„Morgen habe ich vielleicht ein Zimmer“, sagte sie leise. „Eine Bekannte kennt jemanden. Nur für heute Nacht müssen wir irgendwie durchkommen.“
Martin blickte auf Ben.
Dann auf die Frau.
Dann über die Straße auf die hellen Fenster.
In seinem Kopf meldete sich sofort die Stimme, die ihn seit Jahrzehnten begleitet hatte.
Nicht einmischen.
Du kennst diese Menschen nicht.
Das ist nicht dein Problem.
Sei vernünftig.
Genau diese Stimme hatte ihm geholfen, ein Unternehmen aufzubauen.
Sie hatte ihm beigebracht, Risiken zu berechnen.
Distanz zu halten.
Gefühle nicht mit Entscheidungen zu verwechseln.
Doch auf einmal klang sie erbärmlich.
„Ich hätte eine andere Möglichkeit“, sagte Martin.
Katharina spannte sich sichtbar an.
„Nein.“
„Sie wissen noch gar nicht, was ich sagen wollte.“
„Ich kenne solche Angebote.“
Martin verstand sofort.
„Nein. So etwas meine ich nicht.“
Er zog seine Brieftasche heraus, nahm jedoch kein Geld heraus.
Stattdessen reichte er ihr seine Visitenkarte.
„Darauf steht mein Name. Meine Firma. Sie können mich sofort im Internet überprüfen. Ich wohne zehn Minuten von hier entfernt.“
Katharina sah nicht auf die Karte.
„Und?“
„Ich habe zwei Gästezimmer.“
Sie starrte ihn an.
„Sie wollen, dass wir bei Ihnen schlafen?“
„Nur heute Nacht.“
„Sie kennen uns nicht.“
„Das stimmt.“
„Und wir kennen Sie nicht.“
„Auch das stimmt.“
Martin deutete auf die Karte.
„Sie können die Adresse jemandem schicken. Im Haus gibt es einen Pförtner. Die Gästezimmer haben eigene Türen und Schlösser. Sie bekommen beide Schlüssel.“
Katharina machte einen Schritt zurück.
„Warum?“
Martin hatte auf diese Frage keine vernünftige Antwort.
Also sagte er die Wahrheit.
„Weil Ihr Sohn mich gefragt hat, ob ich traurig bin.“
Ben grinste.
Katharina sah ihn verständnislos an.
Martin setzte sich wieder auf die Bank.
„Ich war seit morgens allein.“
Er schaute auf seinen kalten Kaffee.
„Eigentlich bin ich schon seit Jahren allein. Ich habe nur sehr lange so getan, als wäre das eine Art Erfolg.“
Katharina schwieg.
„Meine Wohnung steht voller Dinge, die ich mir irgendwann unbedingt leisten wollte. Und heute Abend wollte ich nicht hineingehen, weil dort niemand auf mich wartet.“
Er sah zu Ben.
„Und dann erzählt mir Ihr Sohn, dass er Weihnachten in einem Bahnhofslokal verbringen soll, während bei mir zwei Betten leer stehen.“
Martin hob die Schultern.
„Das ergibt plötzlich keinen Sinn mehr.“
Katharina blickte lange auf die Visitenkarte.
Ben zog an ihrem Ärmel.
„Mama, ich bin müde.“
Sie kniete sich zu ihm.
„Ich weiß.“
„Und mir ist kalt.“
Katharina presste die Lippen aufeinander.
Martin kannte diesen Ausdruck.
Stolz kämpfte gegen Erschöpfung.
Nach einigen Sekunden nahm sie die Karte.
„Nur heute Nacht.“
„Nur heute Nacht.“
„Und morgen früh gehen wir.“
„Wenn Sie möchten.“
Katharina tippte etwas in ihr Telefon.
„Ich schicke Ihrer Adresse meiner Freundin.“
„Gut.“
Martin war erleichtert, dass sie vorsichtig war.
Sie gingen gemeinsam zu seiner Wohnung.
Im Eingangsbereich grüßte der Nachtpförtner Martin überrascht.
„Frohe Weihnachten, Herr Falk.“
„Ihnen auch, Herr Becker.“
Katharina sah Martin kurz an.
Offenbar machte die Tatsache, dass jemand seinen Namen kannte, die Situation zumindest ein wenig weniger beängstigend.
Im Aufzug drückte Ben seine Nase beinahe an die Glasscheibe.
„Wir fahren ja ewig.“
„Vierzehnter Stock“, sagte Martin.
„Wohnen da oben keine normalen Leute mehr?“
Katharina wurde rot.
„Ben!“
Martin lachte zum ersten Mal an diesem Tag richtig.
„Manchmal frage ich mich das auch.“
Als die Wohnungstür aufging, sagte Ben zunächst gar nichts.
Der Flur war größer als manches Wohnzimmer.
Durch die Fenster sah man die Lichter der Stadt.
Alles war sauber.
Teuer.
Und merkwürdig leblos.
Katharina zog sofort ihre Schuhe aus.
„Ben, nichts anfassen.“
Martin blieb stehen.
„Er darf Dinge anfassen.“
„Wir möchten nichts kaputt machen.“
„Das ist nur Zeug.“
Er hörte sich selbst reden und wunderte sich über den Satz.
Noch am Vormittag hatte er sich über einen winzigen Kratzer an seinem Esstisch geärgert.
Jetzt erschien ihm das absurd.
Er zeigte ihnen die beiden Gästezimmer.
„Bad ist dort. Handtücher liegen im Schrank. Und falls Sie abschließen möchten: hier.“
Er gab Katharina die Schlüssel.
Sie drehte sie in ihrer Hand.
„Danke.“
Ben ließ sich auf das Bett fallen.
„Mama!“
Katharina erschrak.
„Was?“
„Das ist das weichste Bett der Welt.“
Martin drehte sich weg.
Er wollte nicht, dass die beiden sahen, wie sehr ihn dieser Satz traf.
In der Küche öffnete er den Kühlschrank.
Darin standen Käse, Eier, Milch, etwas Gemüse und mehrere Dinge, die seine Haushaltshilfe für ihn eingekauft hatte.
„Haben Sie Hunger?“
„Wir haben etwas“, sagte Katharina und hob ihre Tüte.
Ben sagte gleichzeitig:
„Sehr.“
Katharina sah ihn an.
Martin musste grinsen.
„Ich mache etwas.“
„Das müssen Sie nicht.“
„Ich weiß.“
Dieser Satz schien sie zum Schweigen zu bringen.
Martin kochte Nudeln.
Es war vermutlich das erste Mal seit Monaten, dass er seinen Herd benutzte.
Er fand Tomatensoße, schnitt Gemüse und stellte Brot auf den Tisch.
Nichts Besonderes.
Aber Ben aß, als säße er bei einem Festmahl.
Katharina dagegen nahm kleine Bissen.
Martin bemerkte, dass sie jeden Rest auf Bens Teller im Blick behielt.
„Sie können ruhig noch etwas nehmen.“
„Ich bin satt.“
Ben sah seine Mutter an.
Dann sagte er völlig unschuldig:
„Du sagst immer, du bist satt.“
Katharina senkte den Blick.
Martin stand auf, ohne etwas zu sagen, und füllte ihren Teller erneut.
Diesmal widersprach sie nicht.
Später schlief Ben schnell ein.
Katharina blieb noch in der Küche sitzen.
„Seit wann haben Sie keine Wohnung?“, fragte Martin.
„Drei Wochen.“
Sie strich mit dem Finger über den Rand ihrer Tasse.
„Das Restaurant, in dem ich gearbeitet habe, musste schließen. Ich hatte etwas Geld zurückgelegt. Aber nicht genug.“
„Keine Familie?“
„Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben. Mein Vater schon früher.“
Sie zögerte.
„Bens Vater lebt irgendwo im Süden. Er ist gegangen, bevor Ben geboren wurde.“
Martin nickte.
„Und vorher?“
„Ich war Bürokauffrau.“
Zum ersten Mal erschien ein kleines Stück Stolz in ihrer Stimme.
„Rechnungen, Kundenanfragen, Termine, Reklamationen. Eigentlich mochte ich die Arbeit.“
„Warum haben Sie aufgehört?“
„Nach Bens Geburt war es schwierig mit den Arbeitszeiten. Später habe ich genommen, was ich bekommen konnte.“
Sie sah ihn direkt an.
„Ich brauche kein Mitleid.“
„Das hatte ich auch nicht vor.“
„Die meisten Menschen sehen eine Frau mit Kind und zwei Taschen und denken sofort, sie wissen alles.“
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