Ein Junge bot einem fremden Mechaniker 47 Euro und stellte eine entsetzliche Frage

Ich musste mich beherrschen, um nicht zu schnell zu antworten.

„Du hast erzählt, was dir passiert ist. Das durftest du.“

Er nickte. Dann fragte er, ob ich ihm die Seite mit dem Rotkehlchen noch einmal vorlesen könne.

Eine Woche später kam er zu einer Bereitschaftspflegefamilie.

Ich hatte mir eingebildet, nun würde alles ruhiger werden. Doch als ich ihn dort zum ersten Mal besuchte, stand sein Ranzen gepackt im Flur.

„Falls ich wieder wegmuss“, erklärte er.

Die Pflegefrau hörte es und senkte kurz den Blick. Später sagte sie mir, er frage jeden Abend, wie viele Nächte er bleiben dürfe.

Wir vereinbarten feste Besuchstage. Dienstag und Samstag.

Nicht „bald“. Nicht „wenn es passt“.

Dienstag nach dem Mittagessen und Samstag um zehn.

Beim ersten Samstagstermin stand Jonte schon hinter der Haustür, als ich klingelte. Beim dritten fragte er, warum ich sieben Minuten früher da sei.

„Hab die Baustelle schneller geschafft als gedacht.“

Er überlegte.

„Dann warst du trotzdem pünktlich.“

Wir gingen spazieren, spielten Karten und bauten ein Vogelhaus. Er wollte jede Schraube selbst eindrehen. Wenn der Schraubendreher abrutschte, wurde er ganz still und legte ihn sofort hin.

„Ich kann das nicht.“

„Noch mal ansetzen.“

„Ist das Holz jetzt kaputt?“

„Das Holz hält mehr aus als wir beide.“

Irgendwann rutschte ich selbst ab und schlug mir den Finger an.

Jonte wich zurück.

Ich fluchte über meine eigene Dummheit, hielt den Finger unter kaltes Wasser und arbeitete weiter. Erst später begriff ich, wie genau er mich dabei beobachtet hatte.

Nach sechs Wochen fragte er mich, ob er bei mir wohnen könne.

Wir saßen auf einer Parkbank. Zwischen uns lag eine Papiertüte mit zwei Käsebrötchen.

„Du hast doch ein Haus“, sagte er.

„Ja.“

„Und ich würde nicht viel brauchen.“

Da war sie wieder, diese Rechnung. Möglichst wenig kosten, möglichst wenig Platz einnehmen, möglichst keinen Ärger machen.

Ich legte mein Brötchen weg.

„Jonte, darüber kann ich nicht allein entscheiden.“

Sein Blick ging sofort zu Boden.

„Weil ich schwierig bin?“

„Weil ein Kind ein gutes Zuhause braucht. Und weil jemand prüfen muss, ob ich das kann.“

„Kannst du es denn?“

Ich war dreiundsechzig. Ich hatte keine Kinder großgezogen. Ruth und ich hatten es versucht, lange, bis wir irgendwann nicht mehr darüber gesprochen hatten.

Ich konnte einen Motor am Geräusch erkennen. Aber ich wusste nicht, wie man einem Kind half, das sich vor einem verschütteten Glas fürchtete.

„Ich möchte es herausfinden“, sagte ich.

Am nächsten Morgen rief ich beim Pflegekinderdienst an.

Die Frau am Telefon hörte mir lange zu. Dann schlug sie ein Gespräch vor.

Dort sagte mir niemand, dass ich nur ein Formular unterschreiben müsse. Man sprach mit mir über mein Alter, meine Gesundheit, meinen Alltag und darüber, was Jonte langfristig brauchen würde.

„Sie sind für ihn gerade sehr wichtig“, sagte die Mitarbeiterin. „Das bedeutet noch nicht automatisch, dass ein Zusammenleben die richtige Lösung ist.“

Ich mochte diesen Satz zunächst nicht.

Später war ich froh darüber. Zum ersten Mal ging es bei einer Entscheidung über Jonte wirklich um Jonte.

Es folgten weitere Gespräche, Unterlagen, ein Gesundheitscheck, Hausbesuche und Schulungen. Ich lernte Wörter, die ich vorher nur aus Zeitungsartikeln kannte, und merkte bald, dass das Lernen der Wörter der leichte Teil war.

Schwerer war die Frage: Was tun Sie, wenn er Sie ablehnt?

Oder: Wer übernimmt, wenn Sie krank werden?

Auf die zweite Frage hatte ich zunächst keine vernünftige Antwort.

Also rief ich meine Nichte Maren an.

Wir sahen uns an Geburtstagen und manchmal zu Weihnachten. Sie wohnte mit ihrem Mann zwanzig Minuten entfernt und hatte mir seit Ruths Tod ungefähr hundertmal angeboten, häufiger vorbeizukommen.

„Du willst was?“, fragte sie.

Ich erklärte es ihr.

Am anderen Ende blieb es still.

„Egon“, sagte sie schließlich, „ein Kind ist kein kaputter Wagen, den du wieder zum Laufen bringst.“

„Das weiß ich.“

„Weißt du es wirklich?“

Ich war nahe daran, das Gespräch zu beenden. Dann sah ich Jontes Sparschwein vor mir.

„Noch nicht gut genug“, sagte ich. „Aber ich lerne.“

Maren kam am Sonntag. Wir redeten drei Stunden. Über Abholzeiten, Arzttermine, Unterstützung und meine Gewohnheit, Probleme so lange allein zu lösen, bis sie kaum noch lösbar waren.

Sie versprach keine Hilfe rund um die Uhr. Sie sagte genau, was sie und ihr Mann übernehmen konnten.

Damit konnte man arbeiten.

Im ehemaligen Nähzimmer meiner Frau stellte ich ein Bett auf. Es dauerte einen ganzen Nachmittag, bis ich ihre Stoffkisten öffnen konnte.

Ganz unten fand ich einen angefangenen kleinen Vorhang. Blau, mit weißen Punkten.

Ich saß lange auf dem Boden.

Am nächsten Tag brachte ich den Stoff zu einer Nachbarin und fragte, ob sie ihn fertig nähen könne.

Sie fragte nicht, wofür.

Als Jonte das Zimmer zum ersten Mal sah, blieb er in der Tür stehen.

Es war nur ein Besuch. Eine Stunde, begleitet, danach ging es zurück zur Pflegefamilie.

Er betrachtete das Bett, den Schreibtisch und den blauen Vorhang.

„Wer schläft hier?“

„Vielleicht irgendwann du. Wenn alle finden, dass es gut für dich ist.“

Er ging zum Bett und drückte mit zwei Fingern auf die Matratze.

„Und wenn ich nachts wach werde?“

„Dann bin ich nebenan.“

„Und wenn ich dich auch wach mache?“

„Dann bin ich eben wach.“

Er sagte nichts mehr dazu.

Beim Abschied fragte er, ob das Bett bis zum nächsten Besuch stehen bleiben dürfe.

Es dauerte mehrere Monate, bis aus Besuchen gemeinsame Nachmittage wurden, dann ein Wochenende und schließlich ein vorsichtig geplanter Einzug.

Sein Vater war gefunden worden. Er hatte seit Jahren keinen verlässlichen Kontakt und konnte Jonte nicht aufnehmen. Andere Angehörige kamen ebenfalls nicht infrage.

Die Erwachsenen besprachen vieles ohne Jonte. Mit ihm sprachen sie darüber, was er wissen und mitentscheiden konnte.

Niemand verlangte von ihm, dankbar zu sein.

Am Tag des Einzugs brachte er einen kleinen Koffer mit, den die Pflegefamilie ihm geschenkt hatte. Den Ranzen trug er auf dem Rücken. Das Sparschwein hielt er im Arm.

„Wie lange diesmal?“, fragte er.

Ich kniete mich nicht hin. Mein Knie war inzwischen schlechter geworden. Also setzte ich mich auf die unterste Treppenstufe.

„Es ist geplant, dass du hierbleibst. Wir bekommen weiter Besuch und Unterstützung. Und wenn sich etwas ändern muss, reden wir darüber.“

Er runzelte die Stirn.

„Nicht einfach weg?“

„Nicht einfach weg.“

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