Ein Junge bot mir sieben Euro, damit ich seine kleine Schwester beschütze

Im Flur wollte Dieter bereits nach seinem Autoschlüssel greifen.

„Wir könnten wenigstens hinfahren“, sagte er leise. „Falls die Hilfe brauchen.“

Ich hatte denselben Gedanken gehabt. Ins Auto steigen, zu der Adresse fahren, vor dieser Tür stehen. Etwas tun, das sich nach Kraft anfühlte.

Dann sah ich durch die Scheibe, wie Emil nach meinem leeren Stuhl suchte.

„Nein“, sagte ich. „Wir bleiben.“

Es war das Schwerste, was ich an diesem Tag tat: auf einem Stuhl zu sitzen und andere ihre Arbeit machen zu lassen.

Helga besorgte Kathrin Wasser. Rolf fuhr zu ihrer Mutter, nachdem Kathrin sie endlich angerufen hatte. Die alte Frau wohnte nur vierzig Minuten entfernt und hatte seit Wochen geglaubt, ihre Tochter brauche einfach etwas Ruhe.

„Ich wollte nicht, dass sie mich so sieht“, sagte Kathrin.

Ich schaute sie an. „Sie wird froh sein, dass Sie angerufen haben.“

Mehr konnte ich nicht sagen.

Meine Tochter hatte sich nach ihrer Scheidung auch monatelang kaum gemeldet. Ich hatte ihre kurzen Antworten für Gereiztheit gehalten und gekränkt gewartet, bis sie von allein anrief.

Seit diesem Tag frage ich lieber einmal zu viel.

Emil lag eine Weile mit geschlossenen Augen da. Ich dachte schon, er sei eingeschlafen.

Dann fragte er: „Haben Sie Kinder?“

„Eine Tochter. Die ist schon erwachsen. Und einen Enkel.“

„Wie alt?“

„Neun.“

„Mag der Eisenbahnen?“

„Sehr.“

„Leni macht meine immer kaputt. Aber nicht extra.“

„Mit zwei versteht man Weichen noch nicht besonders gut.“

Er nickte schwach. „Die darf die rote Lok haben.“

„Das kannst du ihr selbst sagen.“

Er antwortete nicht.

Nach einer Weile fragte er: „Muss ich wieder nach Hause?“

Ich spürte, wie Dieter hinter mir stehen blieb.

„Heute bleibst du erst mal hier“, sagte ich. „Und die Erwachsenen kümmern sich darum, wo du sicher bist.“

„Mit Mama?“

Kathrin beugte sich zu ihm.

„Ich gehe nicht zu ihm zurück.“

Emil öffnete die Augen und sah sie lange an.

„Auch nicht, wenn er weint?“

Sie begann zu zittern.

„Auch dann nicht.“

Erst später verstand ich, wie viel Vergangenheit in dieser kleinen Frage steckte.

Die Nachricht kam nicht mit Blaulicht vor dem Fenster und nicht durch einen großen Auftritt auf dem Flur. Ein Beamter trat ins Zimmer und bat Kathrin kurz hinaus.

Als sie zurückkam, hielt sie sich am Türrahmen fest.

„Leni ist bei der Polizei“, sagte sie. „Eine Frau passt auf sie auf. Sie wird untersucht. Frank kann nicht zu ihr.“

Emil sah mich an.

Ich nickte. „Sie haben sie.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

„Hat sie geweint?“

Kathrin setzte sich sofort zu ihm.

„Sie hat nach ihrem Hasen gefragt.“

Emil atmete aus. Zum ersten Mal seit ich im Zimmer war, wirkte sein Gesicht ein wenig entspannter.

„Der ist in der Wäsche“, flüsterte er. „Der kleine geht auch. Aus meinem Zimmer.“

Seine Mutter drückte die Lippen auf seine Finger.

Später erfuhren wir, dass Frank zunächst sehr ruhig geblieben war. Er hatte die besorgte Rolle gespielt, von einem schlimmen Sturz gesprochen und gefragt, wie es Emil gehe.

Dann hatten die Beamten ihm gesagt, dass sie Leni sehen und die Umstände klären mussten.

Das Tablet wurde gefunden. Es enthielt nicht die lückenlose Sammlung, die man sich in einer erfundenen Fernsehgeschichte vorstellen würde. Manche Dateien zeigten die Zimmerdecke, manche waren kaum zu verstehen.

Aber auf mehreren waren Drohungen zu hören. Zusammen mit Emils Verletzungen, Kathrins Aussage und weiteren Feststellungen ergab sich ein Bild, das Frank nicht mit einem freundlichen Auftreten verschwinden lassen konnte.

Für Emil war an diesem Abend nur eines wichtig.

Leni war nicht mehr bei ihm.

„Dann hat das Geld gereicht“, sagte er.

Ich schob die sieben Münzen zurück in den grünen Beutel.

„Das brauchst du dafür nicht.“

Er runzelte die Stirn.

„Aber Sie sind doch gekommen.“

„Weil deine Mama gefragt hat. Und weil du mit mir reden wolltest.“

Er dachte darüber nach.

„Dann können Sie trotzdem eine behalten.“

„Wofür?“

„Damit Sie’s nicht vergessen.“

Ich musste aufstehen und zum Fenster gehen. Nur für einen Moment.

Draußen stand ein Mann am Parkautomaten und schimpfte, weil der seinen Schein nicht nahm. Auf dem Gehweg zog eine Mutter einem Kind die Mütze über die Ohren.

Ich weiß noch, wie zornig mich diese gewöhnlichen Dinge machten. Dass die Welt einfach weiterlief, während in diesem Bett ein Junge lag, der seine Ersparnisse für die Sicherheit seiner Schwester angeboten hatte.

Als ich mich wieder umdrehte, entschuldigte Emil sich bei seiner Mutter.

„Ich hab versucht, leise zu sein.“

Kathrin schüttelte den Kopf.

„Nein, Schatz.“

„Aber Leni ist aufgewacht. Dann war er sauer.“

Die Pflegerin stand noch im Zimmer. Sie ging auf die andere Bettseite, kniete sich hin und wartete, bis Emil sie ansah.

„Du hast nichts falsch gemacht“, sagte sie. „Auch wenn deine Schwester weint. Auch wenn ein Erwachsener wütend wird. Dafür bist du nicht verantwortlich.“

Er blickte zu mir, als brauche er eine zweite Meinung.

„Sie hat recht“, sagte ich.

„Ich bin aber der Große.“

„Du bist sieben, Emil.“

Das war der Satz, bei dem Dieter hinausgehen musste.

Gegen Abend veränderte sich etwas. Die Pflegerin sah auf die Anzeigen, stellte eine Frage und drückte einen Knopf. Kurz darauf waren wieder Ärzte im Zimmer.

Wir mussten hinaus.

Kathrin durfte bleiben, dann musste auch sie für eine Weile auf den Flur. Sie stand da in ihrer falsch geknöpften Jacke und fragte immer wieder, ob er sie hören könne.

Niemand machte große Versprechungen.

Eine Ärztin erklärte ihr, dass es eine schwere Komplikation gab und Emil erneut behandelt werden musste. Sie sprach klar und ruhig. Kathrin verstand jedes Wort einzeln, aber den Sinn offenbar erst, als die Tür wieder geschlossen war.

Ihre Mutter kam mit Rolf. Sie stellte ihre Handtasche auf den Boden und nahm ihre erwachsene Tochter in die Arme.

„Ich bin hier“, sagte sie.

Kathrin sank an ihr zusammen.

Wir warteten in einem kleinen Raum mit sechs Stühlen. Helga hatte belegte Brötchen besorgt, die niemand anrührte. Dieter ging zweimal zum Kaffeeautomaten und kam beide Male mit leeren Händen zurück.

Es war nach neun, als die Ärztin uns holte.

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