Ein Mädchen wartete auf seine Eltern, doch vierzig Fremde kamen und blieben

Im Oktober fragte Mila Hans, ob er Kinder habe.

„Einen Sohn. Der ist schon erwachsen.“

„Kommt der dich besuchen?“

„Zu selten.“

„Rufst du ihn an?“

Hans strich eine Falte aus der Bettdecke.

„Auch zu selten.“

Mila betrachtete ihn mit diesem ernsten Blick, bei dem er immer das Gefühl hatte, sich nicht herausreden zu können.

„Dann seid ihr beide ein bisschen doof.“

„Wird wohl so sein.“

An diesem Abend rief Hans seinen Sohn an. Sie redeten erst über das Auto, dann über den Garten und schließlich darüber, warum sie sich immer weniger gesagt hatten.

Zwei Wochen später kam der Sohn mit seinen Kindern zu Besuch. Nicht ins Hospiz, sondern zu Hans nach Hause.

Am Montag erzählte Hans Mila davon.

„Siehst du“, sagte sie und schob ihm die Karten hin. „Jetzt mischen.“


Die Frage kam an einem Abend, an dem sie zu müde zum Spielen war.

Hans las ihr aus einem Buch vor, das inzwischen wirklich zu ihrem Alter passte. Nach ein paar Seiten merkte er, dass sie gar nicht auf die Geschichte achtete.

„Was ist?“

Mila zog die Schultern ein wenig hoch.

„Hättest du mich genommen?“

„Wobei?“

„Wenn man sich Kinder aussuchen könnte.“

Hans legte das Buch auf den Nachttisch.

„Ja.“

„Auch mit der Krankheit?“

Er musste erst Luft holen.

„Auch dann.“

Sie nickte, sah aber noch nicht zufrieden aus.

„Du könntest ja nichts mit mir machen. Nicht schwimmen oder so.“

„Wir machen doch dauernd was.“

„Karten zählt nicht.“

„Sag das mal Dieter. Der trainiert zu Hause.“

Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann wurde sie wieder ernst.

„Ich hätte gern einen Papa wie dich.“

Hans beugte sich vor und nahm ihre Hand.

„Ich bin hier, Mila.“

Mehr brachte er nicht heraus.

Sie schloss die Augen.

„Morgen auch?“

„Morgen auch.“


Als Mila schwächer wurde, änderten sich die Besuche.

Die Knopfdose blieb geschlossen. Bücher wurden seltener aufgeschlagen. Manchmal strengte selbst Zuhören sie an.

Gemeinsam mit dem Team organisierten sie die Zeiten neu. Einige vertraute Besucher konnten nach Absprache auch länger am Abend bleiben. In unruhigen Nächten saß jemand bei ihr, während die Mitarbeitenden ihre Versorgung übernahmen.

Nicht jeder von den vierzig hielt ihre Hand. Manche hatte sie nur kurz kennengelernt.

Aber alle trugen etwas dazu bei, dass die Menschen, denen sie vertraute, wiederkommen konnten.

Auf dem karierten Plan standen inzwischen auch Fahrten, Einkäufe und ein Name neben dem schlichten Wort „Mittagessen“.

Es war Renates Idee.

„Wenn du weiter nur Brot isst“, hatte sie zu Hans gesagt, „kippst du uns noch um.“

Mila hatte zugehört.

„Du musst machen, was sie sagt“, flüsterte sie.

Hans hob ergeben die Hände.


Ende Oktober fragte Mila nach Weihnachten.

Anne setzte sich zu ihr und sprach behutsam mit ihr. Hans saß daneben und war froh, dass er nicht nach Worten suchen musste, die alles leichter machten.

Am nächsten Morgen fragte Mila: „Kann man Plätzchen auch vorher essen?“

Renate brauchte keine weitere Aufforderung.

Am Sonntag stand ein kleiner Tannenzweig in einer Vase. Es gab zwei Sorten Plätzchen und eine Lichterkette, die vorher mit dem Team abgesprochen worden war.

Sie kamen einzeln oder zu zweit. Niemand wollte Mila mit einem großen Fest überfordern.

Dieter trug eine rote Mütze, die ihm viel zu klein war.

„Die war im Angebot“, behauptete er.

„Für Puppen?“, fragte Mila.

Hans half ihr, eine Karte zu öffnen. Darin hatten alle vierzig unterschrieben.

Manche Namen erkannte sie. Bei anderen fragte sie nach.

„Das ist Klaus“, erklärte Hans. „Der mich mittwochs fährt.“

Mila fuhr mit dem Finger über die Unterschriften.

„Der gehört auch dazu.“


Anfang November konnte sie kaum noch sprechen.

Sie zeigte mit den Augen, ob sie etwas wollte. Manchmal drückte sie eine Hand. Manchmal war sie so erschöpft, dass selbst das nicht ging.

Hans begann, ihr ganz gewöhnliche Dinge zu erzählen.

Dass der Nachbar schon wieder Laub auf den Gehweg gepustet hatte. Dass Dieter beim Kartenspiel zu Hause gegen seine Frau verloren hatte. Dass sein Enkel einen Schneemann malen sollte und ihm aus Versehen fünf Arme gegeben hatte.

Er erzählte ihr keine Geschichten davon, dass sie bald gesund würde.

Wenn sie wach war, sollte sie ihm glauben können.

Eines Abends nahm er den Hasen vom Boden auf und setzte ihn neben ihr Kissen.

Mila bewegte die Lippen.

Hans beugte sich zu ihr.

„Nicht weg.“

Er wusste nicht, ob sie ihn oder den Hasen meinte.

„Bleibt alles hier“, sagte er.

Dann blieb er ebenfalls.


Am fünfzehnten November rief Anne am frühen Morgen an.

Hans war schon angezogen.

Im Hospiz war es still. Renate saß bei Mila und hielt ihre Hand. Als Hans eintrat, machte sie ihm Platz auf der anderen Seite.

Im Laufe des Tages kamen die anderen.

Sie versammelten sich im Aufenthaltsraum, brachten Kaffee, stellten Tassen wieder ab und schauten auf ihre Telefone, ohne etwas darauf zu lesen. Ein paar gingen für wenige Minuten hinein.

Vierzig Menschen hätten Mila überfordert. Selbst jetzt achteten sie darauf.

Dieter stand lange vor ihrer Tür. Als er schließlich ans Bett trat, nahm er die Mütze ab, die er auf dem Weg vergessen hatte abzusetzen.

„Keine Termine mehr heute, Chefin“, sagte er leise. „Wir haben alles geregelt.“

Dann strich er mit einem Finger über die gelbe Tasche am Rollstuhl und ging hinaus.


Am Abend saßen Hans und Renate bei ihr.

Anne kam regelmäßig herein. Sie erklärte ruhig, was sich veränderte, und half ihnen, die Stille auszuhalten.

Hans hielt Milas Hand zwischen seinen beiden.

Die Schwielen waren noch da. Die dunklen Ränder an seinen Nägeln auch.

Er hatte sich anfangs geschämt, damit ihre so feinen Finger zu berühren. Mila hatte nie etwas dagegen gehabt.

„Ich bin hier“, sagte er.

Renate rückte den Hasen zurecht.

Kurz vor elf hörte Mila auf zu atmen.

Hans blieb sitzen. Er wartete noch auf einen Atemzug, obwohl Anne schon neben ihm stand.

Als er schließlich begriff, schloss er die Augen und beugte den Kopf über Milas Hand.

Draußen im Aufenthaltsraum stand niemand auf, als Anne zu ihnen kam.

Sie wussten es schon an ihrem Gesicht.


Zur Beerdigung kamen ehemalige Kollegen, Nachbarn und Menschen, die Mila durch die Besuche kennengelernt hatten.

Keine große Menge. Aber genug, dass niemand allein am Grab stehen musste.

Die Vormundin hatte gemeinsam mit dem Hospiz alles vorbereitet. Die Kollegen beteiligten sich an den Kosten für Blumen und einen kleinen Grabstein.

Darauf standen Milas Name, ihre Lebensdaten und ein gelbes Fahrrad.

Ihre Eltern waren nicht da.

Hans sah einmal zum Friedhofstor. Dann wandte er sich wieder dem Grab zu.

Renate hielt die Hand ihres Mannes. Dieter hatte ein ordentliches Hemd an, an dessen Ärmel ein Knopf fehlte.

Nachher gingen sie zusammen Kaffee trinken.

Lange sprach kaum jemand. Dann erzählte Dieter, wie Mila ihn beim Kartenspiel beschummelt hatte.

„Nicht beschummelt“, sagte Renate. „Die Regeln angepasst.“

Ein paar lachten. Einer weinte dabei.


Hans bekam den Hasen einige Wochen später.

Die Vormundin hatte gefragt, ob er ihn haben wolle. Er hatte am Telefon nur nicken können, bis ihm einfiel, dass sie das nicht sehen konnte.

Der Hase sitzt heute auf einem Stuhl in seiner Küche.

Manchmal setzt sein Enkel ihm eine Mütze auf. Hans lässt sie dann eine Weile dort, bevor er sie vorsichtig abnimmt.

Das karierte Heft liegt in der Schublade darunter. Dreiundneunzig Tage stehen darin, vom ersten falschen Weg im Krankenhaus bis zu jenem Novemberabend.

Hans hat die Seiten nicht herausgerissen.

Einige der Kollegen besuchen inzwischen andere Familien. Sie haben sich dafür ausbilden lassen und helfen dort, wo Unterstützung gewünscht ist. Andere fahren, kochen oder kümmern sich darum, dass Angehörige einmal ein paar Stunden schlafen können.

Nicht alle konnten diese Arbeit weiterführen.

Aber zum monatlichen Treffen kommen wieder mehr als früher.

Und wenn einer fehlt, ruft jemand an.


Im folgenden Frühjahr kam Hans an einem Nachmittag allein zu Milas Grab.

Er entfernte ein paar welke Blätter und stellte einen kleinen Topf mit gelben Blumen hin. Dann setzte er sich auf die Bank am Weg.

Nach einer Weile holte er ein Foto aus der Jackentasche.

Es zeigte ihn zwischen seinem Sohn und den beiden Enkeln. Der Kleine hatte beim Fotografieren nicht stillgehalten. Sein Gesicht war verwischt.

„Wir waren zusammen am See“, sagte Hans leise. „Das wollte ich dir noch erzählen.“

Er blieb, bis das Licht hinter den Bäumen schwächer wurde.

Zu Hause klingelte später das Telefon. Sein Sohn fragte, ob Sonntag recht wäre.

Hans schaute zu dem Stoffhasen auf dem Küchenstuhl.

„Ja“, sagte er. „Kommt ruhig früh. Ich koche was.“

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