Er bezahlte eine fremde Frau für nur einen Abend – doch seine Tochter stellte plötzlich diese eine Frage

Katharina schaute aus dem Fenster.

„Ich war Grundschullehrerin.“

Martin drehte den Kopf.

Das hätte er nicht erwartet.

„Fast zwanzig Jahre.“

„Und dann?“

„Meine Mutter wurde krank.“

Katharinas Stimme veränderte sich kaum.

„Demenz.“

Martin sagte nichts.

„Am Anfang hat sie nur Namen verwechselt. Dann vergaß sie Termine. Später vergaß sie, wie man den Herd ausschaltet.“

Katharina strich mit dem Daumen über ihren Ringfinger.

Dort war kein Ring.

„Irgendwann wusste sie nicht mehr, dass ich ihre Tochter bin.“

„Das muss furchtbar gewesen sein.“

„Ja.“

Mehr sagte sie zunächst nicht.

Dann fügte sie hinzu:

„Ich habe meinen Beruf aufgegeben und sie gepflegt. Am Ende konnte sie meinen Namen nicht mehr sagen. Aber wenn ich ihre Hand nahm, wurde sie manchmal ruhig.“

Martin sah sie an.

„Warum sind Sie geblieben, wenn sie Sie nicht mehr erkannt hat?“

Katharina schien über die Frage erstaunt.

„Weil Liebe keine Gegenleistung ist.“

Martin blickte wieder zur Straße.

Dieser Satz blieb bei ihm.

Die Gala fand in einem traditionsreichen Hotel am Rhein statt.

Kristallleuchter warfen warmes Licht über den Saal.

Männer in dunklen Anzügen.

Frauen in Abendkleidern.

Kellner trugen Tabletts mit Sektgläsern.

Leise spielte ein kleines Streichensemble.

Alles sah aus wie immer.

Und trotzdem fühlte es sich anders an.

Zum ersten Mal seit drei Jahren kam Martin herein, ohne sofort jene Blicke zu spüren.

Nicht Mitleid.

Nicht Neugier.

Nicht dieses beinahe beleidigende Interesse daran, ob der Witwer inzwischen endlich wieder eine Frau gefunden hatte.

Katharina machte es einfach.

Wenn jemand fragte, sagte sie:

„Wir sind heute gemeinsam hier.“

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Sie erfand keine Beziehung.

Sie legte nicht demonstrativ ihre Hand auf seinen Arm.

Sie spielte nichts.

Beim Essen unterhielt sie sich mit Martins Geschäftspartnern, deren Ehefrauen und einigen älteren Gästen.

Sie erzählte von Kindern aus ihrer Schulzeit.

Von einem Jungen, der einmal in einem Aufsatz geschrieben hatte, sein Großvater sei „Rentner von Beruf“.

Von einem Mädchen, das glaubte, Lehrer schliefen nachts im Lehrerzimmer.

Die Menschen lachten.

Doch Katharina konnte genauso gut schweigen.

Das bemerkte Martin besonders.

Sabine hatte das gekonnt.

Viele Menschen hörten nur zu, um auf ihren nächsten Satz zu warten.

Sabine hatte zugehört, weil sie tatsächlich wissen wollte, was jemand sagte.

Katharina tat dasselbe.

Eine ältere Frau am Tisch fragte irgendwann:

„Vermissen Sie die Schule?“

Katharina nickte.

„Manchmal sehr.“

„Dann gehen Sie doch zurück.“

Katharina lächelte.

„Vielleicht.“

„Warum nur vielleicht?“

Sie überlegte kurz.

„Früher dachte ich immer, ein gerader Lebenslauf wäre ein gutes Leben.“

Einige am Tisch wurden still.

„Schule, Studium, Beruf, Familie, Rente. Alles ordentlich nacheinander.“

Sie nahm einen Schluck Wasser.

„Meine Mutter hat mir beigebracht, dass das Leben sich nicht für unsere Pläne interessiert.“

Martin sah sie an.

„Und heute?“, fragte jemand.

„Heute glaube ich, Umwege gehören dazu.“

Nach dem Essen begann die Musik.

Einige Paare gingen auf die Tanzfläche.

Martin lehnte ab, als ein Kollege ihn scherzhaft aufforderte, Katharina zum Tanzen zu bitten.

Das ging ihm zu weit.

Oder vielleicht machte es ihm Angst.

Katharina bemerkte es.

Sie sagte nichts.

Stattdessen ging sie kurz hinaus, um eine Freundin anzurufen.

Martin trat auf die Terrasse.

Der Rhein lag dunkel zwischen den Lichtern der Stadt.

In diesem Moment klingelte sein Handy.

Frau Neumann.

Sofort wusste er, dass etwas nicht stimmte.

„Herr Bergmann?“

„Was ist passiert?“

„Emma kann nicht schlafen.“

Im Hintergrund hörte er Weinen.

„Sie hatte wieder diesen Traum.“

Martin schloss die Augen.

Seit einigen Monaten kamen die Albträume häufiger.

Emma träumte, Martin steige morgens ins Auto und komme nicht zurück.

So wie ihre Mutter eines Tages ins Krankenhaus gefahren und nie wieder nach Hause gekommen war.

„Ich komme sofort.“

Er fand Katharina im Foyer.

„Es tut mir leid. Ich muss nach Hause.“

„Emma?“

Er nickte.

„Albtraum.“

„Dann fahren wir.“

„Nein, Sie können bleiben. Ich lasse Ihnen ein Taxi rufen.“

Katharina nahm ihren Mantel.

„Martin.“

Es war das erste Mal, dass sie seinen Vornamen sagte.

„Fahren wir.“

Zwanzig Minuten später öffnete Frau Neumann ihnen die Tür.

„Sie ist oben.“

Martin nahm zwei Stufen auf einmal.

Emma saß im Bett, die Knie an die Brust gezogen.

Ihr Gesicht war nass.

Als sie ihn sah, streckte sie sofort die Arme aus.

„Papa!“

Er setzte sich zu ihr.

„Ich bin da.“

„Ich dachte, du kommst nicht zurück.“

„Natürlich komme ich zurück.“

„Mama ist auch nicht zurückgekommen.“

Martin erstarrte.

Diese Gespräche waren die schlimmsten.

Nicht weil er keine Antworten kannte.

Sondern weil es keine gab.

„Papa?“

„Ja?“

„Kannst du auch sterben?“

Er spürte, wie sein Hals eng wurde.

Was sollte er sagen?

Nein?

Lügen?

Ja?

Einem achtjährigen Kind jene Wahrheit geben, mit der selbst Erwachsene kaum umgehen konnten?

Da hörte er hinter sich Katharinas Stimme.

„Darf ich etwas sagen?“

Emma nickte.

Katharina setzte sich auf den kleinen Stuhl neben dem Bett.

„Als ich ungefähr so alt war wie du, hatte ich auch solche Angst.“

„Echt?“

„Sehr sogar.“

„Dass deine Mama stirbt?“

Katharina nickte.

„Und mein Papa. Und meine Oma. Eigentlich jeder, den ich lieb hatte.“

Emma wischte sich die Nase.

„Was hast du gemacht?“

„Meine Oma hatte einen alten Schaukelstuhl.“

Katharina deutete auf den Sessel in Emmas Zimmerecke.

„Sie sagte immer: Sich Sorgen zu machen ist manchmal wie Schaukeln. Man bewegt sich die ganze Zeit, aber man kommt keinen Zentimeter weiter.“

Emma runzelte die Stirn.

„Aber schlimme Sachen passieren trotzdem.“

Katharina nickte sofort.

„Ja.“

Martin blickte überrascht zu ihr.

Kein „Denk nicht daran“.

Kein „Alles wird gut“.

Keine billige Beruhigung.

„Deine Mama ist gestorben“, sagte Katharina leise. „Und das war schrecklich. Niemand sollte dir erzählen, dass so etwas nicht passieren kann.“

Emma sah sie mit großen Augen an.

„Aber weißt du, was auch wahr ist?“

„Was?“

„Dein Papa ist heute von einer großen Feier nach Hause gekommen, weil du ihn gebraucht hast.“

Emma sah Martin an.

„Frau Neumann ist unten.“

Katharina lächelte.

„Sie bleibt bei dir, obwohl sie längst im Ruhestand sein könnte. Und ich wette, in deiner Schule gibt es Menschen, die sich freuen, wenn du morgens durch die Tür kommst.“

Emma nickte langsam.

„Meine Freundin Mila.“

„Siehst du.“

Katharina beugte sich etwas vor.

„Wir können nicht versprechen, dass nie wieder etwas Trauriges passiert.“

Martin hörte aufmerksam zu.

„Aber heute Abend bist du nicht allein.“

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