Martin setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches.
„Natürlich.“
„Ich wollte nur fragen, wie es Emma geht.“
Aus dieser Frage wurden zwanzig Minuten.
Dann vierzig.
Katharina erzählte von einer kleinen Kunstausstellung, die am Wochenende stattfand.
„Emma zeichnet doch so gern.“
Martin zögerte.
Früher hätte er einen Grund gefunden, Nein zu sagen.
Stattdessen hörte er sich fragen:
„Haben Sie Samstag Zeit?“
So begann es.
Nicht mit einem Kuss.
Nicht mit einem romantischen Abendessen.
Sondern mit einem Museumsbesuch.
Emma lief zwischen den Bildern herum und erklärte den Erwachsenen mit völliger Überzeugung, welche Kunstwerke gut und welche „langweilig grau“ seien.
Danach aßen sie Kuchen in einem kleinen Café.
Eine Woche später kam Katharina zum Zeichnen vorbei.
Dann wieder.
Manchmal brachte sie alte Kinderbücher mit.
Manchmal saß sie mit Emma am Küchentisch und malte.
Martin arbeitete angeblich im Arbeitszimmer.
Die Tür ließ er offen.
Irgendwann schlug er Eisessen vor.
Ein anderes Mal einen Spaziergang.
Es geschah langsam.
So langsam, dass Martin den Moment nicht benennen konnte, an dem Katharina aufhörte, eine Fremde zu sein.
Sie versuchte nie, Sabine zu ersetzen.
Das war vielleicht das Wichtigste.
Als Emma eines Tages sagte:
„Mama hätte Katharina bestimmt gemocht“,
antwortete Katharina:
„Dann hätte ich gern von ihr gelernt, wie man richtig Käsekuchen backt.“
Keine Konkurrenz.
Keine Eifersucht auf eine Tote.
Kein Versuch, Fotos wegzustellen.
Sabine durfte bleiben.
Und genau dadurch entstand Platz für etwas Neues.
Nach drei Monaten gingen Martin und Katharina zum ersten Mal allein essen.
Martin war nervöser als bei jeder Vorstandssitzung seines Lebens.
„Das ist absurd“, sagte er.
„Was?“
„Ich bin 54.“
Katharina grinste.
„Mein Beileid.“
„Ich meine, ich sollte doch wissen, wie ein Date funktioniert.“
„Vielleicht ist das unser Vorteil.“
„Welcher?“
„Wir wissen inzwischen, dass fast niemand weiß, wie irgendetwas funktioniert.“
Er lachte.
Sechs Monate nach jener Gala saßen sie hinter Martins Haus auf der Terrasse.
Emma jagte im Garten Glühwürmchen, obwohl Martin ihr mindestens dreimal erklärt hatte, dass es wahrscheinlich andere kleine Insekten waren.
Sie bestand auf Glühwürmchen.
Katharina ließ sie.
„Ich muss dir etwas sagen“, begann Martin.
Sie sah ihn an.
„Als ich damals bei dieser Agentur angerufen habe, wollte ich nur einen Abend überstehen.“
Katharina schwieg.
„Ich wollte keine mitleidigen Blicke.“
Er sah zu Emma.
„Ich wollte nicht über Sabine reden. Nicht über Einsamkeit. Nicht über mein Privatleben.“
„Verständlich.“
„Und dann bist du gekommen.“
Katharina lächelte leicht.
„Klingt bedrohlich.“
„Ist es auch.“
Ihr Lächeln verschwand.
Martin nahm ihre Hand.
„Ich denke ständig an dich.“
Er schluckte.
„Und das macht mir Angst.“
„Warum?“
Die Antwort kam sofort.
„Weil ich wieder etwas verlieren könnte.“
Katharina drückte seine Hand.
„Ja.“
Martin blickte überrascht auf.
„Mehr sagst du nicht?“
„Was soll ich sagen? Dass du mich niemals verlieren wirst?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Das kann ich dir nicht versprechen.“
Im Garten rief Emma triumphierend:
„Eins! Ich hab eins gesehen!“
Katharina wartete, bis es wieder ruhig war.
„Du kannst krank werden. Ich kann krank werden. Menschen verändern sich. Das Leben kann uns morgen etwas nehmen, das wir heute für selbstverständlich halten.“
Martin sah zu Boden.
„Nicht besonders romantisch.“
„Nein.“
Sie rückte näher.
„Aber wahr.“
Dann legte sie ihre Hand an seine Wange.
„Ich habe Jahre meines Lebens damit verbracht, nichts Neues anzufangen, weil ich Angst vor dem Ende hatte.“
Martin schloss kurz die Augen.
„Und?“
„Ich möchte das nicht mehr.“
„Ich auch nicht.“
In diesem Moment kam Emma angerannt.
„Was macht ihr?“
Martin zog die Hand zurück.
„Wir reden.“
Emma sah ihre verschränkten Hände.
„Aha.“
Dieses „Aha“ klang erschreckend nach Frau Neumann.
Katharina lachte.
Emma setzte sich zwischen sie.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann lehnte Emma ihren Kopf gegen Martins Schulter.
Ihre andere Hand legte sie auf Katharinas Arm.
Drei Menschen auf einer alten Gartenbank.
Keine perfekte Familie.
Keine Ersatzfamilie.
Ein Witwer mit Angst.
Eine Frau mit verlorenen Jahren.
Ein Kind, das viel zu früh gelernt hatte, dass Menschen verschwinden können.
Martin dachte an Emmas Zeichnung.
An den leeren Platz.
Er hatte sein ganzes Leben geglaubt, leere Stellen müssten schnell gefüllt werden.
Freie Positionen im Unternehmen.
Lücken im Kalender.
Offene Plätze am Tisch.
Nur bei seinem Herzen hatte er das Gegenteil getan.
Dort hatte er drei Jahre lang jeden freien Zentimeter bewacht.
Aus Angst, jemand könnte eintreten.
Katharina hatte nichts erobert.
Sie hatte nicht gedrängt.
Sie hatte nicht verlangt, dass er Sabine losließ.
Sie war einfach geblieben.
Erst fünf Minuten länger im Kinderzimmer.
Dann eine Stunde länger in jener Nacht.
Dann einen Samstag.
Dann noch einen.
Manchmal, dachte Martin, verändern die wichtigsten Menschen unser Leben nicht mit großen Versprechen.
Sie bleiben einfach dort, wo andere längst gegangen wären.
Ein Jahr später hing Emmas Familienbild noch immer in ihrem Zimmer.
Nur der leere Umriss war verschwunden.
Emma hatte eine neue Figur hineingemalt.
Dunkelblonde Haare.
Ein schwarzes Kleid.
Und daneben mit krakeligen Buchstaben einen Satz geschrieben:
„Katharina war zuerst nur für einen Abend da.“
Martin blieb lange davor stehen.
Sabines Figur war noch immer oben im gelben Licht.
Niemand hatte sie wegradiert.
Niemand musste verschwinden, damit jemand Neues bleiben durfte.
Da verstand Martin endlich etwas, das ihm mit 54 schwerer gefallen war als jede geschäftliche Entscheidung seines Lebens:
Weiterleben bedeutete nicht, die Vergangenheit zu verraten.
Neue Liebe löschte alte Liebe nicht aus.
Und ein Herz war kein Haus mit nur einem einzigen Zimmer.
Man musste die Menschen, die gegangen waren, nicht hinauswerfen, um einem anderen die Tür zu öffnen.
Manchmal musste man nur aufhören, sie aus Angst verschlossen zu halten.






