Er bezahlte eine fremde Frau für einen einzigen Abend – doch als seine Tochter nachts weinte, änderte ein Satz alles
„Papa, ist diese Frau deine neue Freundin?“
Martin Bergmann blieb mitten auf der Treppe stehen.
Unten in der Diele stand seine achtjährige Tochter Emma in ihrem besten dunkelroten Kleid. Vor ihr eine fremde Frau, die Martin vor nicht einmal zehn Minuten zum ersten Mal gesehen hatte.
Eine Frau, die er dafür bezahlte, ihn zu einem Wohltätigkeitsabend zu begleiten.
Für einen einzigen Abend.
Mehr sollte es nicht sein.
Martin war 54 Jahre alt, Geschäftsführer eines erfolgreichen mittelständischen Unternehmens in Köln und seit drei Jahren Witwer.
Früher hätte er über einen Mann wie sich selbst vermutlich den Kopf geschüttelt.
Ein erwachsener Mann, finanziell abgesichert, großes Haus, gute Stellung – und trotzdem nicht in der Lage, allein zu einer Abendveranstaltung zu gehen, ohne sich dabei wie ein halber Mensch zu fühlen.
Aber seit Sabine gestorben war, hatte Martin gelernt, dass Einsamkeit nichts damit zu tun hatte, wie groß ein Haus war.
Oder wie voll ein Terminkalender.
Oder wie viel Geld auf einem Konto lag.
Sabine war 51 gewesen, als die Krankheit kam.
Am Anfang hatten sie sich eingeredet, es sei nur eine schwere Phase.
Dann kamen Untersuchungen.
Krankenhausflure.
Plastikstühle.
Kaffeebecher aus Automaten.
Diese Gespräche mit Ärzten, bei denen Martin jedes einzelne Wort hörte und trotzdem später nicht mehr wusste, was eigentlich gesagt worden war.
Elf Monate später war Sabine tot.
Emma war damals fünf.
Sie erinnerte sich noch an die Stimme ihrer Mutter, an deren Apfelkuchen und daran, dass sie beim Autofahren ständig alte deutsche Schlager mitsang, selbst wenn sie den Text nicht mehr genau wusste.
An vieles andere erinnerte sie sich bereits nicht mehr.
Das tat Martin fast noch mehr weh.
Seit Sabines Tod hatte er versucht, wenigstens eines zu verhindern:
dass Emma noch einmal einen Menschen lieb gewann, der plötzlich verschwand.
Freunde hatten ihm Frauen vorgestellt.
Eine ehemalige Studienkollegin.
Eine geschiedene Ärztin.
Die Schwester eines Geschäftspartners.
Alles freundliche, kluge Frauen.
Aber sobald eine von ihnen fragte, wann sie Emma kennenlernen dürfe, zog Martin sich zurück.
Er nannte es Vorsicht.
Seine ältere Schwester nannte es Feigheit.
„Du kannst das Leben nicht einfrieren, nur weil du Angst hast, noch einmal etwas zu verlieren“, hatte sie einmal gesagt.
Martin war wütend geworden.
Nicht weil sie unrecht hatte.
Sondern weil sie recht hatte.
An diesem Samstagabend stand die jährliche Benefizgala einer gemeinnützigen Stiftung an. Martins Firma unterstützte die Veranstaltung seit Jahren.
Früher hatte Sabine diese Abende geliebt.
Sie hatte Martin heimlich unter dem Tisch gegen das Schienbein getreten, wenn er zu lange über Geschäftszahlen sprach.
Sie hatte mit Menschen geredet, die sonst niemand beachtete.
Mit Kellnern.
Mit älteren Damen, die allein am Rand standen.
Mit jungen Mitarbeitern, die nicht wussten, wohin mit ihren Händen.
Seit ihrem Tod ging Martin allein.
Im ersten Jahr hatten alle gesagt:
„Es tut mir so leid.“
Im zweiten:
„Du bist ja noch jung.“
Im dritten:
„Du solltest wirklich wieder jemanden kennenlernen.“
Martin hasste diesen Satz inzwischen.
Als wäre Liebe ein kaputtes Haushaltsgerät, das man einfach ersetzen musste.
Seine Assistentin Margarete hatte schließlich die Idee gehabt.
Sie war 61, arbeitete seit fast zwanzig Jahren mit ihm und gehörte zu den wenigen Menschen, die keine Angst davor hatten, ihm unangenehme Wahrheiten zu sagen.
„Es gibt Agenturen für gesellschaftliche Begleitung“, hatte sie erklärt.
Martin hatte sie angesehen, als hätte sie vorgeschlagen, er solle im Büro ein Pony halten.
„Margarete.“
„Nicht das, was Sie denken.“
„Ich denke gar nichts.“
„Doch. Genau das sieht man Ihnen an.“
Sie hatte die Brille abgesetzt.
„Sie buchen jemanden, der Sie zu einer Veranstaltung begleitet. Keine Romanze. Keine Schauspielerei. Einfach eine kultivierte Begleitung, damit Sie nicht drei Stunden lang erklären müssen, warum Sie allein gekommen sind.“
Martin hatte abgewinkt.
Zwei Tage später hatte er angerufen.
Nun stand die Frau aus dieser Agentur in seinem Haus.
Sie hieß Katharina Lorenz.
47 Jahre alt.
Schulterlanges dunkelblondes Haar, an den Schläfen bereits einzelne silberne Strähnen, die sie offenbar nicht zu verstecken versuchte.
Keine makellose Schönheit aus einer Hochglanzzeitschrift.
Und gerade deshalb fiel sie Martin auf.
An ihrem rechten Mundwinkel verlief eine kleine Narbe.
Beim Lächeln entstand zwischen ihren Augenbrauen eine tiefe Falte.
Ihr schwarzes Kleid war elegant, aber schlicht.
Sie wirkte nicht wie jemand, der gekommen war, um Eindruck zu machen.
Sie wirkte wie jemand, der gelernt hatte, sich in einem Raum nicht beweisen zu müssen.
Emma musterte sie.
„Also?“, fragte sie. „Bist du Papas Freundin?“
Martin räusperte sich.
Katharina ging vor Emma in die Hocke.
„Nein“, sagte sie. „Ich begleite deinen Papa heute nur zu einer Feier.“
„Warum?“
„Weil Erwachsene manchmal auch jemanden brauchen, der neben ihnen sitzt.“
Emma dachte darüber nach.
„Papa sitzt oft allein.“
Martin spürte einen Stich.
Katharina sah kurz zu ihm, doch in ihrem Blick lag kein Mitleid.
„Dann ist es vielleicht ganz gut, dass er heute nicht allein sitzen muss.“
Emma nickte.
Damit war die Sache für sie geklärt.
Dann zeigte sie auf Katharinas Kleid.
„Schwarz mochte Mama auch.“
Es wurde still.
Martin wartete auf die übliche Reaktion.
Das kurze erschrockene Einatmen.
Den Blick zu Boden.
Ein vorsichtiges „Oh, das tut mir leid“.
Katharina sagte nichts davon.
Sie fragte nur:
„Was mochte deine Mama noch?“
Emmas Gesicht hellte sich auf.
„Sonnenblumen. Käsekuchen. Und Musik im Auto.“
„Gute Auswahl.“
„Und sie konnte nicht pfeifen.“
Katharina lachte.
„Das kann ich auch nicht.“
„Wirklich?“
„Klingt bei mir wie ein Wasserkocher mit Asthma.“
Emma prustete los.
Martin musste ebenfalls lachen.
Es war nur ein kleines Geräusch.
Doch plötzlich erinnerte er sich daran, wie lange es her war, dass eine fremde Person Sabines Namen gehört hatte, ohne dass sofort Traurigkeit den ganzen Raum verschluckte.
Die Haushälterin Frau Neumann kam aus der Küche.
Sie war 67, verwitwet und seit Emmas Geburt stundenweise bei der Familie.
Nach Sabines Tod war sie geblieben.
Nicht weil Martin sie darum gebeten hatte.
Sondern weil sie eines Morgens gesagt hatte:
„Das Kind braucht Menschen, die nicht verschwinden.“
Seitdem gehörte sie irgendwie dazu.
„So, junge Dame“, sagte sie zu Emma. „Jetzt lassen wir deinen Vater losziehen. Wir zwei haben einen Film und eine Schüssel Popcorn vor uns.“
„Katharina muss vorher meine Bilder sehen.“
Martin blickte auf die Uhr.
„Emma, wir sollten wirklich—“
Katharina hob leicht eine Hand.
„Fünf Minuten haben wir.“
Im Kinderzimmer lagen Buntstifte, Bastelpapier und Bücher auf dem Teppich.
Emma holte eine Mappe hervor.
Sie zeigte Katharina Häuser mit schiefen Fenstern, Pferde mit viel zu langen Beinen und Familien mit Köpfen, die größer waren als ihre Körper.
Dann kam ein Bild, bei dem Martin die Luft anhielt.
Drei Figuren.
Eine kleine.
Eine große.
Und darüber eine dritte, umgeben von gelben Strahlen.
„Das ist Mama“, erklärte Emma.
Katharina nickte.
„Und das hier bin ich. Das ist Papa.“
Neben Martin hatte Emma einen freien Platz gelassen.
Nur einen leeren Umriss.
„Und wer ist das?“, fragte Katharina.
Emma zuckte mit den Schultern.
„Weiß ich noch nicht.“
Sie schaute ihren Vater an.
„Vielleicht kommt irgendwann jemand.“
Martin konnte nichts sagen.
Katharina betrachtete das Bild lange.
Dann sagte sie:
„Weißt du, was ich daran besonders schön finde?“
Emma schüttelte den Kopf.
„Dass du den Platz leer gelassen hast.“
„Warum?“
„Weil du nicht irgendeinen Menschen hineingemalt hast, nur damit das Bild voll ist.“
Martin sah Katharina an.
Der Satz traf ihn unerwartet.
Vielleicht, weil er plötzlich das Gefühl hatte, sie rede gar nicht nur mit Emma.
„Manche Plätze“, fuhr Katharina fort, „müssen nicht sofort gefüllt werden.“
Emma nickte ernst.
„Vielleicht kommt der richtige Mensch später.“
„Vielleicht.“
Auf dem Weg zur Veranstaltung schwieg Martin zunächst.
Die Stadt glitt hinter den Autoscheiben vorbei.
Straßenlaternen.
Haltestellen.
Menschen mit Einkaufstaschen.
Ein älteres Paar, das Arm in Arm über eine Ampel ging.
Martin sah ihnen nach.
„Entschuldigen Sie Emma“, sagte er schließlich.
„Wofür?“
„Für ihre Fragen.“
„Kinder stellen oft die Fragen, die Erwachsene nur denken.“
Martin lächelte schwach.
„Das macht es nicht immer angenehmer.“
„Aber ehrlicher.“
Nach einer Pause fragte er:
„Darf ich etwas Persönliches fragen?“
„Versuchen können Sie es.“
„Wie kommt man zu so einer Tätigkeit?“
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