Ein kleiner Junge sah den einsamen Millionär an – seine vier Worte veränderten dessen Leben für immer

Martin schwieg.

Katharina lächelte bitter.

„Manchmal ziehen Leute ihre Tasche näher zu sich, wenn wir neben ihnen sitzen.“

Das traf ihn.

Denn Martin wusste, dass auch er wahrscheinlich einer dieser Menschen gewesen wäre.

Nicht grausam.

Nicht bewusst.

Einfach beschäftigt.

Distanzierter Blick.

Schneller Schritt.

Bloß nicht hineinziehen lassen.

„Ich glaube“, sagte er langsam, „ich habe sehr lange Menschen nur danach beurteilt, ob sie in mein Leben passen.“

Katharina sah ihn an.

„Und passen wir hinein?“

Martin blickte zur Tür, hinter der Ben schlief.

„Nein.“

Sie hob eine Augenbraue.

Martin lächelte.

„Vielleicht ist das das Problem mit meinem bisherigen Leben.“

Am nächsten Morgen wachte Martin um halb sieben auf.

Aus der Küche hörte er ein Geräusch.

Katharina stand dort und wischte die Arbeitsfläche ab.

„Was machen Sie?“

„Sauber.“

„Warum?“

„Weil wir gehen.“

Martin sah auf die Uhr.

„Um halb sieben?“

„Ich habe gestern gesagt, wir bleiben nur eine Nacht.“

Ben kam im Schlafanzug herein und rieb sich die Augen.

„Können wir vorher frühstücken?“

Katharina wollte widersprechen.

Martin öffnete bereits den Kühlschrank.

„Rührei?“

Ben nickte begeistert.

So saßen sie eine halbe Stunde später gemeinsam am Esstisch.

Martin konnte sich nicht erinnern, wann dort zuletzt drei Menschen miteinander gegessen hatten.

Ben erzählte von seiner früheren Kita.

Von einem Freund namens Luis.

Von Dinosauriern.

Von der Tatsache, dass Erbsen „eigentlich überhaupt keinen Sinn“ machten.

Martin hörte zu.

Einfach so.

Ohne nebenbei Nachrichten zu lesen.

Ohne auf die Uhr zu sehen.

Nach dem Frühstück fragte er Katharina:

„Haben Sie heute etwas vor?“

Sie lachte trocken.

„Wohnung suchen. Arbeit suchen. Nicht verzweifeln.“

„In dieser Reihenfolge?“

„Je nach Uhrzeit.“

Martin nahm sein Telefon.

„Darf ich jemanden anrufen?“

Sofort wurde sie wieder vorsichtig.

„Wen?“

„Unsere Personalabteilung.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich keinen Job will, nur weil Sie mich gestern auf einer Bank getroffen haben.“

Martin nickte.

Das gefiel ihm.

„Dann bekommen Sie auch keinen Job deswegen.“

Katharina sah ihn irritiert an.

„Sie bekommen ein Vorstellungsgespräch. Mehr nicht.“

„Und wenn ich schlecht bin?“

„Dann werden Sie nicht eingestellt.“

Sie musste lachen.

„Das klingt immerhin ehrlich.“

Martin machte drei Anrufe.

Nicht mehr.

Kein Geldgeschenk.

Keine Anweisung, Katharina unbedingt einzustellen.

Er erklärte lediglich ihre berufliche Erfahrung und fragte, ob sie sich regulär vorstellen dürfe.

Noch am selben Tag bekam sie zwei Termine.

Einen bei seinem Unternehmen.

Einen bei einem mittelständischen Betrieb eines Bekannten.

Über einen Kontakt erfuhr Martin außerdem von einer kleinen Wohnung, die in drei Wochen frei werden sollte.

Bezahlbar.

Zwei Zimmer.

Nahe einer Grundschule.

Als er Katharina davon erzählte, begann sie plötzlich zu weinen.

Nicht laut.

Es liefen einfach Tränen über ihr Gesicht.

„Es tut mir leid.“

„Wofür?“

„Ich hasse es, dass ich gerade so bin.“

„Wie?“

„Abhängig.“

Martin schüttelte den Kopf.

„Sie sind nicht abhängig.“

„Sie machen gerade Dinge für mich, die ich allein nicht geschafft habe.“

„Vielleicht.“

Er setzte sich ihr gegenüber.

„Aber wissen Sie, was ich gestern allein nicht geschafft habe?“

Sie sah ihn fragend an.

„Nach Hause zu gehen.“

Katharina schwieg.

„Jeder braucht manchmal jemanden.“

Am Ende blieb es nicht bei einer Nacht.

Nicht weil Katharina es bequem fand.

Im Gegenteil.

Sie wollte bereits am zweiten Tag gehen.

Doch das angekündigte Zimmer erwies sich als unbrauchbar.

Also schliefen sie noch einige Nächte bei Martin.

Dann noch eine Woche.

Katharina bestand darauf, einzukaufen, zu kochen und sich an den Kosten zu beteiligen, sobald sie wieder Geld verdiente.

Martin protestierte.

Sie ignorierte ihn.

Zwei Wochen später bekam sie die Stelle in seiner Firma.

Nicht bei ihm.

Nicht einmal in seiner direkten Abteilung.

Sie arbeitete im Kundenservice.

Bei ihrem Vorstellungsgespräch hatte sie drei langjährige Mitarbeiter überzeugt, weil sie ruhig blieb, zuhören konnte und selbst einen aufgebrachten Testkunden innerhalb weniger Minuten wieder zum Lachen brachte.

„Sie ist gut“, sagte die Abteilungsleiterin zu Martin.

Er antwortete:

„Deshalb wollte ich, dass ihr sie euch anseht.“

Nach sechs Wochen bekam Katharina ihre erste Gehaltsabrechnung.

Sie stand abends in Martins Küche und hielt das Papier in der Hand.

„Ich habe vergessen, wie sich das anfühlt.“

„Was?“

„Zu wissen, dass nächsten Monat wieder Geld kommt.“

Im März zog sie mit Ben in die kleine Wohnung.

Martin half beim Tragen.

Ben weinte.

Nicht weil er die neue Wohnung nicht mochte.

Sondern weil er glaubte, Martin würde nun wieder allein essen.

„Das ist unfair“, sagte Ben mit tränennassem Gesicht. „Bei uns gibt es dann Spaghetti und du sitzt hier.“

Katharina sah Martin an.

„Sonntag?“

„Was?“

„Spaghetti.“

So begann es.

Sonntagsessen.

Dann gemeinsame Ausflüge.

Ein Besuch im Zoo.

Nachmittage am Rhein.

Brettspiele.

Ben brachte Martin Mensch ärgere Dich nicht bei und beschuldigte ihn regelmäßig des Betrugs.

Martin brachte Ben Schach bei.

Katharina brachte Martin etwas bei, das für ihn viel schwieriger war.

Feierabend.

„Laptop zu“, sagte sie manchmal.

„Nur noch fünf Minuten.“

„Das sagst du seit einer Stunde.“

Irgendwann duzten sie sich.

Irgendwann erzählte Martin von Claudia.

Von Sabine.

Von seinem Vater, der immer stolz auf seine Karriere gewesen war.

Und von seiner Mutter, die ihn ständig gefragt hatte:

„Junge, wann lebst du eigentlich mal?“

Martin hatte damals immer geantwortet:

„Wenn es ruhiger wird.“

Nun war seine Mutter seit neun Jahren tot.

Und es war nie ruhiger geworden.

Im Sommer fuhr Martin zu seiner Schwester.

Ohne Geschäftstermin in der Nähe.

Ohne besonderen Anlass.

Er stand einfach vor ihrer Tür.

Sabine öffnete.

Sie war inzwischen 53.

Für einige Sekunden sagte sie nichts.

Dann fragte sie:

„Ist etwas passiert?“

Martin schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Bist du krank?“

„Auch nicht.“

„Warum bist du dann hier?“

Martin musste schlucken.

„Weil ich dich vermisst habe.“

Sabines Gesicht veränderte sich.

Sie umarmte ihn.

Später saßen sie bis Mitternacht in ihrer Küche.

Zum ersten Mal seit Jahren redeten sie über ihre Eltern, alte Ferien an der Ostsee, die Weihnachtsabende ihrer Kindheit und den Streit, den sie nach dem Tod der Mutter nie richtig beendet hatten.

Martin fuhr am nächsten Morgen nach Hause.

Auf der Autobahn musste er plötzlich lächeln.

Er hatte Millionen verdient.

Aber dieses Gefühl konnte man nicht kaufen.

Ein Jahr nach jener Nacht saß Martin wieder mit Katharina und Ben an derselben Haltestelle.

Diesmal freiwillig.

Sie hatten Thermoskannen mit heißem Kaffee dabei, belegte Brote und kleine Tüten mit Handschuhen und Socken.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen