zugluft.“
„In deiner geschlossenen Werkstatt. Natürlich.“
Von da an kam er häufiger.
Er brachte keine großen Geschenke mit. Manchmal einen Apfel, manchmal einen Holzrest. Er blieb zum Abendbrot und nahm es hin, wenn Jonte an einem Tag viel und am nächsten überhaupt nicht mit ihm sprach.
Maren holte Jonte mittwochs von der Betreuung ab. Ihr Mann half ihm beim Fahrradfahren. Meine Nachbarin zeigte ihm, wie man Knöpfe annäht.
Das Haus, in dem jahrelang kaum Besuch gewesen war, bekam einen Kalender mit vielen verschiedenen Handschriften.
Später wurde Jontes Mutter zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.
Ich war als Zeuge geladen. Jonte musste bei der Urteilsverkündung nicht dabei sein.
Am Abend saßen wir in der Küche. Er schob Erbsen über seinen Teller.
„Muss ich sie jetzt nie wiedersehen?“
„Darüber sprechen wir mit den Leuten, die dich begleiten. Du musst damit nicht allein fertigwerden.“
Er schwieg eine Weile.
„Manchmal vermisse ich sie.“
Ich legte meine Gabel hin.
„Das kannst du mir sagen.“
„Aber ich will trotzdem nicht hin.“
„Auch das kannst du sagen.“
Er fing an zu weinen. Nicht leise und vorsichtig wie früher. Er weinte so, dass ihm die Nase lief und die Schultern bebten.
Ich rückte meinen Stuhl näher und fragte, ob ich ihn halten dürfe.
Er nickte.
Es war das erste Mal, dass er sich mit seinem ganzen Gewicht an mich lehnte.
Die nächsten Jahre wurden nicht plötzlich leicht.
Es gab gute Wochen und Nächte, in denen er wieder mit gepacktem Ranzen im Flur stand. Es gab Gespräche in der Schule, Termine, Rückschritte und Tage, an denen ich mich erschöpft fühlte.
Dann kam Maren. Oder Wilfried. Manchmal sagte ich rechtzeitig Bescheid, manchmal musste ich es erst lernen.
Jonte wurde neun.
Er spielte im örtlichen Fußballverein, konnte Pfannkuchen wenden und hielt meinen Musikgeschmack für eine persönliche Zumutung. In der Schule mochte er Sachunterricht. Beim Lesen brauchte er Geduld, besonders mit sich selbst.
Nachmittags saß er oft am kleinen Tisch in meiner Werkstatt. Ich hatte die gefährlichen Sachen weggeschlossen und einen zweiten Hocker gekauft.
Er reichte mir beim Reparieren seines Fahrrads die falschen Schlüssel und erklärte mir dabei sehr ausführlich, wie ich es besser machen könnte.
Eines Tages fragte er: „Egon, darf ich Papa sagen?“
Ich hatte gerade eine Luftpumpe in der Hand.
„Zu mir?“
Er verdrehte die Augen.
„Hier ist sonst keiner.“
Ich stellte die Pumpe ab.
„Wenn sich das für dich richtig anfühlt.“
„Du machst doch die Sachen.“
„Welche Sachen?“
Er zählte an den Fingern ab.
„Du holst mich ab. Du merkst, wenn ich krank bin. Du kommst auch, wenn ich kein Tor schieße.“
Dann sah er mich unsicher an.
„Oder bist du dafür zu alt?“
Ich musste lachen, obwohl mir nicht danach war.
„Fürs Abholen reicht es noch.“
Er nickte zufrieden und nahm die Pumpe.
Beim Abendessen sagte er: „Papa, kannst du mir das Wasser geben?“
Ich verschüttete beinahe die Hälfte.
Das blaue Sparschwein stand noch immer auf seiner Kommode. Ein Dinosaurier hatte inzwischen seinen Schwanz verloren. An einem Ohr war ein kleiner Sprung.
Die siebenundvierzig Euro lagen darin.
An einem Samstag stellte Jonte es auf den Küchentisch.
„Ich möchte was davon ausgeben.“
„Was denn?“
Er zog einen Zettel aus der Hosentasche. Darauf hatte er ein Vogelhaus gemalt, größer als unseres, mit einem abnehmbaren Dach.
„Für die Familie, bei der ich vorher war. Die haben noch keins.“
Wir zählten das Geld. Viele kleine Münzen, ein paar Scheine, ein Knopf, von dem keiner wusste, wie er hineingekommen war.
Im Baumarkt bezahlte Jonte selbst. Danach baute er drei Nachmittage lang an dem Vogelhaus. Es wurde schief, stabil und sehr blau.
Bei der Übergabe umarmte ihn seine frühere Pflegemutter. Er ließ es zu und erzählte ihr anschließend, warum das Dach unbedingt aufgehen müsse.
Auf der Heimfahrt schlief er ein.
Ich trug ihn nicht ins Haus. Dafür war mein Rücken inzwischen wirklich zu alt. Ich weckte ihn vorsichtig, und er schlurfte neben mir zur Tür.
Drinnen stellte er das fast leere Sparschwein zurück auf seine Kommode.
„Jetzt muss ich wieder sparen“, sagte er.
„Wofür?“
„Weiß ich noch nicht.“
Er dachte kurz nach.
„Vielleicht für einen Ausflug. Du und ich.“
Am Abend blieb ich vor seinem Zimmer stehen. Das Flurlicht brannte noch immer, obwohl er es längst nicht jede Nacht brauchte.
„Papa?“
„Ja?“
„Kannst du morgen Pfannkuchen machen?“
„Kann ich.“
„Die ersten sind immer zu dunkel.“
„Dann bekommst du den zweiten.“
Unter der Bettdecke hörte ich ihn lachen.
Ich zog die Tür so weit zu, wie er es mochte, und ging in die Küche. Dort lag noch der Kassenbon zwischen ein paar Holzspänen.
Daneben hatte Jonte zwei Münzen vergessen.
Ich brachte sie ihm nicht mehr hinein. Ich legte sie für den nächsten Morgen neben seinen Teller.






