Ein Junge bot mir sieben Euro, damit ich seine kleine Schwester beschütze

Sie sprach zuerst mit Kathrin. Ich hörte nur einzelne Worte und wusste trotzdem, bevor Kathrin anfing zu weinen, was sie bedeuteten.

Emil hatte es nicht geschafft.

Ich werde nicht beschreiben, wie seine Mutter in diesem Zimmer geweint hat. Manche Dinge gehören den Menschen, die sie ertragen müssen.

Ich stand später noch einmal an seinem Bett. Der grüne Beutel lag auf dem Nachttisch, daneben ein Bilderbuch, das Dieter nicht mehr hatte aufschlagen können.

Kathrin hielt Emils Hand.

„Er wollte doch nur, dass sie sicher ist“, sagte sie.

Ich legte meine Hand auf die Bettkante.

„Ja.“

Mehr brachte ich nicht heraus.

Am nächsten Morgen saß ich in meiner Küche. Auf dem Tisch lag eine Euromünze. Kathrin hatte sie mir gegeben, bevor wir gegangen waren.

„Er hat gesagt, Sie sollen eine behalten.“

Ich drehte sie um und um. Meine Frau hätte gewusst, wie man mich in so einem Zustand anspricht. Sie war seit sechs Jahren tot.

Ich rief meine Tochter an.

Als sie abhob, fragte sie sofort: „Papa, was ist passiert?“

Da fing ich an zu weinen.

In den folgenden Tagen wollte ich etwas reparieren. Eine Tür, eine Maschine, irgendein Ding, das nach meiner Arbeit wieder funktionierte.

Ich räumte die Werkstatt auf, sortierte Schrauben und warf eine halb volle Schachtel verbogener Nägel weg, die ich bestimmt zwanzig Jahre aufgehoben hatte.

Aber abends saß ich wieder in der Küche.

Dieter kam am Samstag. Er brachte Suppe mit, die seine Frau gekocht hatte, und stellte zwei Teller hin.

„Wir hätten nichts anderes machen können“, sagte er.

Ich nickte.

„Ich weiß.“

Es half, dass er danach nicht weitersprach.

Die Beerdigung fand zwölf Tage später statt. Kathrin hatte sich eine kleine Trauerfeier gewünscht, und so blieb es.

Wir kamen zu viert, in dunklen Jacken. Dieter trug Schuhe, die ihm sichtbar zu eng waren. Helga hatte ein kleines Kissen genäht, auf dem eine rote Lokomotive lag.

Emils Lehrerin war da, zwei Nachbarsfamilien und seine Großmutter. Leni blieb während der Feier bei einer vertrauten Betreuerin.

Es gab keine große Rede über Tapferkeit. Seine Mutter hatte darum gebeten.

Die Frau, die die Trauerfeier hielt, erzählte, dass Emil ungern Pilze gegessen hatte, beim Malen über den Rand gekommen war und seiner Schwester immer den letzten Keks gegeben hatte, obwohl er vorher behauptete, sie bekomme keinen.

Dann las sie einen Satz vor, den Kathrin aufgeschrieben hatte.

„Mein Sohn sollte nicht stark sein müssen. Er sollte alt werden dürfen.“

Diesen Satz habe ich mir gemerkt.

Die Monate danach waren nicht so, wie Menschen sich ein tröstliches Ende vorstellen. Kathrin zog mit Leni zunächst zu ihrer Mutter. Sie bekam Unterstützung, führte Gespräche, musste Aussagen machen und Fragen beantworten, denen sie selbst lieber ausgewichen wäre.

Sie sprach auch darüber, dass sie Emils Angst zu oft beschwichtigt hatte, weil sie ihre eigene nicht aushielt.

Einmal sagte sie zu mir: „Wenn ich erzähle, wie viel Angst ich hatte, klingt es, als wollte ich mich entschuldigen.“

Wir saßen in der Küche ihrer Mutter. Leni schlief nebenan.

„Sie müssen erzählen, was war“, sagte ich. „Auch das, was schwer auszuhalten ist.“

Sie nickte.

„Ich habe ihm nicht genug geglaubt.“

Ich widersprach ihr nicht mit einem bequemen Satz. Ich blieb sitzen, während sie weinte, und machte später neuen Tee.

Frank wurde angeklagt und schließlich zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Im Verfahren wurde ausführlich untersucht, was Emil und seiner Mutter widerfahren war und wie es zu seinem Tod gekommen war.

Wir waren als Zeugen dort. Nicht als Rächer und auch nicht als eine Reihe bedrohlicher Männer hinter Kathrin.

Helga saß neben ihr, wenn sie warten musste. Ich brachte sie einmal nach Hause, weil ihre Mutter krank war.

Vor dem Gerichtsgebäude fragte ein fremder Mann, ob wir die Angehörigen seien.

Kathrin sah zu mir.

„Er hat meinem Sohn zugehört“, sagte sie.

Das war meine ganze Rolle. Und ich wünschte bis heute, jemand hätte sie früher übernommen.

Der Kontakt blieb, ohne dass wir eine neue Familie spielen mussten. Leni hatte ihre Mutter, ihre Oma und später wieder einen Platz in einem ganz gewöhnlichen Kindergarten.

Manchmal kam ich vorbei, um etwas zu reparieren. Einen wackelnden Stuhl, einen klemmenden Schrank, die Halterung an ihrem kleinen Fahrrad.

Bei meinem ersten Besuch versteckte Leni sich hinter ihrer Oma.

Ich setzte mich auf den Küchenboden und beschäftigte mich mit der kaputten Schublade. Nach einer Weile brachte sie mir wortlos einen Plastiklöffel.

Offenbar hielt sie meine Werkzeugauswahl für unvollständig.

So fing es an.

Kathrin erzählte ihr von Emil, sobald Leni Fragen stellte. Es gab Fotos, seine rote Lok und kleine Geschichten, in denen er auch mal trotzig oder albern sein durfte.

Er wurde nicht zu einem Jungen gemacht, der alles richtig gemacht hatte. Er blieb ihr großer Bruder, der mit vollem Mund gelacht und heimlich die Rosinen aus dem Kuchen gepult hatte.

Manchmal fragte Leni, warum er nicht wiederkam.

Dann nahm Kathrin sich Zeit. Auch wenn sie hinterher eine Stunde brauchte, bis sie wieder etwas anderes tun konnte.

Fast fünf Jahre nach jenem Donnerstag verlor Leni ihren ersten Milchzahn.

Ich war gerade dabei, in meiner Werkstatt ein Regal umzubauen, als Kathrin anrief.

„Hätten Sie Sonntag Zeit zum Kaffee? Leni möchte Ihnen etwas zeigen.“

Als ich kam, stand sie schon in der Tür. Sie grinste so breit, dass ich die Lücke sofort sah.

„Jetzt sehe ich aus wie Emil auf dem Foto.“

Auf dem Küchentisch lag der grüne Beutel.

Ich erkannte ihn, obwohl die Kordel neu war.

Kathrin hatte die sechs Münzen aufbewahrt. An diesem Morgen hatte eine davon unter Lenis Kopfkissen gelegen.

„Von Emil“, erklärte Leni.

„Ja“, sagte ihre Mutter. „Die hatte er für dich aufgehoben.“

Leni nahm die Münze zwischen zwei Finger und hielt sie gegen das Fenster.

„Oma sagt, früher konnte man dafür mehr kaufen.“

„Das sagt deine Oma auch über Kartoffeln“, sagte ich.

Sie lachte. Dann betrachtete sie meine Hände.

„Hast du deinen Euro noch?“

Ich zog mein Portemonnaie heraus. Im kleinen Fach hinter den Fotos lag die Münze, dunkel geworden an den Rändern.

Leni legte ihre daneben.

„Die sehen gleich aus.“

„Sind sie auch.“

„Warum gibst du deinen nicht aus?“

Kathrin stellte die Kaffeetassen ab und blieb einen Moment stehen.

Ich sah das Kind vor mir an, die Zahnlücke, den schiefen Pferdeschwanz und den Marmeladenfleck am Ärmel.

„Weil dein Bruder mich gebeten hat, etwas nicht zu vergessen.“

Leni überlegte kurz.

Dann schob sie mir meine Münze zurück.

„Dann musst du gut drauf aufpassen.“

„Mach ich.“

Wir tranken Kaffee, und Leni bekam Kakao. Später führte sie mir auf dem Teppich vor, wie schnell Emils rote Lok noch fahren konnte.

Als ein Rad am Übergang hängen blieb, wurde sie ärgerlich und rief nach ihrer Mutter. Kathrin kam aus der Küche, kniete sich neben sie und richtete die Schienen.

Ich saß auf dem Sofa und sah ihnen zu.

Niemand musste leise sein.

Bevor ich ging, zeigte Kathrin mir eine kleine Blechdose im Regal. Darin lagen der grüne Beutel, ein paar Fotos und Emils erster ausgefallener Zahn.

„Leni möchte ihren Euro dazulegen, bis sie groß ist“, sagte sie.

„Ein guter Platz.“

Kathrin schloss den Deckel, strich einmal darüber und stellte die Dose zurück.

An der Wohnungstür zog ich meine alte blaue Jacke an. Leni umarmte mich um die Hüfte und rannte dann wieder zu ihrer Eisenbahn.

Auf dem Heimweg steckte ich an einer roten Ampel die Hand in die Jackentasche. Mein Portemonnaie war da.

Die Münze auch.

Früher hätte ich geglaubt, ein Mann mit meinen Händen müsse vor allem zupacken können. Etwas heben, etwas schweißen, etwas wieder an seinen Platz bringen.

An diesem Abend dachte ich an Emil, der meinen Ärmel festgehalten hatte.

Er hatte einen starken Mann gesucht.

Was er zuerst gebraucht hatte, war jemand, der sitzen blieb und ihm glaubte.

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