Ein Mädchen wartete auf seine Eltern, doch vierzig Fremde kamen und blieben

„Dann muss der ordentlich festgemacht sein. Nicht dass er bei der ersten Bodenwelle rausfliegt.“

Erst auf dem Flur fing Renate an zu weinen.

Hans fand sie am Fenster.

„Ich wusste nicht, was ich sagen soll“, flüsterte sie.

Er stellte sich neben sie.

„Ich meistens auch nicht.“

Danach blieben sie eine Weile stehen, ohne sich dafür zu schämen.


Als Mila ins Kinderhospiz umzog, hatte sie Angst, dass die Besuche aufhören würden.

Hans kam am Morgen mit einer Tasche. Darin waren ihr Bilderbuch, die Knopfdose und der Hase, den sie selbst tragen wollte.

„Ist das weit?“, fragte sie.

„Knapp eine halbe Stunde.“

„Für dich auch?“

„Für mich auch.“

„Und wenn Schnee liegt?“

Es war August.

Hans setzte sich auf die Bettkante.

„Dann fahre ich früher los.“

Sie sah ihn prüfend an.

Er sagte nichts weiter. Ein großes Versprechen hätte sie vermutlich weniger beruhigt.

Im neuen Zimmer stand der Stuhl zunächst auf der falschen Seite. Mila wollte, dass sie die Tür sehen konnte und Hans trotzdem neben ihr saß.

Er rückte ihn zurecht.

„So?“

Sie nickte.

„Jetzt ist es fast wie vorher.“


Hans’ Bruder starb drei Wochen nach der ersten Begegnung.

Am Tag danach kam Hans nicht. Anne hatte Mila gesagt, warum. Trotzdem fragte sie am Nachmittag zweimal nach ihm.

Als er am nächsten Morgen eintrat, war sein Gesicht grau vor Müdigkeit.

Mila legte den Hasen zur Seite.

„Ist dein Bruder jetzt tot?“

Hans setzte sich.

„Ja.“

Sie schaute lange auf seine Schuhe.

„Du darfst weinen.“

Er wollte etwas sagen, bekam aber keinen vernünftigen Satz heraus. Also saß er nur da, den Kopf gesenkt.

Mila schob ihre Hand über die Decke. Ihre Finger erreichten seine gerade eben.

Hans hielt sie fest und weinte so still, wie er konnte.

Später, als Anne ins Zimmer kam, schlief Mila. Ihre Hand lag noch in seiner.

Diesmal war er derjenige gewesen, der jemanden gebraucht hatte.


Nicht jeder konnte bleiben.

Ein früherer Fahrer kam einmal und schaffte danach keinen zweiten Besuch. Seine Frau war erst kurz zuvor gestorben. Er sagte Hans am Telefon, dass er sich feige vorkomme.

„Dann fahr mich mittwochs hin“, antwortete Hans. „Ich schlafe gerade zu wenig.“

Der Mann fuhr ihn fortan jeden Mittwoch.

Andere blieben zunächst nur eine halbe Stunde. Einer brachte jedes Mal ein Kreuzworträtsel mit und stellte Mila die Fragen, die sie wissen konnte.

„Tier mit drei Buchstaben.“

„Elefant.“

„Der passt nicht.“

„Dann musst du kleiner schreiben.“

Mit der Zeit entstand eine Vertrautheit, die niemand geplant hatte.

Mila kannte Dieters Husten, Renates Schritte und das leise Klappern von Hans’ Schlüsselbund. Sie wusste, wer zu schnell vorlas und wer heimlich beim Vorlesen die Brille abnahm, weil er weinte.

Sie sagte dann manchmal: „Du kannst auch morgen weiterlesen.“

Und sie durfte ebenso sagen: „Heute will ich niemanden sehen.“

Dann saßen ihre Besucher im Aufenthaltsraum und warteten, bis sie gebraucht wurden oder nach Hause gehen konnten.


Im September fragte sie wieder nach ihrer Mutter.

Hans hatte gerade versucht, aus einem Blatt Papier einen Frosch zu falten. Er war kaum bis zu einem schiefen Dreieck gekommen.

„Wenn Mama doch kommt, darf sie dann rein?“

Er legte das Papier hin.

„Natürlich.“

„Auch wenn du hier bist?“

„Auch dann.“

Mila knetete das Hasenohr zwischen den Fingern.

„Bist du dann traurig?“

Hans musste schlucken.

„Vielleicht bin ich manchmal traurig. Aber du musst dich nicht um mich kümmern.“

„Renate wäre vielleicht böse.“

„Renate würde sich zusammenreißen.“

Das brachte Mila kurz zum Lächeln.

Danach sagte sie: „Ich vermisse sie trotzdem.“

Hans nickte.

Er sagte nicht, dass sie das nicht müsse. Er sagte auch nicht, dass die anderen doch jetzt da seien.

Er rückte nur mit dem Stuhl näher.


Die Mutter kam nicht.

Es gab noch einen Kontakt über den Sozialdienst, später eine Nachricht, die Mila vorgelesen wurde. Darin stand, dass ihre Mutter sie lieb habe.

Mila hörte zu und fragte anschließend: „Kommt sie Donnerstag?“

Niemand konnte ihr das versprechen.

Hans war an diesem Abend wütender, als er seit Jahren gewesen war. Draußen vor dem Hospiz trat er gegen einen losen Stein, der über den Weg sprang.

Dieter stand neben ihm.

„Ich würde ihr gern mal sagen, was ich davon halte.“

„Und dann?“, fragte Hans.

Dieter antwortete nicht.

Sie gingen wieder hinein. Mila wollte wissen, ob einer von ihnen schon einmal einen echten Igel angefasst hatte.

Beide sagten gleichzeitig ja.

Dann mussten sie erklären, warum das keine besonders gute Idee gewesen war.


An einem guten Tag durfte Mila in den Garten.

Sie saß warm eingepackt im Rollstuhl. Hans schob langsam über den befestigten Weg, während Renate nebenherging und sämtliche Pflanzen falsch benannte.

„Das ist kein Lavendel“, sagte Hans.

„Woher willst du das wissen?“

„Weil da Rosen dran sind.“

Mila lachte. Dann wurde sie müde und wollte unter dem großen Sonnenschirm sitzen.

Auf dem Nachbargrundstück fuhr ein Kind Fahrrad. An der Lenkstange flatterten bunte Bänder.

Mila sah lange hinüber.

„Meins wäre gelb“, sagte sie.

Hans nickte.

„Weiß ich.“

„Mit einem richtigen Licht. Papa hat immer gesagt, die Dinger sind zu teuer.“

Hans schaute auf ihre dünnen Beine unter der Decke.

Er hätte ihr sofort ein Fahrrad gekauft. Das Geld lag seit Jahren für Dinge auf dem Konto, die er nicht mehr brauchte.

Stattdessen fragte er: „Soll dein Hase einen Helm kriegen?“

„Natürlich. Der fällt doch dauernd um.“


Ein paar Tage später brachte Renate eine selbst genähte Tasche für den Rollstuhl mit.

Gelber Stoff, ein großer Knopf und genug Platz für den Hasen.

Dieter hatte ein kleines Schild dazu gemacht. Darauf stand: „Milas Fahrdienst“.

„Wer ist denn der Fahrer?“, fragte sie.

„Kommt drauf an, wen du einteilst“, sagte Hans.

Sie nahm einen Filzstift und malte einen dicken Strich unter ihren Namen.

„Ich bin die Chefin.“

Von da an fragte Dieter bei jedem Besuch: „Was steht heute an, Chefin?“

Manchmal stand eine Geschichte an. Manchmal ein Pudding. Manchmal nur das Öffnen des Fensters, damit sie die Vögel hören konnte.

Und manchmal sagte Mila: „Nichts. Setz dich einfach.“

Das war für einige von ihnen anfangs das Schwerste gewesen.

Sie waren es gewohnt, Probleme anzufassen, Teile zu tauschen, etwas in Ordnung zu bringen.

Hier mussten sie lernen, die Hände ruhig zu halten.

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