Emma schwieg.
Dann fragte sie:
„Gehst du jetzt weg?“
Katharina sah Martin an.
„Eigentlich sollte ich.“
„Kannst du bleiben, bis ich schlafe?“
Martin wartete darauf, dass Katharina höflich ablehnte.
Der Auftrag war längst vorbei.
Niemand bezahlte sie dafür, mitten in der Nacht neben einem Kinderbett zu sitzen.
Doch sie fragte nur:
„Ist das für deinen Papa in Ordnung?“
Martin nickte.
Katharina setzte sich in den Schaukelstuhl.
Emma legte sich hin.
Martin blieb neben ihr.
„Erzählst du was?“, murmelte Emma.
„Ein Märchen?“
„Keins aus einem Buch.“
Katharina dachte kurz nach.
Dann begann sie eine Geschichte über ein Mädchen, das glaubte, Mut bedeute, niemals Angst zu haben.
Auf seiner Reise lernte das Mädchen eine alte Gärtnerin kennen.
Die erklärte ihm, mutige Menschen hätten genauso Angst wie alle anderen.
Sie machten nur trotzdem am nächsten Morgen die Tür auf.
Sie liebten trotzdem.
Sie pflanzten trotzdem Blumen.
Sie feierten trotzdem Geburtstage.
Sie wussten, dass der Winter kommen würde – und pflanzten trotzdem im Frühling.
Als Katharina fertig war, schlief Emma.
Ihre Hand lag in Martins Handfläche.
Ganz vorsichtig stand er auf.
Unten in der Küche setzte er Wasser auf.
Katharina saß am alten Holztisch, an dem Sabine früher sonntagmorgens Zeitung gelesen hatte.
Martin stellte zwei Tassen hin.
„Danke.“
„Gern.“
„Sie hätten nicht bleiben müssen.“
„Ich weiß.“
Gerade deshalb bedeutete es ihm etwas.
Eine Weile hörten sie nur das Ticken der Küchenuhr.
„Ich glaube manchmal, ich mache alles falsch“, sagte Martin plötzlich.
Katharina sah auf.
Er wusste selbst nicht, warum er weitersprach.
Vielleicht weil man Fremden manchmal Dinge erzählte, die man Freunden verschwieg.
„Seit Sabines Tod versuche ich, Emma vor jedem weiteren Schmerz zu schützen.“
Er rieb sich die Stirn.
„Keine Veränderungen. Keine Risiken. Feste Abläufe. Gleiche Schule. Gleiches Haus. Gleiche Urlaubswohnung jedes Jahr.“
„Und funktioniert es?“
Martin lachte bitter.
„Offenbar nicht.“
Katharina schwieg.
„Ich dachte, wenn alles stabil bleibt, fühlt sie sich sicher.“
„Vielleicht.“
„Aber?“
„Vielleicht lernt sie dadurch auch, dass jede Veränderung gefährlich ist.“
Der Satz traf ihn.
Martin lehnte sich zurück.
„Sie meinen, ich mache ihre Angst schlimmer?“
„Ich meine gar nichts.“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Ich kenne Ihre Tochter seit ein paar Stunden. Ich würde mir niemals anmaßen, Ihnen zu sagen, wie Sie Vater sein sollen.“
Sie nahm die Tasse zwischen beide Hände.
„Aber nach dem Tod meiner Mutter habe ich etwas Ähnliches gemacht.“
„Was?“
„Ich habe aufgehört, Pläne zu machen.“
Ihre Augen wurden feucht, doch sie weinte nicht.
„Keine Reisen. Keine Beziehungen. Keine neue Stelle.“
„Warum?“
„Weil alles enden kann.“
Martin verstand sofort.
„Wenn man nichts beginnt, kann man nichts verlieren.“
Katharina lächelte traurig.
„Genau.“
„Hat es funktioniert?“
„Nein.“
Sie sah ihn direkt an.
„Ich habe trotzdem etwas verloren.“
„Was?“
„Jahre.“
Martin sagte lange nichts.
In der Küche roch es nach Tee und dem Holz der alten Schränke.
Plötzlich dachte er an all die Abende der letzten drei Jahre.
Emma im Bett.
Er im Arbeitszimmer.
Der Fernseher ohne Ton.
Ein Glas Wein.
Sabines Foto auf dem Regal.
Er hatte geglaubt, treu zu sein.
Vielleicht hatte er sich in Wahrheit versteckt.
„Meine Frau fehlt mir immer noch“, sagte er.
„Natürlich.“
„Manchmal fühle ich mich schuldig, wenn ich einen guten Tag habe.“
Katharina nickte.
„Das kenne ich.“
„Als würde Freude bedeuten, dass man vergessen hat.“
„Dabei ist es vielleicht genau andersherum.“
Martin sah sie fragend an.
„Vielleicht haben Menschen, die uns geliebt haben, uns nicht geliebt, damit wir nach ihrem Tod aufhören zu leben.“
Dieser Satz blieb zwischen ihnen liegen.
Sie sprachen fast eine Stunde.
Über Sabine.
Über Katharinas Mutter.
Über Eltern, die alt wurden.
Über verpasste Chancen.
Über die seltsame Erfahrung, mit Mitte fünfzig plötzlich zu verstehen, dass „irgendwann“ keine unendliche Zeitspanne war.
Kurz nach Mitternacht blickte Katharina auf die Uhr.
„Jetzt muss ich wirklich gehen.“
„Ich fahre Sie.“
Vor ihrem Mehrfamilienhaus blieb Martin im Wagen sitzen.
„Die Agentur wird Ihnen natürlich Ihr Honorar überweisen.“
Katharina drehte sich zu ihm.
„Die Gala, ja.“
„Und die zusätzlichen Stunden.“
„Nein.“
„Katharina—“
„Die waren nicht gebucht.“
„Eben deshalb.“
Sie lächelte.
„Alles nach dem Anruf von Frau Neumann war privat.“
Martin wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
Katharina öffnete die Tür.
Dann hielt sie inne.
„Ihre Tochter ist ein besonderes Kind.“
„Das ist sie.“
„Und sie hat einen Vater, der schneller von einer Gala nach Hause fährt, als andere Leute einen Nachtisch bestellen.“
Martin musste lachen.
Katharina legte ihm für einen kurzen Moment die Hand auf den Unterarm.
Dann stieg sie aus.
Martin sah ihr nach, bis die Haustür hinter ihr zufiel.
Auf der Heimfahrt bemerkte er etwas Seltsames.
Er fühlte sich nicht verliebt.
Nicht berauscht.
Nicht wie ein Mann, der gerade sein neues Leben gefunden hatte.
Es war viel kleiner.
Und vielleicht gerade deshalb wichtiger.
Zum ersten Mal seit Jahren war er neugierig darauf, was morgen passieren könnte.
Am nächsten Morgen saß Emma am Küchentisch und stocherte in ihrem Brötchen.
„Papa?“
„Hm?“
„Kommt Katharina wieder?“
Martin stellte seine Kaffeetasse ab.
„Das weiß ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil sie gestern nur für die Feier da war.“
Emma dachte nach.
„Aber danach war die Feier doch vorbei.“
„Ja.“
„Dann war sie später freiwillig da.“
Martin lächelte.
„Das stimmt.“
„Also mag sie uns.“
Kinder konnten schrecklich logisch sein.
„Vielleicht.“
Emma bestrich ihr Brötchen mit Marmelade.
„Ich mag sie auch.“
Martin sagte nichts.
„Du auch.“
„Wie kommst du darauf?“
Emma sah ihn an, als wäre er nicht besonders klug.
„Du hast gestern gelacht.“
Der Satz traf ihn härter als erwartet.
„Ich lache doch öfter.“
Emma schüttelte den Kopf.
„Nicht so.“
Martin wandte sich zum Fenster.
Am Montag rief er bei der Agentur an.
Er regelte die Rechnung.
Dann fragte er vorsichtig, ob man Katharina seine Telefonnummer geben könne.
Die Mitarbeiterin erklärte höflich, persönliche Daten dürften nicht weitergegeben werden.
„Wenn Frau Lorenz Kontakt aufnehmen möchte, kann sie das selbst entscheiden.“
Martin legte auf.
Er war überrascht, wie enttäuscht er war.
Vielleicht war es besser so.
Ein besonderer Abend.
Eine Begegnung.
Eine Erinnerung.
Nicht jede Tür, die sich öffnete, musste man durchschreiten.
Am Nachmittag klingelte sein Handy.
Unbekannte Nummer.
„Bergmann.“
„Hallo.“
Er erkannte die Stimme sofort.
„Katharina?“
„Ich hoffe, das ist in Ordnung.“
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