Dann stockte er.
„Also… wenn ich einen hätte.“
Matthias antwortete nicht sofort.
Er setzte sich nur neben ihn und nahm einen Schraubenzieher.
„Dann versuchen wir eben gemeinsam, das Ding wieder zusammenzubauen.“
Zwei Stunden später lief der Wecker wieder.
Er ging sieben Minuten nach.
Jonas fand ihn trotzdem perfekt.
An einem Abend bauten sie aus Decken und Sofakissen eine Höhle im Wohnzimmer.
Lena schlief in ihrem Bettchen daneben.
„Matthias?“
„Hm?“
„Was passiert mit Mama?“
Er hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde.
Nadine befand sich inzwischen in Untersuchungshaft und sollte anschließend in eine Therapieeinrichtung kommen.
„Deine Mutter ist krank“, sagte Matthias.
Jonas runzelte die Stirn.
„Sie hat doch kein Fieber.“
„Nein. Es gibt Krankheiten, die man von außen nicht sieht.“
Er suchte lange nach den richtigen Worten.
„Deine Mutter hat etwas genommen, von dem ihr Körper und ihr Kopf immer mehr wollten. Irgendwann war dieses Verlangen stärker als viele andere Dinge.“
„Stärker als wir?“
Da war sie.
Die Frage, die kein Kind stellen sollte.
Matthias zog die Decke der Höhle etwas höher.
„Nein.“
Jonas sah ihn an.
„Aber sie hat uns allein gelassen.“
„Ja.“
„Dann war es doch stärker.“
Matthias spürte einen Kloß im Hals.
„Vielleicht war die Krankheit in diesem Moment stärker als ihre Fähigkeit, euch richtig zu schützen.“
Er legte die Hand auf Jonas‘ Schulter.
„Aber das bedeutet nicht, dass du weniger wert bist.“
Jonas schwieg.
„Und noch etwas.“
„Was?“
„Du bist nicht dafür zuständig, deine Mutter zu retten.“
Der Junge blinzelte.
Matthias sprach weiter.
„Und du bist auch nicht dafür zuständig, Lena allein zu retten. Du darfst ihr großer Bruder sein. Du musst nicht ihr Vater sein.“
Jonas‘ Gesicht verzog sich.
„Aber wenn ich nicht aufpasse…“
„Dann passen wir Erwachsenen auf.“
Zum ersten Mal seit Tagen weinte Jonas nicht still.
Er schluchzte.
Richtig laut.
Matthias nahm ihn in den Arm.
Dabei dachte er an seine eigene Generation.
An Väter, die ihre Söhne mit Sätzen wie „Ein Junge heult nicht“ großgezogen hatten.
An Männer, die mit siebzig noch lieber Rückenschmerzen verschwiegen, als jemanden um Hilfe zu bitten.
An sich selbst.
Vielleicht hatte er sein ganzes Leben geglaubt, Stärke bedeute, niemanden zu brauchen.
Dieser achtjährige Junge zeigte ihm gerade das Gegenteil.
Drei Wochen später saß Matthias in einem nüchternen Raum des Familiengerichts.
Eine Richterin blätterte durch Berichte.
„Herr Berger, beide Kinder entwickeln sich unter den Umständen erstaunlich stabil.“
Matthias nickte.
„Lena ist medizinisch vollständig erholt. Jonas geht wieder zur Schule und nimmt therapeutische Unterstützung an.“
Sie nahm die Lesebrille ab.
„Sie wissen, dass eine längerfristige Pflegeunterbringung mit erheblichen Verpflichtungen verbunden ist?“
„Ja.“
„Kontrollen. Gespräche. Hausbesuche.“
„Ja.“
„Sie führen ein großes Unternehmen.“
„Das Unternehmen hat mehrere hundert Mitarbeiter, die ihren Beruf verstehen.“
Die Richterin hob eine Augenbraue.
Matthias lächelte schwach.
„Das musste ich selbst erst lernen.“
Sie blätterte weiter.
„Warum tun Sie das?“
Matthias drehte sich um.
Hinten saß Frau Krüger mit Lena auf dem Arm.
Jonas hatte ein Buch über das Sonnensystem auf den Knien.
Als er bemerkte, dass Matthias ihn ansah, hob er kurz die Hand.
Matthias wandte sich wieder nach vorn.
„Als ich die beiden gefunden habe, dachte ich, ich würde sie retten.“
Er machte eine Pause.
„Inzwischen glaube ich, dass das nur die halbe Wahrheit ist.“
Die Richterin sagte nichts.
„Meine Wohnung war vorher perfekt. Meine Arbeit lief. Mein Konto war voll.“
Er atmete aus.
„Und trotzdem war mein Leben erstaunlich leer.“
„Diese Kinder sind aber nicht dafür da, Ihr Leben zu füllen.“
„Nein.“
Matthias nickte sofort.
„Und genau das ist der Unterschied.“
Er sah wieder zu Jonas.
„Ich will nicht, dass sie mich brauchen müssen. Ich möchte ihnen helfen, irgendwann so sicher zu werden, dass sie frei entscheiden können, wen sie brauchen.“
Die Richterin betrachtete ihn lange.
Dann legte sie die Unterlagen zusammen.
Die vorläufige Pflege wurde verlängert.
Sechs Monate später kam Klara für die Sommerferien.
Matthias war nervöser als vor jeder Geschäftsverhandlung seines Lebens.
Er hatte seiner Tochter alles erzählt.
Trotzdem wusste er nicht, wie es sich anfühlen würde, wenn sie plötzlich vor zwei Kindern stand, die in seinem Alltag inzwischen überall waren.
Klara betrat die Wohnung.
Jonas blieb unsicher im Flur stehen.
Lena saß auf einer Decke und versuchte, einen Holzklotz zu essen.
Klara schaute erst zu ihrem Vater.
Dann zu Jonas.
Dann zu Lena.
„Das ist sie?“
„Ja.“
Klara setzte sich auf den Boden.
Lena griff sofort nach ihren Haaren.
„Aua.“
Klara lachte.
„Okay. Sie mag mich.“
Jonas grinste vorsichtig.
Zwei Stunden später bauten Klara und Jonas gemeinsam ein Modell des Sonnensystems.
Am Abend zog Klara ihren Vater in die Küche.
„Papa?“
„Ja?“
„Du bist anders.“
Matthias‘ Magen zog sich zusammen.
„Schlechter?“
„Nein.“
Sie sah ins Wohnzimmer.
„Du guckst nicht mehr dauernd auf dein Handy.“
Matthias musste lachen.
„Das ist alles?“
„Nein.“
Klara überlegte.
„Früher hatte ich manchmal das Gefühl, ich besuche dich in deinem Büro, auch wenn wir zu Hause waren.“
Dieser Satz tat weh.
Gerade weil er stimmte.
„Das tut mir leid.“
Klara zuckte mit den Schultern.
„Jetzt ist es besser.“
Dann umarmte sie ihn.
„Und Jonas kann bleiben.“
Ein Jahr nach jener Nacht saß Matthias Nadine zum ersten Mal gegenüber.
Das Gespräch fand in einem betreuten Raum statt.
Sie war dünner als auf den alten Fotos, die Jonas ihm gezeigt hatte.
Aber ihre Augen waren klar.
„Danke“, sagte sie.
Matthias antwortete nicht sofort.
„Sie müssen mir nicht danken.“
„Doch.“
Nadine rang die Hände.
„Sie könnten mich hassen.“
„Das würde niemandem helfen.“
Sie begann zu weinen.
„Ich erinnere mich kaum an diesen Abend.“
Ihre Stimme brach.
„Aber ich erinnere mich an Jonas‘ Jacke. Ich wusste, dass sie zu dünn war. Ich wusste es.“
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