Ein Mädchen wartete auf seine Eltern, doch vierzig Fremde kamen und blieben

Dreiundneunzig Tage lang hielten vierzig ehemalige Arbeitskollegen einem sterbenden Mädchen die Hand. Angefangen hatte alles damit, dass der mürrischste von ihnen im Krankenhaus die falsche Tür suchte.

„Gehst du jetzt auch wieder?“

Hans blieb im Türrahmen stehen. Das kleine Mädchen im Bett hatte die Frage so leise gestellt, dass er zuerst glaubte, sie hätte mit ihrem Stoffhasen gesprochen.

Er hielt einen zerknitterten Zettel in der Hand. Darauf standen die Zimmernummer seines Bruders und, in seiner eigenen ungelenken Schrift, die Besuchszeiten.

„Ich bin wohl falsch“, sagte er.

„Das sagen hier viele.“

Das Mädchen zog die Decke bis unters Kinn. Auf dem Nachttisch lagen drei unbenutzte Buntstifte. Daneben stand ein Becher mit einem verbogenen Strohhalm.

Hans sah auf den Flur. Eine Pflegerin kam aus dem Nachbarzimmer.

„Ich suche meinen Bruder. Rolf Brenner.“

„Eine Etage tiefer“, sagte sie. Dann sah sie an ihm vorbei zum Bett. „Mila, alles in Ordnung?“

Das Mädchen antwortete nicht. Es sah nur auf Hans’ große Hand, die noch immer den Zettel festhielt.

„Können Sie kurz bleiben?“, fragte es schließlich. „Nur bis ich eingeschlafen bin?“

Hans war siebenundsechzig, hatte ein halbes Leben in einer Werkstatt für Nutzfahrzeuge gearbeitet und wusste, wie man einen festgefressenen Bolzen löste. Er wusste nicht, was man einem schwer kranken Kind sagte.

„Wenn das hier erlaubt ist“, murmelte er.

Die Pflegerin sah Mila an.

„Möchtest du, dass Herr Brenner sich einen Moment zu dir setzt?“

Mila nickte.

Also zog Hans seine alte Arbeitsjacke aus, legte sie über die Stuhllehne und setzte sich.


Später hätte er nicht mehr sagen können, warum er ausgerechnet an diesem Tag die Treppe eine Etage zu weit hinaufgegangen war. Sein Bruder lag seit zwei Wochen im Krankenhaus. Hans kannte den Weg.

Vielleicht hatte er einfach nicht auf die Schilder geachtet. Vielleicht war er in Gedanken bei dem Gespräch, das er mit dem Arzt geführt hatte.

Rolf würde nicht wieder nach Hause kommen.

Die beiden hatten am selben Küchentisch ihre Hausaufgaben gemacht, später vierzig Jahre lang miteinander gestritten und sich nach jedem Streit irgendwann wieder vertragen. Nun sollte Hans allein übrig bleiben.

Im Zimmer über Rolfs Station saß ein siebenjähriges Mädchen, das ebenfalls wusste, dass etwas nicht mehr gut werden würde.

„Warum hast du so schwarze Hände?“, fragte Mila.

Hans drehte die Handflächen nach oben.

„Das geht nicht mehr richtig weg. Öl, Metallstaub. Ich hab lange Motoren repariert.“

„Auch Busse?“

„Viele Busse.“

„Dann hast du bestimmt dafür gesorgt, dass Kinder zur Schule kommen.“

Er schnaubte leise.

„Und Erwachsene zur Arbeit.“

„Das ist weniger schön.“

Zum ersten Mal an diesem Tag musste Hans lächeln.

Mila lächelte nicht zurück. Sie betrachtete die Tür.

„Meine Mama hat gesagt, sie holt nur frische Sachen.“

Hans wartete.

„Das war vor achtundzwanzig Tagen.“

Er sah zu der Pflegerin, die noch am Fußende stand. Ihr Gesicht veränderte sich kaum. Aber sie senkte den Blick.

„Vielleicht ist etwas dazwischengekommen“, sagte Hans, und schon während er sprach, merkte er, wie schlecht dieser Satz war.

Mila zog den Stoffhasen näher an sich.

„Ja. Das sagen hier auch viele.“


Auf dem Flur erzählte ihm Schwester Anne später nur das, was er wissen musste.

Mila hatte eine Krebserkrankung. Die Behandlungen hatten nicht mehr geholfen. Das Team konnte ihre Beschwerden lindern, sie versorgen und ihr möglichst gute Tage ermöglichen.

Ihre Eltern waren seit Wochen nicht mehr gekommen.

Es hatte Gespräche gegeben, Hilfsangebote, Anrufe. Die Mutter hatte zuletzt gesagt, sie schaffe es nicht mehr. Danach war sie kaum noch erreichbar gewesen. Der Vater reagierte überhaupt nicht.

Eine zuständige Vormundin und der Sozialdienst kümmerten sich inzwischen um Milas Angelegenheiten. Für die weitere Betreuung war ein Platz in einem Kinderhospiz vorgesehen.

„Aber jemand, der einfach zu ihr gehört“, sagte Anne, „den können wir nicht bestellen.“

Hans schaute durch das schmale Fenster in der Zimmertür.

Mila lag mit geschlossenen Augen da. Ihre Finger hielten ein langes Hasenohr umklammert.

„Sind Sie sicher, dass ich wiederkommen darf?“

„Wenn Mila das möchte und wir alles in Ruhe miteinander absprechen.“

Hans nickte. Dann ging er eine Etage tiefer zu seinem Bruder.

Rolf sah sofort, dass etwas war.

„Hat der Arzt mit dir geredet?“

„Nicht deshalb.“

Hans setzte sich und erzählte ihm von dem Mädchen.

Sein Bruder hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Das hatte er früher selten geschafft.

„Dann geh morgen wieder hin“, sagte er schließlich.

„Ich komm doch zu dir.“

Rolf verzog den Mund.

„Du wirst ja wohl zwei Stühle am Tag schaffen.“


Am nächsten Nachmittag brachte Hans ein kleines Bilderbuch mit, das ihm die Verkäuferin in der Buchhandlung empfohlen hatte.

Mila betrachtete den Einband.

„Das ist für Kleine.“

„Die Frau hat gesagt, das sei gut.“

„Hat sie gefragt, wie alt ich bin?“

„Ich hab gesagt, sieben.“

„Dann hat sie dir nicht zugehört.“

Hans sah auf das Buch, dann auf Mila.

„Kommt vor.“

Sie ließ ihn trotzdem vorlesen. Auf Seite vier schlief sie ein.

Er blieb sitzen.

Als sie zwanzig Minuten später die Augen öffnete, erschrak sie kurz. Dann sah sie ihn.

„Ach“, sagte sie. „Du bist noch da.“

Auf dem Heimweg musste Hans rechts ranfahren. Er stellte den Motor ab und saß lange mit beiden Händen auf dem Lenkrad.

Zu Hause wartete niemand auf ihn. Seine Frau war vor sechs Jahren gestorben. Der Sohn lebte mit seiner Familie weit weg, die Gespräche wurden seit Langem mit „Wir müssen bald mal wieder“ beendet.

Hans hatte geglaubt, er hätte sich an die Stille gewöhnt.

Jetzt hörte er darin nur noch dieses kleine, überraschte „Ach“.


Am Donnerstag traf er sich mit seinen früheren Kollegen im Nebenraum einer Gaststätte. Seit der Werkstattschließung kamen sie einmal im Monat zusammen.

Früher hatten sie über Schichtpläne und kaputte Hebebühnen geschimpft. Heute ging es um künstliche Knie, Enkelkinder und darum, wer wieder eine neue Brille brauchte.

An diesem Abend ließ Hans seinen Kaffee kalt werden.

„Ich muss euch was erzählen“, sagte er.

Dieter wollte noch einen Witz machen. Dann sah er Hans’ Gesicht und ließ es.

Hans erzählte von Mila. Von den Buntstiften. Von ihrer Frage, ob er auch wieder gehe.

Als er fertig war, rieb sich Dieter über den Bart.

„Was braucht sie?“

Hans hatte auf dem Weg viele Sätze im Kopf vorbereitet. Jetzt blieb nur einer übrig.

„Jemanden auf dem Stuhl.“

Dieter nickte langsam.

„Das müsste doch hinzukriegen sein.“


Es war nicht damit getan, eine Liste an die Wand zu hängen.

Die Vormundin wollte wissen, wer diese Männer und Frauen waren. Das Krankenhaus brauchte klare Absprachen. Anne erklärte ihnen, dass Mila Ruhe brauchte, dass Besuche ausfallen konnten und dass niemand mit einer Erkältung auftauchte.

„Und Sie versprechen ihr bitte nichts, was Sie nicht halten können“, sagte sie.

Hans hörte besonders genau zu.

Die ersten Besuche fanden begleitet statt. Später kamen Gespräche mit dem Team des Kinderhospizes hinzu. Wer regelmäßig helfen wollte, musste die vorgesehenen Prüfungen und Einweisungen durchlaufen.

Manche übernahmen deshalb zunächst andere Aufgaben. Sie fuhren Leute hin, brachten frische Wäsche, kochten für Hans oder hielten den Kontakt zu denen, die noch arbeiteten.

Aus zwölf ehemaligen Kollegen wurden mit der Zeit vierzig Menschen: frühere Schlosser, Fahrer, Frauen aus der Verwaltung, die ehemalige Kantinenköchin und zwei Kollegen, zu denen seit Jahren niemand mehr Kontakt gehabt hatte.

Hans schrieb die Namen in ein kariertes Heft.

Es wurde kein Dienstplan wie früher in der Werkstatt. Mila war keine Aufgabe, die man abarbeiten konnte. Aber verlässliche Zeiten halfen.

Und bald gab es kaum noch einen Nachmittag, an dem der Stuhl neben ihrem Bett leer blieb.


Dieter war der Erste, den Mila nach Hans akzeptierte.

Er hatte einen breiten Nacken, eine krumme Nase und sprach selbst dann laut, wenn er freundlich sein wollte.

„Bist du der Chef von Hans?“, fragte sie.

„Früher mal.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hört er immer noch nicht auf mich.“

Mila überlegte.

„Dann warst du wohl kein guter Chef.“

Dieter lachte so unvermittelt, dass Anne durch die offene Tür schaute.

Am nächsten Tag brachte er ein Kartenspiel mit. Mila erklärte ihm Regeln, die sich während des Spiels veränderten.

„Vorhin durfte man das noch“, beschwerte er sich.

„Vorhin war ich auch noch nicht am Gewinnen.“

Er ließ sich besiegen, aber nicht so offensichtlich, dass sie es merkte.

Als Hans am Abend kam, sagte Mila: „Dein Chef kann nicht verlieren.“

Dieter stand hinter ihr und nickte ernst.


Renate hatte früher die Ersatzteilbestellungen gemacht. Wer bei ihr ein Teil ohne Nummer bestellte, bekam einen Vortrag, den er nicht vergaß.

Bei Mila saß sie mit einer kleinen Dose voller Knöpfe.

Sie sortierten sie nach Farben, erfanden Namen für die besonders hässlichen und zeichneten Häuser, deren Türen nur mit einem bestimmten Knopf aufgingen.

Eines Tages malte Mila ein gelbes Fahrrad.

„So eins will ich, wenn ich größer bin.“

Renates Hand blieb über dem Papier stehen.

Dann fragte sie: „Mit Korb?“

„Ja. Für meinen Hasen.“

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